Marinovic: Neuseelands Rückhalt aus der Unterklasse

Wenn Fans sich ein Amateurspiel ansehen, erwarten sie wenig Glanz und Gloria. Sie freuen sich auf bekannte Gesichter in ihrem Team, das mit Herz und Leidenschaft um die Punkte kämpft. Dass man dabei aber auf einen Spieler trifft, der in wenigen Monaten aller Voraussicht nach an der Qualifikation zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ teilnehmen wird, ist eher eine Seltenheit. Dies ist aber der derzeit der Fall bei der SpVgg Unterhaching, einem Team, das in der vierten deutschen Liga aktiv ist.

Stefan Marinovic steht bei den Hachingern zwischen den Pfosten und ist Nationaltorhüter Neuseelands. Im März 2015 feierte der 24-Jährige bei einem Freundschaftsspiel gegen Korea Republik sein Debüt für die Kiwis. In allen Spielen seiner Nationalmannschaft in den vergangenen elf Monaten hütete er das Tor. "Das war überragend. Ich hätte damals nicht erwartet, dass ich gleich spielen darf", zeigt sich der in Auckland geborene Schlussmann im exklusiven Interview mit FIFA.com überglücklich über seine Einsätze. "Für sein Land zu spielen, ist immer etwas Besonderes."

Nachdem Marinovic in seiner Heimat Neuseeland die Nachwuchsteams durchlief, ging er nach Europa um Profi zu werden. Über den Umweg Wehen-Wiesbaden verschlug es ihn ins Münchner Umland. Den Sprung ins neuseeländische A-Team schaffte er aber bisher nicht. Daher kam die Einladung zur Nationalmannschaft etwas überraschend. Der neue Trainer, Anthony Hudson, der seit August 2014 im Amt ist, baut das Team derzeit um und verjüngt es. "Der Verband möchte in die Zukunft schauen. Der neue Trainer hat versucht, ein Image aufzubauen und eine Mannschaft zu formen, die viele Jahre zusammenarbeiten kann." Und in dieses Konzept passte der 1,92 Meter große Torwart perfekt hinein.

Selbstzweifel Obwohl er in Deutschland in einer unteren Liga spielte, habe ihn das Trainerteam nicht aus den Augen verloren. Bereits einige Monate vor seiner Premiere kam die erste Kontaktaufnahme durch den Torwarttrainer. "Ich habe nicht erwartet, dass ich gleich nominiert werde und sie waren wohl angetan von mir und von den Videos, die sie von mir gesehen haben." Und dann ging alles ganz schnell: Einladung, eine Woche Trainingslager und sofort in die Startelf.

Ein Jahr zuvor war Marinovic noch kurz davor, die Fussballschuhe an den Nagel zu hängen. Nachdem er in der Vergangenheit zwar einige Probetrainings bei großen Klubs wie Everton, Schalke 04 oder Hamburger SV absolvierte, sich aber nie durchsetzen konnte, stagnierte seine Karriere in den unteren deutschen Ligen bei Teams rund um München.

"Es gab Zeiten, da war ich kurz davor, mit dem Fussball aufzuhören. Ich habe kein Land mehr gesehen, bei der zweiten Mannschaft von 1860 oder in Ismaning. Dann gab es Zeiten, in denen ich vereinslos war. Da fing ich an zu überlegen, da ich 22 oder 23 Jahre alt war. Es wurde Zeit, dass ich einen anständigen Lohn verdiene. Vielleicht müsste ich den Beruf wechseln", blickt der seit sieben Jahren in Deutschland wohnhafte Fussballer zurück auf die schwere Zeit. Im Juli 2014 wechselte Marinovic dann in den Münchner Süden, nach Unterhaching. Zuerst war er dort nur Nummer zwei. Nachdem sein Konkurrent den Verein verlies, war er sofort zur Stelle. "Das war mein letzter Pfeil im Köcher, aber der traf ins Schwarze."

Konstante Leistungen beim ehemaligen Bundesligisten sorgten für seinen ersten Einsatz bei der neuseeländischen Nationalmannschaft. Glaubt er, dort seine Chance genutzt zu haben? "Ja, eiskalt", antwortet der Torwart mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Das kann man tatsächlich auch so sehen: lediglich zwei Gegentore in drei Partien, unzählige starke Paraden und gegen Südkorea sogar einen parierten Elfmeter. Das Selbstvertrauen bekam einen gewaltigen Schub nach oben und wuchs in den vergangenen Monaten weiter.

Mit Selbstvertrauen zurück auf die große Bühne Marinovic rechnet mit weiteren Nominierungen. Was könne er dafür in Deutschland noch tun, um das Trainerteam weiter zu überzeugen? "Ich glaube, dafür habe ich schon viel getan", grinst er erneut trocken und spielt dabei auf den Auftritt von ihm und seinem Team in dieser Saison im DFB-Pokal an. Als Amateurteam gelang es Unterhaching bis in die dritte Runde vorzudringen und auf diesem Weg zwei Bundesligisten auszuschalten – der Keeper hatte keinen geringen Anteil an diesem Erfolg.

Marinovic ist also bereit für große Aufgaben und die lauten demnächst Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™ und den FIFA Konföderationen-Pokal Russland 2017. "Alles, was ich gerade mache, ist auf dieses Ziel ausgerichtet. Ich will zum Ende der Saison absolut fit sein, um mir den Platz für diese Spiele zu erkämpfen. Ich will da im Tor stehen."

Denn Marinovic will dorthin zurück, wo er schon einmal war, auf die Weltbühne. 2011 vertrat er sein Land bei der FIFA U-20-Weltmeisterschaft in Kolumbien und hinterließ auch dort einen guten Eindruck – ebenfalls mit einem gehaltenen Strafstoß. "Es war das erste Mal, dass ich vor über 30.000 Leuten gespielt habe. Das war neu. Das war wie Profifussball. Es war alles wie ein Traum", erinnert er sich gerne an das Turnier, bei dem er mit seiner Mannschaft den Einzug in die K.-o.-Phase knapp verpasste.

Solche Erlebnisse möchte Marinovic erneut haben. Bleibt nur ein Problem: In der Regionalliga gibt es keine Länderspielpausen, da dort, wie eingangs erwähnt, eher wenige Nationalspieler aktiv sind. Bei seiner letzten Länderspielreise verpasste der Torhüter sogar eine Ligaspiel. Bei der Verwirklichung seines Traums legt ihm der Verein aber keine Steine in den Weg. "Unterhaching ist sehr hilfreich. Die stehen hinter mir. Sollte ich ein Ligaspiel verpassen, würden sie mir das erlauben. Das haben wir bereits verabredet."

Wenn also alles gut läuft, müssen die Unterhachinger Fans in dieser Saison vielleicht das ein oder andere Mal auf ihren Nationalspieler aus Down Under verzichten.