Smith: "England wird das Finale erreichen"

  • Kelly Smith sprach mit uns über ihre WM-Erinnerungen

  • Die legendäre Ex-Nationalspielerin teilte auch ihre Einschätzung der aktuellen Auswahl mit uns

  • "Neville hätte den Job nicht angenommen, wenn er nicht an Erfolge mit dem Team glauben würde"

Seit vielen Jahrzehnten diskutieren Fussballfans rund um die Welt immer wieder die Frage, wie gut (oder schlecht) sich ein Spieler aus einer früheren Ära in den modernen Fussball einfügen würde. Wäre dies nahtlos möglich, oder hat sich das Spiel zu sehr verändert und zu stark weiter entwickelt? Kaum jemand allerdings würde bezweifeln, dass eine Kelly Smith auf dem Höhepunkt ihrer Karriere (sie erzielte in 117 Länderspielen 46 Tore für England) auch im heutigen Fussball eine Spielerin wäre, mit der man rechnen müsste.

Die Engländerinnen sind in der Qualifikation für die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Frankreich 2019™ auf Kurs und wollen dort noch etwas besser abschneiden als 2015 in Kanada, wo sie auf Platz drei landeten. FIFA.com sprach mit Smith über ihre WM-Erinnerungen, ihre Ansichten zur aktuellen Mannschaft sowie deren Erfolgsaussichten in Frankreich.

FIFA.com: An welchen Moment bei der Frauen-WM erinnern Sie sich am liebsten?

Kelly Smith: Ich bestritt in China nach mehr als zehn Jahren in der Nationalmannschaft mein erstes großes Turnier. Gleich im ersten Spiel gegen Japan schoss ich zwei Tore. Daran erinnern sich wohl noch die meisten! Ich hatte sehr hart gearbeitet und war fest entschlossen, diese Chance nicht verstreichen zu lassen. Ich hatte davon geträumt, bei einer WM zu treffen. All die Bilder, die mir in der Nacht zuvor durch den Kopf gegangen waren, halfen mir mental vor diesem Spiel.

Und welches war der emotionalste Moment? Mein Vater war als einziger mit nach China gekommen. Er ist mein größter Fan. Er kannte meine ganze Vorgeschichte, er wusste, wie viel es mir persönlich bedeutete, auf der größten Fussballbühne zu spielen. Wir hatten gemeinsam viel durchgestanden. Ich erinnere mich noch an das Stadion: Man musste einige Treppenstufen hochsteigen, um auf das Spielfeld zu gelangen. Alle Kameras waren auf uns gerichtet. Als ich dann in der Aufstellung stand und die Nationalhymne gespielt wurde, war das wirklich sehr emotional für mich, denn ich konnte meinen Daddy im Publikum sehen.

Wie groß war der Kontrast zwischen dem Beginn Ihrer Karriere in der englischen Nationalmannschaft und jenem Moment, als Sie zu ihrem WM-Debüt aufs Spielfeld gingen? Bei meinem Debüt für England war ich gerade erst 17. Der Gegner war Italien. Ich erinnere mich noch, dass ich ungeheuer aufgeregt und nervös war, aber auch sehr stolz. Damals habe ich wohl viel zu viel mit dem Ball versucht, weil ich einfach alles zeigen und alle beeindrucken wollte!

In China empfand ich die gleichen Gefühle, nur noch intensiver, weil es ja schließlich eine WM war. Mehr als eine WM kann man nicht erreichen, darüber kommt nichts mehr. Und natürlich hatte ich schon als Kind davon geträumt, eines Tages auf dieser größten Bühne zu spielen und den Titel zu holen. Den Titel habe ich nicht geholt, doch der Traum war da.

Auch die aktuelle englische Mannschaft träumt davon, im kommenden Sommer den Weltmeistertitel zu holen. Was denken Sie über das jetzige Team der "Lionesses"? Ich denke, dass es da eine gute Mischung in der Mannschaft gibt. Einige junge Spielerinnen setzen sich durch und wollen beim Turnier glänzen. Es gibt sehr starke Angreiferinnen wie Fran Kirby und Nikita Parris, schnelle Spielerinnen im Angriff. Früher, als ich noch spielte, fehlte es England an schnellen Stürmerinnen, abgesehen von Eni Aluko.

Defensiv halte ich die Mannschaft für sehr solide. Ich denke, beim Spielaufbau aus der Abwehr heraus muss sich das Team noch etwas verbessern und ballsicherer werden, um das Mittelfeld zu überbrücken. Phil Neville hat da eine prima Gruppe zusammen. Die Spielerinnen sind alle sehr ambitioniert und lernwillig und wollen ein großes Turnier gewinnen. Und diese Möglichkeit präsentiert sich ihnen auf dem Silbertablett.

Was sagen Sie zur Ernennung von Phil Neville als Trainer? Ich habe seit seiner Ernennung mit einigen Spielerinnen gesprochen. Seine Liebe zum Fussball und sein Enthusiasmus kommen sehr gut rüber. Er ist ein Siegertyp. Er hat für Manchester United gespielt und mit dem Klub so ziemlich alles gewonnen. Er wird dieser englischen Mannschaft mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft seinen Stempel aufdrücken wollen. Und er hätte den Job wohl nicht angenommen, wenn er nicht an Erfolge mit dem Team glauben würde.

Gibt es eine Spielerin im Kader, bei der Sie sich an sich selbst erinnert fühlen? Fran Kirby ähnelt in ihrer Spielweise mir selbst. Sie ist im letzten Drittel sehr dynamisch, so wie ich früher auch. Sie hat einen sehr schnellen Antritt, was für eine Angreiferin sehr wichtig ist, und sie fordert stets den Ball.

Wenn Sie regelmäßig spielt und ihr Selbstvertrauen entsprechend groß ist, schießt sie auch Tore. Ich denke, dass Sie die Schlüsselspielerin für England ist. Sie ist sehr offensiv eingestellt und hat einen niedrigen Schwerpunkt. Daher ist es sehr schwer, gegen sie zu verteidigen. Zudem verfügt sie über einen guten Torriecher. Wenn sie von Verletzungen verschont und fit bleibt und eine weitere starke Saison spielt, dann könnte es ihre WM werden.

Welche Chancen räumen sie der englischen Mannschaft im kommenden Sommer in Frankreich ein? Ich denke, England wird das Finale erreichen. Ich bin sicher, dass das Team das drauf hat. Es geht darum, im richtigen Moment zum Erfolg zu kommen – in sehr engen Spielen keine Gegentore zuzulassen und dann im richtigen Moment ein Tor zu machen.