Der Moment der Ekstase

13. Aug. 2016
  • Sissi war einer der Stars 1999 in den USA

  • Sie spricht über die Erinnerungen an das Turnier, darunter ihr legendäres Tor gegen Japan

  • Sissi: "Dieses Spiel hat zweifellos mein Leben verändert"

Sie ist die Königin des brasilianischen Frauenfussballs, die unbestrittene Herrin des Trikots mit der Nummer zehn. Das große Torjägertalent der Canarinha und die bei Autogrammjägern begehrteste Spielerin. Nein, die Rede ist nicht von Marta. Denn diese Schlagzeilen stammen aus den späten 90er-Jahren, als Marta gerade erst aufzublühen begann. Damals prangte über der legendären Trikotnummer zehn ein anderer Name: Sissi.

Sisleide Lima do Amor war viele Jahre lang der Maßstab und ein Idol des Frauenfussballs. Eine Pionierin, die der Seleção einen Platz auf der internationalen Landkarte verschaffte. Ihren glorreichsten Moment erlebte sie bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft USA 1999, bei der sie nicht nur die Bronzemedaille holte, sondern auch mit dem adidas goldenen Schuh als Torschützenkönigin - gemeinsam mit der Chinesin Sun Wen - sowie mit dem silbernen Ball ausgezeichnet wurde.

"Jene WM war fantastisch", blickt sie im Exklusiv-Interview mit FIFA.com zurück. "Ich bekomme noch heute Gänsehaut, wenn ich daran denke. Es war ein einmaliges Erlebnis."

In der Serie von FIFA.com über die unvergesslichen Momente in der Geschichte des Wettbewerbs darf diese Auflage sowie die Erinnerung an jenes Traumtor, mit dem Sissi Brasilien ins Halbfinale schoss, auf keinen Fall fehlen.

Wir schreiben den 1. Juli 1999. Im Viertelfinale traf das brasilianische Team in Washington auf Nigeria. Schon nach 35 Minuten stand es 3:0 für die Brasilianerinnen! Aber in der zweiten Halbzeit gelang den Afrikanerinnen eine spektakuläre Aufholjagd mit dem Ausgleich in der 85. Minute, so dass die Partie in die Verlängerung ging. "Wir wurden nachlässig. Wir gingen in die Pause und dachten, wir hätten das Spiel im Sack. Die Nigerianerinnen haben das gespürt und ausgenutzt", erklärt Sissi die unerwartete Dramatik, die jenes Duell noch entwickelte.

In der 105. Minute pfiff die Unparteiische ein Foul in etwa 20 Meter Entfernung vom nigerianischen Tor. Sissi holte tief Luft und führte einen meisterhaften Freistoß aus, der vom Pfosten ins Netz prallte. "In diesem Moment spürte ich, dass wir Geschichte schreiben würden, dass dies unser Moment war", berichtet die Schützin.

"Bis heute kann ich mir dieses Tor nicht ansehen, ohne dass ich gerührt bin. Dieses Spiel hat zweifellos mein Leben verändert. Es war das erste Golden Goal des Frauenfussballs", sagt sie stolz. Tatsächlich war damals noch die Regel gültig, nach der ein Treffer in der Verlängerung sofort das Ende der Partie bedeutete.

Es war ein historisches, aber auch sehenswertes Tor. Als das Netz zappelte, rannte Sissi einfach drauflos. Sie hatte kein Ziel, aber durchaus eine Absicht. "Ich bin ausgeflippt bei diesem Lauf. Ich hatte diesen Druck in mir, dem brasilianischen Volk zu zeigen, dass auch wir Mädchen Fussball spielen können. Es ging nicht darum, es mit dem Männerfussball zu vergleichen, wir haben einfach nur unseren eigenen Platz beansprucht. In jenem Moment schrie ich, damit die ganze Welt hört, dass wir dort waren und es verdienen, dass unsere Arbeit respektiert und unsere Fähigkeiten anerkannt werden."

Und sie ergänzt: "Später konnte ich nicht schlafen, weil ich voller Adrenalin war. Jenes Tor war eines der wichtigsten meines Lebens."

Unerwartet Torjägerin

Es war ihr siebter Treffer bei jenem Turnier. Eine Bilanz, die angesichts ihrer damaligen Rolle im Team nicht zu erwarten war. "Ich war nie eine Spielerin, die viele Tore schießt. Meine Aufgabe war es eher, Vorlagen zu geben. Als ich bei jener WM anfing, Tore zu schießen, war ich selbst überrascht", sagt sie lachend. "Ich war doch die Vorbereiterin der Tore, nicht die, die sie macht!"

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Ihre Leistung war noch aus einem zweiten Grund erstaunlich, denn die damals 32-Jährige reiste mit einer Verletzung zum Turnier. "Ich zog mir beim Futsal eine Prellung im Gesicht zu. Es wurde über eine Operation nachgedacht, aber ich wollte die WM nicht verpassen. Ich weiß nicht, irgendwie ahnte ich, dass etwas Besonderes passieren könnte. Ich spielte mit der Verletzung im Gesicht und hatte zum Glück keinerlei Probleme", erklärt sie.

Eine riskante Wette, die sie gewann. Und heute stehen die Trophäen wohl behütet in ihrem Zuhause, das sich in Kalifornien, USA, befindet, wo Sissi als Jugendkoordinatorin für den Frauenfussball am Solano College arbeitet.

"Das Trikot mit der Nummer zehn von jener Partie ist eines der wenigen, die ich aufbewahrt habe, denn normalerweise habe ich sie getauscht. Den goldenen Schuh und den silbernen Ball habe ich auch aus Brasilien mitgenommen. Manchmal nehme ich sie mit zum Verein, damit die Mädchen Fotos schießen können. Auf diese Weise kann ich sie inspirieren und motivieren", sagt sie.

Das brasilianische Team sollte das Halbfinale am folgenden 4. Juli gegen den Gastgeber und späteren Weltmeister verlieren, aber Sissi und ihre Mitstreiterinnen trösteten sich mit einem Sieg im Elfmeterschießen gegen Norwegen und der Bronzemedaille. "Es war eine historische WM, die dem Frauenfussball international Anerkennung eingebracht hat", betont ehemalige Offensivspielerin.

Darauf angesprochen, nutzt Sissi die Gelegenheit, um sich als Bewunderin derjenigen Akteurin zu erkennen zu geben, die das Trikot mit der Nummer Zehn geerbt hat: "Marta ist eine einzigartige Spielerin. Ich habe sie kennengelernt, als ich bei Vasco da Gama als Profi spielte und sie noch Juniorin war. Man konnte schon sehen, dass sie eine besondere, einmalige Spielerin war. Manche Fans denken, dass es zwischen uns eine Konkurrenz gibt, aber ganz im Gegenteil. Wir haben einen ganz unterschiedlichen Stil. Sie ist mit einer besonderen Gabe geboren, und ich respektiere sie sehr. Jede Generation hat ihre Vorbilder, und Marta ist heute diejenige, die den brasilianischen Frauenfussball am besten vertritt."

Sissi poses for a picture ahead of the 66th FIFA Congress at Presidente InterContinental Hotel Mexico City on May 11, 2016 in Mexico City.  (Photo by Alexander Hassenstein - FIFA/FIFA via Getty Images)