Henry: "Die WM hatte enorme Auswirkungen"

  • Die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Frankreich 2019™ jährt sich zum ersten Mal

  • Im Eröffnungsspiel gegen die Republik Korea setzte Frankreich sich mit 4:0 durch

  • Spielführerin Amandine Henry denkt an das Turnier zurück

Am 7. Juni 2019 starteten Frankreich und die ganze Welt in ein Fussballabenteuer der Spitzenklasse, das einen Monat lang andauern sollte. Vollbesetzte Stadien, Zuschauerrekorde, starke Teams auf Augenhöhe ... alle Voraussetzungen für ein wunderbares Turnier waren gegeben.

Am Ende hatten die Amerikanerinnen die Ehre, die Trophäe zum vierten Mal und zum zweiten Mal in Folge in die Höhe zu recken. Frankreich und die Republik Korea durften das Fussballfest eröffnen. Für Les Bleues war das Eröffnungsspiel im Hexenkessel des Prinzenparkstadions ein unvergesslicher Augenblick. Beim Abpfiff stand ein 4:0 auf der Anzeigetafel.

In einem Exklusiv-Interview mit FIFA.com teilt Amandine Henry, die Spielführerin Frankreichs, ihre Erinnerungen an die "Heim-WM" und spricht über die Entwicklung des Frauenfussballs im letzten Jahr.

Amandine, wenn Sie an den 7. Juni 2019 zurückdenken, welche Bilder tauchen dann vor Ihrem geistigen Auge auf?

Die Marseillaise im Prinzenpark. Da geht einem irgendwie die ganze Karriere noch einmal durch den Kopf, weil es wirklich der ultimative Traum ist, beim Eröffnungsspiel einer Weltmeisterschaft im eigenen Land die Nationalhymne zu singen. Du denkst an Dinge, die du erlebt hast, als du jünger warst. Es war das erste Spiel, deshalb war es sehr emotional und die Erwartungen waren enorm. Wir hatten uns alle erdenklichen Szenarien ausgemalt, und am Ende war es doch ganz anders, am Tag X auf dem Platz zu stehen. Es war das perfekte Spiel: das volle Stadion, das Ergebnis und wie wir es erreicht haben. Da habe ich mir gesagt: "Wir haben einen guten Start erwischt."

Sie haben in der 85. Minute mit einem fantastischen Distanzschuss ein Tor erzielt. Was haben Sie in diesem Augenblick gefühlt?

Das waren ganz viele Gefühle. Wie ich schon sagte, hatten wir das perfekte Spiel gemacht und ich konnte ihm meinen kleinen persönlichen Stempel aufdrücken, und das auch noch vor meiner Familie. Dieses Tor gehört zu denen, die mir immer in Erinnerung bleiben werden. Es ist nicht das wichtigste, aber es hatte eine besondere Note.

War Ihre Rolle als Spielführerin in diesem Spiel und während des gesamten Turniers eher zusätzlicher Druck oder Motivation?

Von beidem etwas. Ein positiver Druck, weil du mit dem Team so weit wie möglich kommen willst. Natürlich bringt die Rolle viel Verantwortung mit sich. Du musst an dich selbst denken, gleichzeitig aber auch an das Team. Aber ich war ja nicht allein. Die erfahrenen Spielerinnen im Team haben mich gut flankiert.

Das Spiel gegen Brasilien war sehr intensiv, und Sie haben in der Verlängerung den Siegtreffer erzielt. Welche Erinnerungen haben Sie an dieses Duell?

Wir standen sehr unter Druck, weil uns einfach kein Tor gelingen wollte. Es war heiß und es war das vierte Spiel. Uns steckte die Anstrengung in den Knochen. Die Zuschauer haben uns angefeuert und wir sagten uns, dass wir nicht nachlassen durften. In dem Moment, in dem ich das Tor geschossen habe, fühlte ich mich erleichtert und erschöpft. Gleichzeitig hatte ich Angst, weil dies für uns das erste Turnier mit Videoassistenten war. Ich habe mich gefragt, ob ich nicht vielleicht im Abseits gestanden hatte und ob das Tor wohl zählen würde. Ich wollte auf keinen Fall wieder beim Unentschieden anfangen.

Dann kam die Partie gegen die USA, die von vielen als "vorgezogenes Finale" bezeichnet wurde. Haben Sie das auch so gesehen?

Auf jeden Fall war es das Traumduell. Es gab aber auch noch andere Teams wie England und die Niederlande, die stark und respekteinflößend waren.

Welche Wirkung hatte es auf Sie, das Halbfinale und die Spiele in Lyon zu verpassen, wo Sie auf Vereinsebene aktiv sind?

Das hat mich sehr getroffen. Wir hatten fast zwei Jahre lang darauf gewartet und uns schon die verschiedensten Szenarien ausgemalt. Was das Spiel gegen die USA betrifft, gibt es einiges zu bedauern! Es hat lange gedauert, diese Niederlage und das Ausscheiden zu verdauen. Es hat schon weh getan, nicht nach Lyon fahren zu dürfen. Das war "unser Zuhause". Die meisten von uns haben für Olympique Lyon gespielt. Ich glaube, wenn wir dort gespielt hätten, wären wir ins Finale eingezogen. Das war die größte Enttäuschung unserer Karriere.

Was hat Frankreich rückblickend in diesem Spiel gefehlt?

Wir haben die erste Viertelstunde vermasselt. Die USA sind ein Team, das in den ersten Minuten beider Halbzeiten alles gibt, und damit haben sie uns erwischt. Das war ganz klar mangelnde Reife gegen dieses erfahrene Team.

War dieses amerikanische Team das beste aller Zeiten?

Es ist das beste. Sie haben die WM schon mehrmals gewonnen und gehörten bei den Olympischen Spielen zu den besten Teams. Sie sind immer präsent. Auch wenn sie nicht immer den schönsten Fussball zeigen, gewinnen sie immer!

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Glauben Sie ein Jahr nach der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™, dass das Turnier positive Auswirkungen auf den Frauenfussball hatte?

Es hatte enorme Auswirkungen, und zwar nicht nur auf den Frauenfussball. Ich würde sagen, generell auf Frauen im Sport in Frankreich. Wir bekommen mehr Anerkennung, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn. Was den Fussball betrifft, gibt es jetzt viel mehr Lizenzspielerinnen. Mit dem französischen Nationalteam füllen wir jetzt die Stadien, wo auch immer wir spielen. Das freut uns sehr, aber es gibt noch viel zu tun, insbesondere mit Blick auf die französische Meisterschaft, auch wenn es schon eine Weiterentwicklung gegeben hat.

Hätten Sie damals gedacht, dass Frankreich einen Monat lang wirklich ganz im Bann des Frauenfussballs stehen würde?

Tief im Inneren haben wir darauf gehofft, aber ohne wirklich daran zu glauben. In der Liga hatten wir Probleme, die Stadien voll zu bekommen. Daher hatten wir Angst, dass es hier ähnlich sein würde. Als wir unsere Zuschauerzahlen sahen, wurde uns bewusst, dass etwas passiert war. Jetzt wäre es schön, wenn wir eine etwas homogenere Liga hätten und wenn der Frauenfussball auch für gewisse Klubs zur Priorität werden würde. Nach und nach wird das passieren. Ich glaube, manchmal sind engere Verbindungen zum Männerfussball nötig und ähnlich viel Werbung und Medienberichterstattung, aber das ist ein schrittweiser Prozess.

Sie haben vor elf Jahren Ihr Debüt im französischen Nationalteam gegeben. Hätten Sie es damals je für möglich gehalten, dass der Frauenfussball eine solche Entwicklung durchmachen würde?

Überhaupt nicht. Wir waren weit davon entfernt. Ich erinnere mich noch an mein erstes Spiel, gegen die Schweiz, auf einem kleinen Platz mit wenigen Fans. Aber für mich war es das französische Nationalteam und ich hatte schon glänzende Augen. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich einmal im ausverkauften Prinzenpark spielen würde!

Wenn diese Entwicklung des Frauenfussballs exponentiell ist, was haben wir dann in den nächsten Jahren zu erwarten?

Was sich nach dieser WM noch verbessern lässt? Für uns wäre das der Gewinn des Weltmeistertitels und weiterhin die Stadien zu füllen wie im letzten Sommer. Ich hoffe, dass der Frauenfussball global werden wird, weil er nicht mehr von Tabus gebremst wird. Das Klischee "Jungen spielen Fussball und Mädchen machen Gymnastik" gehört der Vergangenheit an. Jetzt haben sich die Normen geändert, und alles ist möglich.