Spencer FC: "Bald geht virtueller Fussball durch die Decke"

"Als die Kamera wieder auf mich schwenkte, war ich gerade erst wieder zu Atem gekommen!"

Mohamad Al-Bachas Sieg in letzter Minute im Finale des FIFA Interactive World Cup 2016 gegen Sean Allen ist schon jetzt in die Geschichte des FIWC eingegangen. Kaum jemand könnte dazu mehr sagen als Spencer Owen, eine der führenden Stimmen in der aufstrebenden Welt des eSport und der FIFA Interactive-Community.

"Irre! Das war wohl der allerbeste Moment in der Geschichte der FIFA-Wettbewerbe, würde ich sagen", fasste Owen unmittelbar nach dem Finale im Gespräch mit FIFA.com die Ereignisse zusammen. "So etwas habe ich noch nie bei einem Finale erlebt, und ich war bei ganz schön vielen dabei! Selbst ohne diese zwei Tore am Ende wäre es ein großartiges Finale gewesen. Das Spiel fand in einer tollen Atmosphäre statt, die Zuschauer hatten ein prima Umfeld, es war einfach fantastisch, ein ganz tolles Erlebnis, hier dabei zu sein."

Owen betreibt den populären YouTube-Kanal Spencer FC mit zahlreichen Clips zu eSport im Allgemeinen und FIFA im Besonderen. Gerade erst hat er ein eigenes eSport-Team mit dem Namen Game Academy gegründet und versucht, die besten FIFA-Spieler zu finden, die bei künftigen eSport-Veranstaltungen für ihn antreten können. Beim FIWC 2016 saß er als eSport-Experte gleich neben Ex-U.S.-Verteidiger Alexi Lalas. Auf die Frage, ob er sich schon vor dem FIWC 2016 über Al-Bachas Potenzial im Klaren war, gab er zu, dass er völlig überrascht war.

"Ich hatte keine Ahnung. Ich wusste zwar, dass noch ein zweiter Däne dabei war, aber ich habe mich ganz auf August Rosenmeier konzentriert, der ja schon einmal den Titel gewonnen hatte. Jetzt haben also schon zwei Dänen hier gewonnen, das ist großartig für Dänemark. Aber ich wusste überhaupt nichts über ihn. Ihn hatte ganz bestimmt niemand als möglichen Gewinner auf dem Schirm. Er gehörte definitiv nicht zu den Favoriten."

Bei zukünftigen Turnieren jedoch dürften alle eSport-Fans Al-Bacha auf dem Schirm haben.

eSport vor dem SprungDie Atmosphäre im Apollo Theater war regelrecht aufgeladen und man spürte deutlich, dass die leidenschaftliche Fanbasis bei guten Voraussetzungen weiter und weiter wachsen wird.

"Das ist eine großartige Veranstaltung. Hier ist alles eine Stufe weiter", zeigte sich Owen begeistert. "Wir brauchen mehr regelmäßige Turniere und wir brauchen auch höhere Preisgelder um mit anderen Spielen mithalten zu können. Heute haben viele im Publikum die Spieler fantastisch angefeuert. Sie hatten sie gerade erst kennen gelernt und einfach beschlossen, sie anzufeuern. Manche haben sie vielleicht auch vorher schon gekannt.

Wir brauchen die Situation, dass die Fans tatsächlich hinter den Spielern stehen, wie das auch bei anderen Spielen der Fall ist. Das müssen wir im Fussball auch hinbekommen. Das kann zum Teil erreicht werden, indem sich der etablierte Fussball dahinter stellt, indem die Fussballklubs Spieler verpflichten und deren Fans auch diese Spieler unterstützen. Aber auch die Spieleindustrie selbst muss sich dahinter stellen."

Der Fussball hat eine reiche Geschichte und die Fans sind ihren Klubs treu, weil es ihnen im Blut liegt. Was also muss geschehen, damit auch im virtuellen Fussball solche loyalen Fanbeziehungen entstehen?

"Am Wichtigsten ist, dass die Klubs für die entsprechende Dramatik sorgen", so Owen. "Es muss den Leuten stärker ins Bewusstsein gerückt werden. Wir müssen nicht nur Fussballfans zu eSport-Fans machen sondern eSport-Fans ganz allgemein zu Fans des virtuellen Fussballs. Viele Millionen Fans schauen sich eSport-Ereignisse an, aber viele von ihnen wissen gar nicht, dass FIFA tatsächlich unter Wettbewerbsbedingungen gespielt wird. Aber wenn dieser Schritt erst einmal gelungen ist und klar wird, dass es verschiedene Klassen und ein komplettes Umfeld gibt, dann wird virtueller Fussball richtig durch die Decke gehen."

'Tore in Hülle und Fülle' So mancher eingefleischte Fussballfan sieht den virtuellen Fussball mit viel Skepsis und fragt sich, wo diese Variante im Wettbewerb ihren Platz finden kann. Doch Owen ist fest entschlossen, mit solchen Vorurteilen und falschen Vorstellungen aufzuräumen.

"Viele Leute denken, die Spiele wären langweilig, weil die Spieler in der Defensive so stark sind. Aber wie man heute ja deutlich gesehen hat, ist das absoluter Unsinn, es stimmt einfach nicht. Es fallen Tore in Hülle und Fülle."

"Manche argumentieren auch, es gäbe zu viele Unwägbarkeiten, so dass man es wohl kaum als echten Wettkampf sehen könne. Nun, auch im realen Fussball kann alles mögliche klappen oder eben auch nicht. Genau so ist es auch bei FIFA! Ab und zu macht eben der Torwart einen Fehler, das gibt es im echten Leben ja auch."

"Es gibt völlig verrückte Zahlen. In der Republik Korea kommen 80.000 Leute ins Stadion, um eSport zu schauen. Woche für Woche! Dort machen sie es richtig. Es gibt dort viele Spiele, die schon so große Fangemeinden haben. Auch bei FIFA wird es dazu kommen, aber wir können dafür sorgen, dass es viel schneller passiert. Alle Voraussetzungen sind bereits geschaffen."

Owen will den virtuellen Fussball als Ergänzung zum realen Fussball sehen, der das Erlebnis noch intensiviert. Er sieht keine Gegensätze zwischen den beiden Welten. "Wir wollen niemandem sagen, 'Schau doch lieber eSport als realen Fussball.'"

"Und auch nicht 'Dieser Typ ist ein Loser, er spielt nur FIFA statt realen Fussball.' Ich sehe es als Erweiterung und Ergänzung. Rosenmeier ist ein Halbprofi-Fussballer. Viele dieser Jungs spielen Fussball auf einem ziemlich hohen Niveau. Es geht nicht um das eine oder das andere. Fussball spielt man nicht gern im Regen, und man braucht immer elf Freunde, um ein richtiges Spiel zu machen. FIFA hingegen kann man jederzeit und überall spielen. Ich würde nicht dafür plädieren, nur Computerspiele zu spielen und nicht selbst körperlich aktiv zu sein. Ich denke, dass es dazu beiträgt und hilft. eSport gehört als Teil des Ganzen einfach dazu."