Kroos: Vom Pechvogel zum Matchwinner

23. Juni 2018
  • Kroos mit dem Last-Minute-Treffer zum deuschen Sieg

  • Sein Fehlpass leitete zuvor das 0:1 ein

  • Vorbereiter Reus: "Pure Ekstase"

Von Steffen Potter, Teamreporter Deutschland


Toni Kroos ist kein Mann der lauten Worte und Gesten. Der erste Deutsche, der vier Mal die UEFA Champions League gewinnen konnte, steht nicht auch nicht unbedingt gern im Rampenlicht. Am wohlsten fühlt er sich immer noch im Kreise seiner Familie.

Nachdem er gerade das siegbringende Freistoßtor gegen Schweden erzielt hatte, das dem Titelverteidiger bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™ noch alle Chancen auf das Weiterkommen lässt, brach es aber aus ihm heraus. Er stürmte zur Eckfahne, Richtung deutsche Fans im Stadion von Sotschi, ballte triumphierend die Faust in die Luft, breitete beide Arme zum Jubel aus und schrie Freude und Erleichterung in den schwülen Sommerabend am Schwarzen Meer hinaus.

Die Schlagzeilen, die ein Abgesang geworden wären - auf Kroos und die deutsche Elf - waren schon geschrieben. Erneut hatte der Weltmeister einen Konter zum 0:1 gefangen, dieses Mal hatte Kroos den Ball hergegeben. Ausgerechnet er, der über eine Passqualität verfügt, wie kaum ein anderer Spieler im deutschen Kader.

Weltweit gilt Kroos als einer der zuverlässigsten und sichersten Passspieler. Dass ihm dieser Fehler unterlief, schien symptomatisch für eine deutsche Elf, die kurz vor dem Knock-Out stand. "Wenn du 400 Pässe spielst, gehen dann auch mal zwei daneben. Du musst dann die Eier haben, so eine zweite Halbzeit zu spielen. Aber das sieht dann wieder keiner. Wir waren richtig gut, haben diese Phasen aber nicht genutzt. Ich denke, wir haben das späte Tor verdient", diktierte die deutsche Nummer acht den Journalisten nach dem Abpfiff in die Mikrofone.

Die Statistik gibt ihm recht – zur Pause lag seine Passquote bei 95 Prozent. Es war der eine Ball, der beinahe alles kaputtgemacht hätte.

Auch der Bundestrainer fühlt mit einem seiner Starspieler. "Ich freue mich sehr für Toni Kroos, da er das Gegentor eingeleitet hat, was untypisch für ihn ist. Der Freistoß war dann Weltklasse, das hat er sich auch verdient", so der 58-Jährige zur FIFA.

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Was Löw meinte, war offensichtlich. Schon von Beginn an hatte Kroos hart für die Mannschaft gearbeitet, ging energisch ins Gegenpressing, holte verlorene Bälle zurück. Nach dem Rückstand wollte er mit aller Macht den Ausgleich, lief raumgreifend mit dem Ball am Fuß in Gegners Hälfte und versuchte sich mehrfach mit Torschüssen, die jedoch zumeist abgeblockt wurden. Ein Mann auf der Suche nach Wiedergutmachung. Die Erlösung kam spät, war dann aber umso intensiver.

"Es war wohl die letzte Chance im Spiel. Er macht das dann überragend, wie er den in den Winkel setzt", sagte Marco Reus, der den Ball für den Kroos-Freistoß kurz angetippt hatte, im FIFA-Interview. "Danach war es dann Ekstase pur. Ich denke, dass wir den Sieg verdient hatten."

Am Ende hatten sie nicht nur die drei Punkte auf dem Konto, sondern auch ihren Humor wiedergefunden. "Ich hab laut geschrien, dass er flanken soll. Dafür darf ich mir jetzt einiges anhören in der Kabine", lachte Mats Hummels, der das Spiel verletzt von der Bank verfolgen musste, aber – Halswirbelblessur hin oder her – enthusiastisch zum Jubeln mit auf Spielfeld gesprintet kam. Die Mannschaft ist intakt. Nun muss sie gegen die Republik Korea den Achtelfinaleinzug realisieren.