Lucy Bronze: Ich will die Beste sein!

"Sie kann ohne jeden Zweifel die beste Rechtsverteidigerin der Welt werden." Ein solches Ziel zu nennen, ist kühn und unbestreitbar ambitioniert. Doch eine echte Überraschung ist es nicht, denn es war Mark Sampson, der Trainer der englischen Frauen-Nationalmannschaft, der es ausgab – und es war Lucy Bronze, die Abwehrspielerin, die sich dieses Ziel zu eigen machte. Beide personifizieren wie kaum jemand sonst das neue, das entschlossene und das unverhohlen selbstbewusste englische Frauen-Nationalteam.

"Die Beste der Welt? Ich habe gehört, dass Mark das gesagt hat, und ich bin mehr als einverstanden damit", so Bronze im Gespräch mit FIFA.com. "Er weiß, dass ich mir ohnehin selbst immer die höchsten Ziele setze. Ich will die beste Spielerin sein, die ich nur sein kann. Wenn das bedeutet, die beste Rechtsverteidigerin der Welt zu werden, na – warum nicht? Ich weiß, dass ich dieses Ziel noch nicht erreicht habe, aber ich finde es richtig, dass er solche Ziele ausgibt, denn ich bin ambitioniert, ich glaube an mich selbst und ich werde alles geben, um immer noch etwas besser zu werden."

Ihre Leistung bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft noch zu übertreffen, wird allerdings nicht leicht, denn  Lucy Bronze schrieb eine der großen individuellen Erfolgsgeschichten in Kanada und verdiente sich mit ihren herausragenden Leistungen einen Platz im All-Star-Team des Turniers. Schon das zeichnet sie als eine der besten Verteidigerinnen im internationalen Frauenfussball aus. Die Akteurin von Manchester City trug sogar mit zwei Toren zum Erfolg der Lionesses bei, die sich gegen Gastgeber Kanada und gegen Deutschland durchsetzten und sich den dritten Platz sicherten. Doch nach dem neuen Selbstverständnis sehen die Engländerinnen ihr Abschneiden, so beeindruckend und beispiellos es auch war, eben nicht mehr als Ausrutscher nach oben an. Bronze und der aktuellen Generation ist dieser Platz auf dem Podium noch nicht genug. Sie wollen noch höher hinaus und ihre eigene Bestleistung übertreffen.

"Ich glaube, genau diese Einstellung wollte Mark herbeiführen", so Bronze. "Seit seinem Amtsantritt dreht sich alles darum, keine Angst mehr vor der eigenen Kühnheit und vor großen Ambitionen zu haben. Und diese Einstellung nehmen wir jetzt in alle zukünftigen Turniere mit. Zur EURO oder zur nächsten WM fahren wir mit der festen Überzeugung, dass wir den Titel holen können, und das war bisher nicht unbedingt so. Er hat uns die Freiheit gegeben, so etwas tatsächlich auszusprechen. Das hat zu einer echten Veränderung der Mentalität geführt. Früher haben wir uns in typisch englischer Manier lieber nicht zu sehr aufgebaut. Aber man muss sich nur einmal die Amerikanerinnen anschauen. Die zögern nicht, laut und deutlich zu sagen: 'Wir sind gut genug und wir werden das Ding gewinnen.' Dabei ist es egal, ob das den Leuten gefällt. Es kommt nur auf den Glauben im eigenen Lager an. Und mit Mark glauben wir wirklich daran."

Dieser Glaube war bei der WM deutlich zu erkennen, als sich die Engländerinnen eben nicht mehr mit ihrer traditionellen Außenseiterrolle zufrieden geben oder das Viertelfinale als Maximalziel akzeptieren wollten. Sampsons hat mit seiner Begeisterung und seiner Leidenschaft diese Stimmung hervorgerufen, doch auch Bronze selbst und mehrere weitere Spielerinnen stießen angesichts ihrer Erfahrung selbstbewusst und siegessicher zum Team. Schließlich hatte die heute 23-Jährige bereits 2009 mit der englischen Nachwuchsauswahl den Titel bei der FIFA U-19-Frauen-Weltmeisterschaft geholt und sah keinen Grund, warum die A-Mannschaft nicht ähnliche Sphären anstreben sollte.

"Die Erfahrung aus den Nachwuchsturnieren hat uns sehr geholfen", so die Verteidigerin, die auch bei der FIFA U-17- und U-20-Weltmeisterschaft dabei war. "Die Mädchen, die dabei waren, kannten schon die Turnieratmosphäre und waren and Siege und Erfolge gewöhnt. Diese Mentalität konnte man durchaus erkennen, finde ich. 'Keine Angst' – das war unsere Einstellung.

Wir haben diese WM als große Herausforderung angesehen und sie wirklich sehr genossen. Es war einfach fantastisch. Ich glaube, es war sehr hilfreich, dass das Turnier in Kanada stattfand, wo der Frauenfussball einen so hohen Stellenwert hat. Kanada war ein fantastischer Gastgeber. Die Zuschauermassen boten einfach ein tolles Bild des Landes. Und auch die Atmosphäre drum herum war einfach wunderschön, noch besser, als wir erwartet hatten. Immer wieder kamen Leute auf der Straße zu uns, um uns Glück zu wünschen.

"Allerdings hatte ich keine Ahnung, was für Auswirkungen das alles daheim in England hatte. Das wurde mir erst klar, als ich zu Hause anrief und meine Mutter mir sagte: 'Du warst in dieser TV-Sendung und in jener Zeitung.' Sie und meine Oma haben all die Zeitungsausschnitte aufbewahrt und mir gezeigt, als ich zurückkam. Und ich glaube, erst als ich das alles gesehen und die ganzen Berichte gelesen habe, ist mir wirklich klar geworden, was für eine Riesensache dieses Turnier war."

Diese Auswirkungen sind auch weiterhin spürbar und sorgen für erheblich gestiegene Zuschauerzahlen in der FA Women's Super League und für eine weitaus umfangreichere Berichterstattung. Bronze hofft, dass dies auch langfristig der Lohn dafür bleibt, das ganze Land in den Bann gezogen zu haben.

Sie sagte: "Diese Weltmeisterschaft, unser Teamgeist, der Gewinn einer Medaille, der Sieg über Deutschland – genau danach hat sich das englische Fussballpublikum doch gesehnt. Außerdem hat das alles so manchem die Augen geöffnet, was das Niveau, die Zuschauerzahlen und die Professionalität angeht. Seitdem hat definitiv ein Umdenken stattgefunden, das merkt man genau. Wildfremde Leute kommen auf der Straße zu mir, um zu gratulieren. Doch die größte Veränderung hat es bei den Spielen gegeben. Und ich meine nicht nur die reinen Zahlen. Man sieht Mädchen und Jungs mit City-Trikots mit unseren Namen auf dem Rücken und alle wollen Fotos mit uns machen... Das macht deutlich, wie weit wir es gebracht haben – und ich finde es einfach fantastisch, das mitzuerleben. Die Herausforderung heißt jetzt, weiterzumachen und darauf aufzubauen."

Glücklicherweise liebt Bronze große Herausforderungen dieser Art ganz besonders. Und ob es nun darum geht, die englischen Erfolge zu festigen, einen großen Titel zu gewinnen oder eben die beste Rechtsverteidigerin der Welt zu werden – nur jemand, der besonders töricht ist, würde darauf wetten, dass es ihr nicht gelingt.