Tunesien - Algerien: Die Finalisten unter der Lupe der FIFA-Experten

  • Die Mitglieder der Technischen Studien-Gruppe der FIFA (TSG) über das Finale am Samstag

  • Steve McClaren und Michel Sablon erläutern, warum sie Algerien als Favoriten sehen

  • Pascal Zuberbühler beschäftigt sich mit den Torhütern der nordafrikanischen Nachbarn

Mit drei Toren in der Nachspielzeit, die in einem Siegtreffer in der 117. Minute gipfelten, waren die Halbfinalpartien beim FIFA Arabien-Pokal™ an Dramatik kaum zu überbieten.

Doch während sich Fans und neutrale Zuschauer von den Emotionen mitreißen ließen, versuchte ein kleines Team von Beobachtern, Ordnung in das glorreiche Chaos zu bringen. Diese Experten von der Technischen Studien-Gruppe der FIFA (TSG) analysieren das gesamte Turnier und alle Teams bis ins letzte Detail. Gestern erarbeiteten sie gemeinsam mit dem FIFA Training Centre ihre Beurteilung der beiden Finalisten.

Steve McClaren

Der frühere englische Nationaltrainer, der den FC Twente zum ersten Titel in der niederändischen Eredivisie geführt hat, rechnet mit einer großen Bewährungsprobe für das Defensivbollwerk, auf dem der tunesische Erfolg aufgebaut ist.

"Es wird ein großes Finale. Für Tunesien wird es darauf ankommen, wie sie mit den vier algerischen Offensivkräften zurechtkommen. Sie müssen kompakt stehen und den Ball gut laufen lassen, um zu gewinnen. Die Algerier ihrerseits müssen versuchen, den Ball so schnell wie möglich zu ihren vier Angreifern befördern. Es dürfte ein sehr spannendes Spiel werden, und es wird schwer für Tunesien, weil Algerien meiner Meinung nach die stärkere der beiden Mannschaften ist. Aber nach dem Halbfinale waren die algerischen Spieler emotional sehr aufgewühlt, und sie haben sehr viel Energie verbraucht. Tunesien geht wohl in besserer körperlicher Verfassung in dieses Finale, und das kann ein großer Vorteil sein. Die Tunesier haben ihre Kampagne in erster Linie auf ihrer soliden Verteidigung aufgebaut. Ja, sie schießen auch Tore, sie haben ein paar auffällige Spieler und sind sehr gut bei Standardsituation. Das alles basiert allerdings darauf, dass sie defensivstark und daher schwer zu überwinden sind. Sie werden auch in diesem Finale gut verteidigen müssen, denn Algerien hat die beste Offensivreihe des Turniers: die einfallsreichste, kreativste im Eins-gegen-Eins, gegen die es besonders schwer ist, zu verteidigen. Tunesien muss also sehr solide spielen, so lange wie möglich im Spiel bleiben. Und sie müssen den Ball auch schneller und besser [als im Halbfinale gegen Ägypten] durch das Mitteldrittel bringen. Sie haben eine Chance. Aber wenn das Spiel sehr in die Breite gezogen wird und Tunesien sich Ballverluste leistet, wird Algerien daraus ihren Vorteil ziehen. Wenn Tunesien in einem tiefen Block steht und den Strafraum gut verteidigt, dann haben sie es bequem und Algerien wird nur gelegentlich Torgefahr entwickeln können. Aber sie werden beim Umschaltspiel und mit schnellen Kombinationen eine Gefahr darstellen, und wenn einzelne Spieler mit Alleingängen auf sie zustürmen. Tunesien hat große, starke Verteidiger, die ihren Strafraum gut verteidigen können, aber weiter draußen gegen starke Dribbler sind sie nicht so effektiv."

DOHA, QATAR - DECEMBER 11: Yacine Brahimi of Algeria (obscured) celebrates with teammates after scoring their team's first goal from a penalty during the FIFA Arab Cup Qatar 2021 Quarter-Final match between Morocco and Algeria at Al Thumana Stadium on December 11, 2021 in Doha, Qatar. (Photo by David Ramos - FIFA/FIFA via Getty Images)

Michel Sablon

Der technische Direktor, dem die Wiederbelebung und Revolutionierung des belgischen Fussballs zugeschrieben wird, sieht Algerien als den logischen Favoriten auf den Titel an.

"Das ist nicht das Finale, das ich erwartet habe. Die Art und Weise, wie Katar im Viertelfinale die Vereinigten Arabischen Emirate besiegt hat - mit einem 5:0-Vorsprung zur Halbzeit - hat uns davon überzeugt, dass sie das Zeug dazu haben, das Finale zu erreichen. Aber ich habe Algerien mehrmals beobachtet, und was mich an ihnen begeistert hat, sind die technischen Fähigkeiten der einzelnen Spieler. Man sieht bei ihnen nur sehr wenige Fehler, sie haben ein gutes Passspiel, und weil die technischen Grundlagen vorhanden sind, können sie den Ball halten, gute Kombinationen spielen und ihre Vorstellungen auf dem Feld umsetzen. Das hört sich sehr einfach an, ist aber etwas, womit andere Mannschaften zu kämpfen haben. Weitere gute Eigenschaften sind die Konzentration und die mentale Stärke. Vom ersten Spiel bis zum Halbfinale haben sie immer das gleiche System gespielt, nämlich ein 4-2-3-1. Aber das, was für den Gegner schwer zu kontrollieren ist, ist die Bewegung der drei Männer hinter dem Mittelstürmer, die allesamt Spieler mit enormen Stärken sind. Der Ausgang des Finales ist offen. Wenn man die individuellen Qualitäten der beiden Mannschaften betrachtet, denke ich, dass Algerien ein bisschen besser ist. Sie sind objektiv ein bisschen stärker, besser entwickelt und haben eine konsequentere Spielweise. Aber wie wir ja auch wieder im Halbfinale gesehen haben, kann im Fussball einfach alles passieren."

Pascal Zuberbühler

Der ehemalige Nationaltorhüter der Schweiz, der bei drei großen Turnieren für die Eidgenossen zwischen den Pfosten stand, bewertet die Leistungen der Torhüter der Finalisten.

"Die Situation bei Tunesien ist sehr interessant. Sie haben in den ersten beiden Spielen mit ihrem Stammtorhüter Farouk Ben Mustapha begonnen, und im dritten Spiel haben sie dann gewechselt und Hassan Moeez eingesetzt. Er ist mit 26 Jahren der jüngere der beiden Torhüter. Aber man merkt, dass er viel stärker mit der Mannschaft verbunden ist, wenn es darum geht, aus dem Rückraum zu spielen. Mit ihm im Tor hat man das Gefühl, dass Tunesien mehr aus der Abwehr heraus spielt. Interessant ist auch, dass er fast immer im Tor bleibt. Er kommt nur selten von der Linie um die Abwehrreihe zu unterstützen, die bei Tunesien recht hoch steht. Er hat bisher noch nicht viele große Paraden zeigen müssen, doch man spürt die Verbindung, die er mit dem Rest der Mannschaft hat. Algerien spielt ebenfalls mit einer sehr hoch stehenden Abwehrreihe, und ich denke, dass wir viele Bälle hinter die beiden Abwehrreihen sehen werden. Dann kann die Positionierung des Torhüters entscheidend sein. Algeriens Torhüter Mboolhi ist 35 Jahre alt, sehr erfahren und das hat man im Halbfinale gespürt. Seine erste Ballberührung in diesem Spiel war ein Rückpass, und er hatte die Nerven, vor 60.000 Zuschauern an Akram Afif vorbeizudribblen, einem sehr guten Spieler. Unglaublich! Später hat er dasselbe als letzter Mann gemacht, und man hat sofort gemerkt, dass er mit seiner Einstellung der Chef ist. Wenn er von hinten heraus spielt, hat er alles: ein schönes, lockeres Passspiel mit dem rechten und linken Fuß, einen sehr schönen langen Abschlag aus der Hand, und er kann auch platziert ins Mittelfeld chippen."

Mehr von den TSG-Experten über Tunesien, Algerien und den FIFA Arabien-Pokal insgesamt finden Sie in den detaillierten Analysen im FIFA Training Centre.