Bescheidene Gastgeber üben sich in Selbstkritik

4. Aug. 2021
  • Die Japaner verloren das Halbfinale von Tokio 2020 gegen Spanien mit 0:1

  • Harte Selbstkritik nach dem entscheidenden Treffer durch Marco Asensio in der 115 Minute

  • Die Torgefährlichkeit muss vor dem Spiel um Bronze gegen Mexiko verbessert werden

Auch wenn Japan nicht an sein olympisches Abenteuer anknüpfen kann, dann liegt das jedenfalls nicht an einem Mangel an ehrlicher - vielleicht sogar brutal ehrlicher - Selbstanalyse.

Der Olympia-Gastgeber sucht jedenfalls nicht nach Ausreden und Schuldzuweisungen, wie es bei so vielen Teams der Fall ist, wenn sie auf der großen Bühne geschlagen wurden. Auch von den vielen positiven Aspekten, die Japan im Turnier zeigte, wurde nach dem Scheitern im Kampf um den Einzug ins Spiel um die Goldmedaille zunächst nicht gesprochen.

Dabei waren die Gastgeber die einzige Mannschaft, die die Gruppenphase mit einer makellosen Bilanz überstand, und im gestrigen Halbfinale konnten sie 115 Minuten lang mit einer beeindruckenden und mit Stars gespickten spanischen Mannschaft mithalten. Doch während sie sich nun auf das Spiel um die Bronzemedaille gegen Mexiko vorbereiten, scheinen Hajime Moriyasu und seine Spieler diese Aspekte beiseite schieben und sich ganz auf ihre Defizite konzentrieren zu wollen.

"Wenn man sich das Spiel anschaut, dann wurde es letztlich durch diesen einen Moment entschieden, durch diesen Moment der Qualität, die Spanien eben hat. Das hat den Ausschlag gegeben", sagte Kapitän Maya Yoshida gegenüber FIFA.com. "Es stimmt, die Spanier zeigten ein besseres Stellungsspiel, sie hatten mehr Kontrolle über das Spiel, aber das ist normal bei Spanien und wir haben damit gerechnet. Unser Plan war es eigentlich von vornherein, sie mit Kontern zu überrumpeln.

Aber es sind eben diese Momente, die Spiele auf diesem Niveau entscheiden, und das ist es, was unsere jungen Spieler lernen müssen, wenn sie ihre Karriere vorantreiben und in Europa gegen Spieler [Marco Asensio, Torschütze des spanischen Siegtreffers] bestehen wollen. Und sie müssen noch eine Menge lernen und daran arbeiten."

Yoshidas Trainer stimmte dem voll und ganz zu, und Moriyasu machte keinen Hehl daraus, was er als Japans größtes Manko ansieht.

"Wir müssen mehr Chancen herausspielen und mehr Tore erzielen", sagte er. "Daran müssen wir unbedingt arbeiten, denn das war nicht nur im heutigen Spiel ein Problem, sondern während des gesamten Turniers. Wir müssen ein höheres Niveau anstreben."

Flügelspieler Yuki Soma, der den Kopf gesenkt hatte und den Tränen nahe schien, war vielleicht der selbstkritischste aller Japaner. "Wenn man ein Spiel verliert, gibt es immer Gründe, warum es dazu gekommen ist", sagte er. "Wir dürfen die schlechten Aspekte unserer Leistung nicht ausblenden.

Und wie der Trainer sagte, kommt es auf die Qualität an. Diese Qualität, einen entscheidenden Spielzug zu machen oder zum Abschluss zu kommen, ist meiner Meinung nach der Unterschied zwischen Mannschaften, die auf der Weltbühne siegen, und solchen, denen das nicht gelingt.

Asensios Spielzug und sein Schuss sind mir im Moment noch sehr deutlich vor Augen. Ich kam erst in der zweiten Halbzeit ins Spiel und konnte zwar einige Flanken schlagen. Aber eine entscheidende Aktion wie die von Asensio ist mir nicht gelungen. Ich bin wirklich sehr enttäuscht von mir selbst."

SAITAMA, JAPAN - AUGUST 03: Marco Asensio #7 of Team Spain scores their side's first goal whilst under pressure from Wataru Endo #6 of Team Japan during the Men's Football Semi-final match between Japan and Spain on day eleven of the Tokyo 2020 Olympic Games at Saitama Stadium on August 03, 2021 in Saitama, Japan. (Photo by Alex Grimm - FIFA/FIFA via Getty Images)

Doch die Japaner können es sich nicht leisten, zu lange in Selbstreflexion zu schwelgen. Das Spiel am Freitag gegen Mexiko bietet die Chance, das olympische Abenteuer mit einem echten Höhepunkt zu beenden, und zwei ihrer Veteranen wissen nur zu gut, wie schmerzhaft es wäre, Bronze zu verpassen.

"Es ist ein großer Unterschied, ob man nur ein olympischer Athlet bleibt oder als olympischer Medaillengewinner abreist", räumte Moriyasu ein.

Maya Yoshida of Japan looks dejected as Korea players celebrate defeating Japan during the Men's Football Bronze medal play-off match between Korea and Japan on Day 14 of the London 2012 Olympic Games at Millennium Stadium on August 10, 2012 in Cardiff, Wales.

"Maya Yoshida und Hiroki Sakai waren bei den Olympischen Spielen in London dabei, erreichten das Halbfinale, konnten aber keine Medaille gewinnen. Sie haben bereits über diese Erfahrung gesprochen, und ich möchte sie vor dem Spiel gegen Mexiko noch einmal mit den Spielern teilen."

Yoshida wird sich nicht zurückhalten. "Wir haben immer noch die Möglichkeit, hier etwas zu erreichen, und wir werden alles dafür tun", versprach er. "Ich habe vor neun Jahren um die Bronzemedaille gespielt und gegen die Republik Korea verloren. Ich werde alles geben, denn dieses Gefühl möchte ich nicht noch einmal erleben. Denn lassen Sie mich Ihnen sagen: Dieses Gefühl ist..."

Es folgte eine Tirade, die hier nicht wiedergegeben werden kann. Diese Worte, die auf Englisch und mit einem leichten Lächeln gesprochen wurden, spiegeln die Lektionen wider, die der japanische Kapitän in acht Jahren in der Premier League gelernt hat.

Yoshidas geradezu brutale Ehrlichkeit war jedoch zu 100 Prozent japanisch.