Italienischer Freudentaumel in Berlin

9. Juli 2021
  • Heute vor 15 Jahren gewann Italien die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™

  • Buffon, Cannavaro, Gattuso, Pirlo und Totti spielten ein überragendes Turnier

  • FIFA.com bringt Anekdoten, Zitate und Zahlen zum Triumph

Bei der FIFA Fussball-WM 2002™ war Italien im Achtelfinale gegen die Republik Korea ausgeschieden. Bei der UEFA EURO 2004 waren die Azzurri in der Gruppenphase hinter Schweden und Dänemark gelandet und ausgeschieden. Bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™ wiederum galt das brasilianische Dream Team mit Ronaldinho, Kaká, Ronaldo und Adriano als Topfavorit. Und dann waren da ja auch noch Argentinien, England und natürlich Gastgeber Deutschland. Doch heute vor 15 Jahren gelang den Schützlingen von Marcello Lippi ein Triumph, den kaum jemand vorhergesehen hatte: sie holten den vierten Stern für das blaue Trikot.

Ich empfinde keinen Druck. Den Nachmittag in Berlin habe ich mit Schlafen und PlayStation spielen verbracht. Am Abend bin ich dann rausgegangen und habe die Weltmeisterschaft gewonnen.

Andrea Pirlo

Der unwahrscheinliche Held

2004 spielte Fabio Grosso in der italienischen Serie B für Perugia und gehörte nicht zu den sieben Linksverteidigern, die in diesem Jahr für die Azzurri zum Einsatz kamen. Bei der WM 2006 jedoch gehörter er nicht nur zu Lippis Kader, sondern war sogar ein wichtiger Schlüsselspieler. Grosso holte den Elfmeter heraus, den Francesco Totti im Achtelfinale unmittelbar vor Schluss zum Siegtreffer verwandelte, und setzte den Ball in der 119. Minute des Halbfinals gegen Deutschland mit einem gefühlvollen Heber zur endgültigen Entscheidung ins Netz. Während er jubelnd abdrehte, brüllte er aus vollem Hals "Non ci credo!" (Ich glaub es nicht!). Er wusste, dass er nicht zu den vorgesehenen Elfmeterschützen gehörte und dachte, er hätte seinen letzten Ball bei dem Turnier bereits getreten, als das Finale ins Elfmeterschießen ging. Doch dann sagte ihm Lippi, dass er sehr wohl schießen würde - und zwar als Fünfter!

"Ich war perplex", erinnert sich Grosso. "Warum ich?" Schließlich hatte er seinen letzten Elfmeter vor fünf Jahren geschossen, damals noch in der vierten italienischen Liga. Dennoch gelang es Grosso, Fabien Barthez in die falsche Ecke zu schicken und Italien damit den vierten Stern zu schenken.

Die Mutter aller Außenseiter

Seit Beginn der Quotenbeobachtung im Jahr 1970 hat keine Nation die Weltmeisterschaft als größerer Außenseiter gewonnen als Italien 2006. Die Quoten für Wetten auf einen italienischen Titelgewinn lagen anfänglich bei 10:1 und stiegen zwischenzeitlich sogar auf 16:1. Brasilien war der Topfavorit, gefolgt von Argentinien, Deutschland, England und den Niederlanden.

Runter mit den Locken

Massimo Oddo war gelernter Friseur und schnitt den meisten seiner Mannschaftskameraden während des Turniers die Haare. Mauro Camoranesi wollte den Rechtsverteidiger nicht an seine geliebten Locken lassen, versprach aber, dass er im Falle eines italienischen Titelgewinns seinen Pferdeschwanz abschneiden lassen würde. Nachdem die Italiener ihren Triumph mit dem Pokal ausgiebig bejubelt hatten, versammelten sich alle begeistert um einen Stuhl auf dem Elfmeterpunkt, von dem aus Fabio Grosso den Siegtreffer erzielt hatte, um den Fall des Pferdeschwanzes zu beobachten.

Wenn ich heute Bilder von Deutschland 2006 sehe, ist es noch emotionaler als damals auf dem Platz. Selbst heute denke ich immer, wenn ich Fabio bei diesem Elfmeter sehe: 'Hoffentlich verschießt er ihn nicht!' Solche Momente ändern den Lauf eines Spiels, einer Weltmeisterschaft, eines ganzen Lebens.

Fabio Cannavaro

Zahlen und Fakten

  • Francesco Totti war der beste Vorlagengeber bei der FIFA Fussball-WM 2006™ (4). Platz zwei teilten sich Andrea Pirlo, Luis Figo, Juan Roman Riquelme und Bastian Schweinsteiger.

  • Gennaro Gattuso gewann im Turnier 47 Zweikämpfe, elf mehr als seine besten Verfolger Eric Abidal und Patrick Vieira.

  • Mit Gigi Buffon im Tor kassierte Italien nur zwei Gegentreffer. Einzig Frankreich 1998 und Spanien 2010 wurden ebenfalls mit nur zwei Gegentoren Weltmeister.

  • Zehn Spieler trafen in Deutschland für Italien. Diesen WM-Rekord teilen sich die Italiener mit Frankreich beim Turnier 1982. Pirlo, Iaquinta, Gilardino, Materazzi, Inzaghi, Totti, Zambrotta, Toni, Grosso und Del Piero waren die Schützen der zwölf italienischen Treffer. Toni und Materazzi brachten es jeweils auf zwei Tore. Nur ein einziger anderer Weltmeister hatte einen Toptorjäger mit weniger als vier Toren, nämlich Frankreich, das 1998 mit drei Toren von Thierry Henry triumphierte.

Eine Zahnbürste, eine Medaille und ein Sarg

Pietro Lombardi war bei der WM 2006 der allseits beliebte Zeugwart Italiens. Er war damals schon 82 Jahre alt und blieb abends immer lange wach, um die Schuhe aller Spieler auf Hochglanz zu bringen. Weil er die Schuhe so akribisch und makellos reinigte, hatte man ihm den Spitznamen 'Spazzolino' (Zahnbürste) gegeben. Er war auch sofort mit einem Handtuch zur Stelle, als die jubelnden Spieler nach ihrem Triumph einer Reporterin eine Champagnerdusche verpasst hatten. Als Lombardi 2016 starb, ging Daniele De Rossi zu seiner Beerdigung und legte seine Weltmeistermedaille in den Sarg.