Punyed hat viele Träume für 2022

Eines Tages musste Pablo Punyed aus El Salvador sich entscheiden. Einerseits hatte er die Möglichkeit, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und in den USA die Ingenieurslaufbahn einzuschlagen. Zum anderen hatte er schon als Kind den Wunsch, Fussballprofi zu werden. Der mittlerweile 31-jährige offensive Mittelfeldspieler löste das alles mit viel Kreativität. Er entschloss sich, doch nicht Ingenieur zu werden, sondern stattdessen an der Universität Saint John in New York den Studiengang Englische Literatur zu belegen. Das gab ihm die Möglichkeit, weiterhin zu reisen und seinen Fussballtraum zu verfolgen und dabei gelegentlich in den Hotels der Trainingslager Fernkurse zu belegen. "Außer meiner Leidenschaft für Bücher, habe ich mich auch für englische Literatur entschieden, weil ich anderen gerne etwas beibringe und Lehrer und Trainer sein wollte. Die englische Sprache bietet für all das eine sehr gute Grundlage", erklärt er in einem Exklusiv-Interview mit FIFA.com. Und damit begann eine Geschichte, die durchaus Stoff für ein gutes Buch bietet. "Ich wurde im MLS-Draft von Kansas City ausgewählt und habe abgelehnt, weil die MLS damals noch nicht die hervorragende Liga war, die sie heute ist. Die Idee war, mich an eine Reservemannschaft auszuleihen, also habe ich 'nein' gesagt. Meine damalige Freundin – und jetzige Frau – ist Isländerin. Eines Tages habe ich sie besucht, und ich hatte immer Fussballschuhe im Gepäck. Dann hat sie mich überredet, ein Probetraining bei einem lokalen Team zu absolvieren. Und jetzt bin ich schon seit zehn Jahren dort!"

Fast ein Jahrzehnt ist seither vergangen, und Punyed hat sich in Island rundum akklimatisiert. "Es hat eine Weile gedauert. In den ersten sechs Monaten oder im ersten Jahr war ich praktisch stumm: ich konnte nicht sprechen. Ich hörte zu und versuchte, so viel zu lernen, wie ich nur konnte. Ich bin ein Mensch, dem Sprachen sehr liegen [Anm. d. Red.: außer seiner Muttersprache Spanisch spricht er Englisch, Italienisch, Isländisch und Französisch] und nach und nach habe immer mehr gelernt. An der Wurzel scheint die Kultur nicht ähnlich zu sein, aber die Menschen sind sehr offen, aufgeschlossen und freundlich. Also hatte ich das Glück, dass sie mir die Tür geöffnet haben, und jetzt betrachte ich Island als meine zweite Heimat." Dank seiner guten Leistungen im europäischen Fussball kehrte er anlässlich der Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Katar 2022™ ins Nationalteam El Salvadors zurück. Die Nachricht von seiner Berufung für die Qualifikationsspiele im Oktober löste bei der Fangemeinde der Selecta eine Welle begeisterter Kommentare aus. "Die Menschen in El Salvador waren mir gegenüber immer besonders herzlich. Ich bin immer dankbar dafür und trage das Nationaltrikot mit großem Verantwortungsgefühl. Ich glaube, wenn du mit Leidenschaft und Spaß dabei bist, spüren die Leute das und wissen es zu schätzen."

Schwindelerregendes und emotionsgeladenes Jahr

Die unmittelbare Zukunft in seinem Leben ist sehr vielversprechend. "Mein aktueller Klub, Víkingur, hatte die Liga seit 1991 nicht mehr gewonnen. Jetzt, fast 30 Jahre später, haben wir es geschafft. Außerdem haben wir den Pokal gewonnen und sind sehr zufrieden mit dem Double. Mit einem sehr dynamischen und modernen Fussball haben wir unsere Zielsetzungen noch übertroffen." "Jetzt treten wir in der Vorrunde der Champions League an. Ich hatte schon zweimal Gelegenheit, dabei zu sein, auch wenn wir nicht weitergekommen sind. Jetzt wollen wir die Chance nutzen und solche Erfolge einfahren."

Außerdem fällt 2022 die Entscheidung in der Finalrunde der besten acht Teams der Concacaf-Qualifikation für die WM – einem noch größeren Lebenstraum. Hier rangiert El Salvador derzeit auf dem siebten Platz, hat allerdings nur drei Punkte Rückstand auf das viertplatzierte Panama. "Im Fussball entscheiden heute kleine Details. Mexiko hat zu Hause aufgrund einer Standardsituation gegen uns gewonnen, nämlich mit einem Elfmeter. Das sind Details. Daran müssen wir als Mannschaft arbeiten und dafür präsentiert der Fussball dir die Rechnung. Wenn wir diese kleinen Details lösen, können wir Berge versetzen."

Außerdem sind die Fortschritte in El Salvador deutlich zu erkennen und Punyed ist hoch motiviert. Er will auch künftig sein Talent im Mittelfeld einbringen, den Stürmern zuarbeiten oder selbst per Freistoß oder aus der Distanz Tore erzielen. "Wir haben gezeigt, dass sich der Fussball in unserem Land im Umbruch befindet. Wir wollen die positiven Eigenschaften der salvadorianischen Spieler nutzen, die technisch versiert, aber auch kampfstark sind und es mit jedem Gegner aufnehmen. Wir wollen, dass die Fans wieder an die Nationalmannschaft glauben." Am Horizont zeichnen sich bereits die Spiele gegen Jamaika und Panama ab, die noch im November anstehen. Mit Siegen in diesen beiden Partien könnte man das Jahr mit einem Höhepunkt abschließen. "Es kommt ein Jahr mit vielen Spielen. Jetzt werden wir mit aller Kraft versuchen, gegen Jamaika und Panama positive Ergebnisse zu erzielen. Mit einem guten Ergebnis haben wir gute Chancen, das Jahr im Kampf um die Plätze drei und vier für Katar abzuschließen."

Pablo Punyed ist bereit, das Buch seines Lebens weiterzuschreiben. Die Rückkehr der Selecta auf die Weltbühne nach 40-jähriger Abwesenheit wäre sicherlich ein "goldenes Kapitel" in diesem Buch. "Es kommt darauf an, das langfristige Ziel im Auge zu behalten. Es bleiben noch acht Partien, und unser Ziel war es immer, 18 Punkte zu erreichen. Wenn wir das schaffen, kämpfen wir um den dritten oder vierten Platz. Also müssen wir von den noch verbleibenden Spielen vier oder fünf gewinnen. Damit ist auch klar, das wir unabhängig von den Ergebnissen gegen Jamaika und Panama Chancen auf die Qualifikation haben. Wir können die Ergebnisse in einem beliebigen Stadion einfahren", meint er abschließend.