Gabarra: "Ich bin stolz, zur Geschichte des U.S.-Frauenteams zu gehören"

  • Carin Gabarra gewann bei der ersten FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ den Goldenen Ball von adidas

  • Die frühere Starspielerin sprach anlässlich des Jahrestages des ersten Finales exklusiv mit FIFA.com

  • "Ich bin stolz, zur Geschichte des U.S.-Frauenteams zu gehören"

Der Begriff "Pionierin" wird häufig verwendet, wenn es um das Thema Frauenfussball geht, doch bei Carin Gabarra besteht keinerlei Zweifel, dass sie tatsächlich in diese Kategorie gehört.

Schließlich war sie die erste Gewinnerin des Goldenen Balls von adidas in der Geschichte der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ und steht damit für den Beginn eines reichen Erbes. Mit ihrer Kreativität am Ball begeisterte Gabarra die Zuschauer – in einer Zeit, als die heutige Starspielerin Rose Lavelle noch nicht einmal geboren war.

Sie war zusammen mit Jill Biden an Bord der Air Force Two und flog um die halbe Welt, um das Team zu sehen, zu dessen Erbe sie viel beigetragen hat: die US Frauen-Nationalmannschaft.

Zum heutigen Jahrestag des Endspiels der ersten FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ sprach FIFA.com mit Gabarra, die seit 1993 Cheftrainerin im Frauenfussballprogramm der US-Marine ist, und erfuhr von ihr vieles über dieses historische Turnier und darüber, wie es ihr Leben verändert hat.

FIFA.com: Können Sie uns etwas über die Vorbereitung auf die erste FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ erzählen? Wie haben Sie persönlich sich in den Tagen vor dem Turnier gefühlt? Haben Sie erwartet, dass Sie so gut spielen würden?

Carin Gabarra: Ich glaube, keine von uns hat damals wirklich begriffen, wie historisch das war. Wir waren vielleicht drei, vier Mal vor der Weltmeisterschaft in China gewesen, so dass wir mit der Reise und der Kultur und der Situation dort vertraut waren. Das hat uns sehr geholfen. Im Jahr zuvor hatte es ein großes Turnier in China gegeben, bei dem wir ganz gut waren, aber nicht großartig. All die europäischen Teams hatten die Europameisterschaft und spielten viel häufiger als wir. Wir hatten einfach kein Gefühl für die Bedeutung des Turniers, weil wir so etwas nie zuvor gemacht hatten. Wir waren lediglich ein paar junge Frauen aus dem ganzen Land, die von der High School und vom College zusammenkamen. Wir wussten nicht, was wir zu erwarten hatten und wie es sein würde, doch wir waren zuversichtlich, was unser Können anging.

Erzählen Sie uns etwas von hinter den Kulissen bei dieser Reise nach China. Gab es etwas Herausragendes?

Es war anders als zuvor, weil dieses Mal unsere Familien mit zu dem Turnier reisen konnten. Wir spielten schon drei, vier Jahre zusammen und kannten uns sehr gut. Doch wir hatten noch nie die Familien der anderen getroffen und sie hatten uns noch nie live in einem Spiel gesehen. Wir haben auch eigene Köche zur WM mitgenommen, um uns wie gewohnt ernähren zu können. Es ist nicht leicht, auf einer solchen Reise gesund und in Topform zu bleiben. Wir waren in einem Fünf-Sterne-Hotel untergebracht. Die Chinesen haben wirklich viel Geld, Zeit und Aufwand in dieses Turnier gesteckt und entsprechend großartig wurde es auch. Man braucht einen perfekten Lauf, um eine Weltmeisterschaft zu gewinnen. Da muss einfach alles passen. All diese Faktoren haben eine große Rolle für unseren Erfolg gespielt.

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An welche Details rund um die ersten Spiele bei der WM erinnern Sie sich noch?

Es war großartig, dass unsere Familien dabei waren und wir sogar etwas Zeit mit ihnen verbringen konnten. Und es waren auch Fans von uns vor Ort, das hatte es zuvor noch nie gegeben. Es ist einfach eine enorme Ehre, für das eigene Land zu spielen. Es ist eine große Sache, das Nationaltrikot anzuziehen, das Emblem zu tragen und für sein Land zu spielen. Und man muss bedenken, dass es damals noch keine Sozialen Medien gab und noch kein Internet. Es drehte sich alles nur um uns und unsere Familien vor Ort. Ich glaube, fast jedes Spiel war ausverkauft. Es waren große Zuschauermengen in den Stadien. Die Busfahrten zu den Stadien waren ziemlich spektakulär, ein tolles Erlebnis. Wir sahen all die Menschen, die von überall her zu den Stadien strömten, Tausende and Abertausende Menschen auf den Straßen – einfach fantastisch. Das war anders, als alles, was wir bis dahin erlebt hatten. Dabei bekam man dann ein Gefühl dafür, was für ein wirklich großes Turnier das war. So etwas hatten wir noch nie erlebt, das war neu.

Carin Jennings (#12) of United States leaps to avoid Doris Fitschen (#5) of Germany during play in the 1991 FIFA Women's World Cup semi final match between United States and Germany at the Guangdong Provincial Stadium in Guangzhou, China on 27th November 1991. United States would go on to win the match 5-2. (Photo by Bob Thomas via Getty Images)

Welche Erinnerungen an das Finale selbst haben Sie noch?

Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Gefühle direkt danach. Schließlich war das die Weltmeisterschaft. Ich habe versucht, zu begreifen, was wir gerade geschafft hatten. Es war ein großartiges Event mit tollem Publikum. Norwegen war ein enorm starker Gegner. Wir hatten schon mehrfach gegeneinander gespielt. Es gab da eine ziemlich intensive Rivalität. Die Norwegerinnen spielten einen ganz anderen Stil als wir, und darin waren sie wirklich gut. Sie haben uns das Leben sehr schwer gemacht. Sie spielten viele lange Bälle und gewannen nahezu alle Kopfballduelle. Wir hingegen spielten ein Kurzpassspiel mit viel Druck, so eine Art Tiki-Taka. Wir hatten sechs Spiele in weniger als zwei Wochen, das war extrem anstrengend. Alle waren ziemlich erschöpft, so dass es wohl nicht das beste Fussballspiel war. Letztlich waren der Wille und die Verbissenheit entscheidend. Wir haben dann das entscheidende Tor geschafft, und nach dem Spiel war es ein wirklich fantastisches Gefühl.

Wie erleben Sie die heutigen Weltmeisterschaften? Wie haben Sie beispielsweise das Finale 2019 gesehen?

Weltmeisterschaften sind immer fantastisch und das liegt auch an einer Besonderheit des US-Frauen-Nationalteams: Wenn man einmal dazu gehört, gehört man immer dazu. Die Ex-Spielerinnen stehen sich alle sehr nahe. Wir sind bestens informiert und halten stets Kontakt. Ich fühlte mich immer zugehörig, auch nach meinem Rücktritt. Die letzte WM war etwas ganz Besonderes, denn viele Teams waren sehr stark und es war alles sehr eng. Es war keine Heim-WM für unser Team. Trotzdem haben sie in den Stadien in Europa Mittel und Wege gefunden, sich gegen starke Gegner durchzusetzen. Das ist alles andere als leicht. Und alle müssen gesund und frei von Verletzungen bleiben. Es gibt sehr viele Variablen." Ich bin stolz, zur Geschichte des US-Frauenteams zu gehören und damit in Verbindung zu stehen. Heute bekommen die Spielerinnen viel mehr Geld und sind viel bekannter, doch sie werden auch bei allem kritisiert, was sie auf ihren sozialen Medienplattformen tun. Jeder kann über sie sagen, was immer er will. Das ist eine ganz andere Dynamik, mit der ich mich damals nicht auseinandersetzen musste. Es hat also Vorteile aber auch Nachteile, dass der Frauenfussball es so weit gebracht hat.

Sie haben das WM-Finale 2011 auf eine ganz besondere Weise erlebt. Was können Sie uns darüber erzählen?

Ich war bei der Arbeit in der Marineakademie und saß in meinem Büro, als mein Handy klingelte. Es wurde keine Nummer sondern "Unbekannt" angezeigt, daher wusste ich, dass es wohl jemand war, der nicht wollte, dass ich die Nummer sehe. Es war der frühere Präsident des Fussballverbands, Sunil Gulati. Ich gehörte damals zur Technikkommission von US Soccer. Er fragte: "Hey, möchtest du zum Finale kommen?" Ich sagte natürlich "Ja". Und er darauf: "Ok, ich schicke dir genauere Informationen. Du fliegst morgen mit der Air Force Two nach Deutschland." Ich bekam meine Freigabe sehr schnell, denn bei der Marineakademie waren schon zuvor Fingerabdrücke für das FBI genommen worden. Es mussten also keine umfangreichen Checks mehr durchgeführt werden. Wir flogen ab Washington DC. An Bord waren ganz verschiedene Leute in verschiedenen Bereichen des Flugzeugs: Dr. Biden war dabei, Chelsea Clinton und noch einige Leute vom Außenministerium. Was für ein Flug! Man konnte das Mobiltelefon auch während des Fluges benutzen, es gab Großbildschirme mit Kinofilmen und viele schliefen auch die ganze Zeit. Ich sprach mit all den Air-Force-Leuten und auch mit den Piloten über das Flugzeug. Das war phänomenal. Eine wirklich tolle Reise.

Kurz vor der Abfahrt zum Finale gab es ein interessantes Gespräch zwischen Dr. Biden und mir. Sie sagte: "Es ist faszinierend, wie sehr sich Ihr ganzes Verhalten geändert hat." Und ich erwiderte: "Natürlich hat es sich geändert, schließlich steht jetzt das Spiel auf dem Programm!" Man konnte mir die Anspannung also buchstäblich ansehen, denn dieses Spiel war mir wirklich sehr wichtig, schließlich war es ja ein WM-Finale. Leider haben wir verloren, das war wirklich sehr bitter. Auf dem Rückweg ins Hotel saß ich in der letzten von drei oder vier Limousinen. Wir hielten an, und Dr. Biden stieg aus dem vordersten Wagen aus und kam zu mir nach hinten und sagte: "Ich brauche Ihre Meinung." Und ich dachte: "Na, das ist doch mal was. Die Frau des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten fragt mich hier und jetzt nach meiner Meinung." Sie wollte von mir wissen, ob wir nach dieser Niederlage das Team besuchen sollten oder nicht, und ich sagte: "Natürlich, das müssen Sie machen. Sie sind die Frau des Vizepräsidenten und genau dafür sind sie hier." Wir gingen also ins Teamhotel und warteten. Es herrschte eine düstere, enttäuschte Stimmung. Unsere Teams verlieren nicht gern. Wir gingen alle hinein und Dr. Biden und Mrs. Clinton sprachen mit dem Team.

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Welche Hoffnungen hegen Sie für die Zukunft und die Entwicklung des Frauenfussballs? In welchen Bereichen wollen Sie noch mehr Wachstum sehen?

Ich will, dass wir einfach weiterhin viel gewinnen. Ich wünsche mir, dass die Spielerinnen weiterhin auf dem Niveau spielen, auf dem sie sind, dass sie weiterhin zu den Besten der Welt gehören und dass sie die finanziellen Mittel und den Rückhalt haben, um auf diesem Niveau beständig zu konkurrieren und eine professionelle Karriere zu machen - das hätten wir uns zu meiner Zeit nie träumen lassen. Ich möchte, dass Mädchen ihren Träumen folgen, dass jüngere Mädchen selbstbewusst spielen und das Gefühl haben, dass sie akzeptiert werden und dass sie in erster Linie Sportler sind und nicht in erster Linie weibliche Sportlerinnen, und dass sie auf jedem Niveau ihrer Wahl antreten und spielen können.