Pedro Gallese: "Unsere Gegner sehen uns mit anderen Augen"

  • Peru trifft am Montag im interkontinentalen Play-off für Katar 2022 auf Australien

  • Im Interview mit Pedro Gallese sprechen wir über seine Entwicklung und die Wahrnehmung der peruanischen Mannschaft im internationalen Fußball

  • Außerdem lässt er die WM-Qualifikation Revue passieren

Die Beurteilung fällt einstimmig aus: Pedro Gallese ist einer der besten Torhüter in der Geschichte Perus. Der aktuelle Schlussmann des MLS-Klubs Orlando City war stets ein sicherer Rückhalt und hatte somit maßgeblichen Anteil an den jüngsten Erfolgen der Blanquirroja: Dritter bei der Copa América 2015, Zweiter bei der Copa América 2019 und Vierter bei der Copa América 2021. Doch keiner der drei kontinentalen Wettbewerbe lässt sich mit dem großen Erfolg einer Generation vergleichen, die ihr Land nach 36 Jahren wieder zu einer Weltmeisterschaft führte. Gallese stand im Play-off gegen Neuseeland in der Startformation und bestritt alle drei Partien bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™. 

Aufgrund des Fehlens von Paolo Guerrero ernannte Trainer Ricardo Gareca seinen Torhüter Gallese zum neuen Kapitän. Abgesehen von seinem Einfluss als letzte und entscheidende Bastion der Verteidigung musste El Pulpo als Führungspersönlichkeit mit der Kapitänsbinde eine weitere Verantwortung übernehmen. Im Vorfeld des interkontinentalen Play-offs gegen Australien, bei dem es um das letzte Ticket für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Katar 2022™ geht, sprach der 32-jährige Torhüter, der auf dem Radar mehrerer Top-Klubs des Weltfußballs steht, mit FIFA+ über die aktuelle Form der peruanischen Nationalmannschaft und den Einfluss des Argentiniers Ricardo Gareca auf die Struktur innerhalb des Teams. 

FIFA+: Welche Unterschiede sehen Sie in der Vorbereitung auf die Play-offs im Vergleich zu 2018? Pedro Gallese: Meine Mannschaftskameraden haben sich sehr gut auf dieses Spiel vorbereitet. Es ist immer gut, zusammen zu sein. Es wird ein sehr schwieriges Spiel, ganz sicher. Der große Unterschied besteht darin, dass es dieses Mal nur dieses eine Spiel gibt. Im Fußball kann so ziemlich alles passieren, es gibt keinen Favoriten. Es wird ein enges Spiel. Auch die Australier haben lange und hart gearbeitet, um sich für die WM zu qualifizieren, ebenso wie wir. 

Spüren Sie weniger Druck und Nervosität als im letzten Play-off? Die Nervosität wird immer da sein. Ich denke, dass jemand, der keine Nerven hat, nicht Fußballspieler werden kann. Ja, wir haben jetzt etwas mehr Erfahrung. Wir wissen bereits, wie es ist, in einem Play-off zu spielen. Wir konnten mit dem Druck, uns seit 36 Jahren nicht mehr für eine WM qualifiziert zu haben, sehr gut umgehen, doch man spürt dennoch die Anspannung, weil wir über all die Jahre hinweg hart gearbeitet haben. Wir haben schwierige Spiele bestritten, um diese Phase zu erreichen. Doch sobald das Spiel beginnt, wird die Nervosität von uns abfallen und wir werden das tun, worauf wir uns vorbereitet haben. 

Ändert sich etwas an der Planung, weil es sich nur um ein einziges Spiel handelt? Natürlich werden es beide Teams zunächst vorsichtig angehen. In einem Spiel wie diesem muss man sich zunächst darauf konzentrieren, ohne Gegentor zu bleiben, und dann Minute für Minute an seinem Spiel arbeiten. Es wird eine schwierige Partie werden, weil es kein Rückspiel gibt. 

Was hat sich zwischen 2018 und 2022 bei Ihnen geändert?  Ich bin jetzt wesentlich erfahrener, da ich seitdem sehr viele Partien bestritten habe. Ich bin reifer und weiß, wann ich das Spiel schneller machen muss und wann ich Tempo herausnehmen kann. Das wird mir in diesem Spiel sehr zugute kommen. Man versucht immer, neue Aspekte ins eigene Spiel einzubauen, die man bei anderen Spielern beobachtet. Und ich bin sehr stark in meinem Stellungsspiel geworden. Wenn Paolo nicht da ist, muss jemand die Führungsrolle für die Teamkameraden übernehmen – daran habe ich gearbeitet und dabei gelernt. 

Was bedeutet es, Kapitän von Peru zu sein, und wie hat es die Dynamik innerhalb des Teams verändert?  Ohne Paolo mussten einige von uns vorangehen und das Team führen. Wir haben diese Rolle übernommen und haben jetzt eine sehr starke Truppe. 

Sie sind jetzt 32 Jahre alt und Peru hatte seit 36 Jahren an keiner WM mehr teilgenommen. Wie erinnern Sie sich an die Jahre ohne Peru bei der Weltmeisterschaft? Das war kaum zu ertragen. Ich habe immer die Länderspiele gesehen, unsere Nationalmannschaft unterstützt und mich immer danach gesehnt, sie bei einer WM zu sehen, doch es kam nie dazu. Ich habe immer davon geträumt. Und dann ist es gelungen. Ich war dabei und das hat mich sehr glücklich gemacht. Ich hatte das Gefühl, dass das Land es brauchte, seine Nationalmannschaft bei einer Endrunde zu sehen. Ich werde mich immer an die WM erinnern. Ich habe es geliebt, die südamerikanischen Länder spielen zu sehen, und habe immer davon geträumt, dass auch Peru einmal dabei sein würde. 

Sie haben mehrere Elfmeter gehalten, etwa gegen Darwin Machís im letzten Spiel gegen Venezuela. Wie studieren Sie Ihre Gegner?  Der Fußball ist moderner geworden. Heute gibt es Informationen im Überfluss. Man studiert den Spieler, ebenso wie der Spieler den Torhüter studiert. Und am Ende muss man eine Entscheidung treffen. Man sieht, wie das Spiel läuft, und je nachdem entscheidet man, in welche Richtung man sich wirft.

Haben Sie das Gefühl, dass die Rückkehr ins Rampenlicht eine Bestätigung für den peruanischen Fußball ist? In einem Interview sagten Sie einmal, dass Sie nach der WM in Russland dachten, dass einige von Ihnen zu größeren Klubs wechseln würden, was jedoch nicht eingetreten ist.  Als Kind träumt man immer davon, in den europäischen Top-Ligen zu spielen. Auf dieses Ziel arbeite auch ich hin. Mit dem Nationalteam arbeitet wir darauf hin, uns erneut für die WM zu qualifizieren und mit anderen Augen gesehen zu werden. Es ist sehr schwierig für Peruaner, in andere Länder zu wechseln, doch wenn wir es zur WM schaffen, dürfte sich dies wieder ändern. 

Kylian Mbappé hat auf Unterschiede zwischen dem europäischen und dem südamerikanischen Fußball hingewiesen. Haben Sie das Gefühl, dass der südamerikanische Fußball unterschätzt wird?  Ja, denn jene, die nicht hier sind oder nicht wissen, wie es ist, in der südamerikanischen Qualifikation zu spielen, können alles Mögliche sagen, aber sie wissen nicht, wie es ist, lange Zeit, viele Stunden, von einem Ende des Kontinents zum anderen zu reisen. Sie wissen nicht, wie es ist, in großer Höhe zu spielen. Sie spüren nicht den Druck, in Argentinien zu spielen, und wissen auch nicht, wie groß der Druck der Fans in Brasilien ist. Ja, der südamerikanische Fußball wird wohl etwas unterschätzt. Ich bin davon überzeugt, dass viele eine andere Meinung hätten, wenn sie in der äußerst schwierigen Südamerika-Qualifikation spielen müssten. 

Peru war in den letzten Jahren sozialen Krisen ausgesetzt, doch die Menschen fanden Zuflucht in den guten Ergebnissen der Nationalmannschaft. Welche Bedeutung hat die Nationalmannschaft für das peruanische Volk?  Die Nationalmannschaft hat stets versucht, dem Land Freude zu bereiten, all das Schlechte zu vergessen und diese Sorgen durch den Fußball etwas beiseite zu schieben. Die Unterstützung der peruanischen Fans ist bedingungslos, sie sind immer bei der Nationalmannschaft und wissen, dass wir alle auf dem Spielfeld unser Bestes geben. Wir spüren diese Unterstützung in den Sozialen Netzwerken und auch auf dem Spielfeld, und wir wollen den Fans noch viel mehr Freude bereiten. 

Sie sind mit nur einem Punkt aus fünf Spielen mäßig in die Qualifikation gestartet. Was war der Wendepunkt?  Wir sind in den ersten Partien tatsächlich sehr schlecht in die Qualifikation gestartet, doch wir wussten, dass wir das Ruder noch umreißen können. Wir haben nicht wirklich schlecht gespielt. Die Trendwende kam in Ecuador: Wir mussten in einem äußerst schwierigen Spiel gegen einen Gegner gewinnen, der sehr gut in Form war. Bei einer Niederlage oder einem Unentschieden wären wir wahrscheinlich ausgeschieden. Doch wir haben gewonnen, sind über uns hinausgewachsen und haben gemerkt, dass wir noch Chancen hatten. Wir wurden immer besser und haben begonnen, wichtige Punkte zu sammeln. 

Auch auf dem Weg zur WM in Russland hat die Mannschaft schwierige Situationen gemeistert. Sehen Sie einen Mentalitätswandel in der peruanischen Nationalmannschaft? Ich glaube, dass wir in diesen acht Jahren mit Ricardo mental sehr stark geworden sind. Es gibt viele, die ihre Ernährung umgestellt und optimiert haben. Einige Spieler haben individuelle Trainer in ihren Klubs. Bei uns gibt es viele Änderungen und davon hat die Nationalmannschaft profitiert. 

Welchen Einfluss hat Gareca auf den peruanischen Fußball und auf Sie selbst? Mit seinen technischen Anweisungen hat er vieles verändert. Er steht immer hinter den Spielern und versucht, das Beste aus jedem Einzelnen herauszuholen. Er rief mich einmal an und sagte mir, dass ich ein guter Torwart wäre, ein guter Schlussmann, doch dass ich noch etwas mehr bräuchte. Dass ich mich auf das ganze Spiel konzentrieren und die ganze Zeit sehen muss, was auf dem Platz passiert. Das hat mich zu einem besseren Torhüter gemacht. Ich habe sehr genau auf mich geachtet und damit begonnen, mir meine Spiele anzuschauen und auch jene, die ich früher bestritten hatte, und ich habe sie miteinander verglichen. Ich erkannte eine Weiterentwicklung. Ich sah, dass ich die Spiele kontrollierte, dass ich versuchte, das Tempo zu bestimmen, Tempo herauszunehmen, hinter einem Mannschaftskameraden zu stehen. All das ist für einen Torhüter von grundlegender Bedeutung. 

Wie hat sich das peruanische Team auf dem Spielfeld weiterentwickelt?  Diese Mannschaft agiert nun, anstatt nur zu reagieren. Wir können gegen alle Mannschaften der Welt auf Augenhöhe spielen. Die anderen Mannschaften sehen uns in einem anderen Licht – die Zeiten, in denen man sagte "Wir spielen gegen Peru und nehmen locker drei Punkte mit", sind definitiv vorbei. Wir sind eine Mannschaft, die zuschlägt, wenn sie zuschlagen muss, die defensiv gut organisiert ist und die jede Mannschaft vor Probleme stellen kann. Um drei Punkte zu holen, müssen sie doppelt so viel laufen wie wir, sie müssen konzentriert sein, denn die peruanische Mannschaft will immer mehr – sie wird um jeden Ball kämpfen. Die anderen Mannschaften sehen uns jetzt mit anderen Augen.