Prödl: Österreich wird unterschätzt

Als die FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste für Oktober veröffentlicht wurde und Österreich in der Weltelite stand, gab es nicht wenige verdutzte Blicke. Zum ersten Mal in der 25-jährigen Geschichte der Rangliste befand sich die Alpennation unter den Top Ten. Ein Aufstieg, der so manchen überrascht hat.

Nachdem sich das Team mit der hervorragenden Ausbeute von 28 Zählern aus zehn Partien in beeindruckender Manier für die UEFA EURO 2016 qualifiziert hat, wird Österreich als eines der formstärksten Mannschaften des Kontinents nach Frankreich reisen. Gleichwohl scheint sie nach wie vor kaum wahrgenommen zu werden - eine Tatsache, die Nationalverteidiger Sebastian Prödl nicht ganz begreifen kann. "Ich glaube, wir haben im Verlauf der letzten paar Jahre eine Menge bewiesen", sagt er zu FIFA.com.

"Sieht man sich momentan den österreichischen Fussball an - nicht nur in der Nationalmannschaft, sondern auch die Spieler in Deutschland und den anderen großen europäischen Ligen - werden wir wohl unterschätzt."

Dank des Höhenflugs Österreichs in die oberen Regionen des Weltfussballs rangiert die Alpennation momentan zum ersten Mal höher als traditionelle Großmächte wie Italien oder die Niederlande. Prödl glaubt, dass dies ihre überlegene Kampagne auf dem Weg zur erfolgreichen EM-Qualifikation wiederspiegelt. Nach einem 1:1 zum Auftakt gegen Schweden ließen die Österreicher neun Siege in Serie folgen und qualifizierten sich souverän.

"England war das einzige Team, das besser war als wir", sagt Prödl. "Wir sind sehr stolz auf unsere Bilanz in der Qualifikation. Zuhause hatten wir ein wenig Pech, doch wir haben uns auf unser Ziel konzentriert, die EURO zu erreichen, und haben immer daran geglaubt."

Und den einzigen Makel in der Bilanz, die Punkteteilung gegen die Schweden, machten die Österreicher im Rückspiel mehr als wett: Sie überrannten das Heimteam und feierten einen beeindruckenden 4:1-Triumph. "Das war der beste Quali-Sieg für Österreich in den letzten 20 Jahren", sagt Prödl im Rückblick auf jenes außergewöhnliche Spiel in der Friends Arena.

"Es war ein perfekter Abend für uns in Stockholm. Alles funktionierte, jeder brachte 100 Prozent, wir waren sehr konzentriert und vom Trainer taktisch bestens vorbereitet. Es war wirklich verdient."

Es war zudem der passende Rahmen, um sich nach der Teilnahme als Co-Gastgeber 2008 zum ersten Mal regulär für eine EM-Endrunde zu qualifizieren - zwei Jahre zuvor waren exakt am gleichen Ort die Hoffnungen des Teams auf eine Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™ geplatzt. Dank eines späten Treffers von Zlatan Ibrahimovic sicherte sich Schweden einen 2:1-Sieg und einen Platz in der Playoff-Runde, für deren Erreichen Österreich lediglich einen Punkt benötigt hätte.

Jene Niederlage war für den 28-Jährigen damals schwer zu verkraften, doch inzwischen ist er zu der Einsicht gelangt, dass der Schaden schon früher in der Qualifikationsphase angerichtet worden war. "Natürlich war es traumhaft für uns, auf einem Platz, auf dem wir vor zwei Jahren verloren haben, einen so beeindruckenden Sieg zu feiern. In jenem Spiel wurde unser Traum zunichte gemacht, aber ich denke, dass wir die entscheidenden Fehler in der Qualifikation schon vorher durch die Unentschieden in Kasachstan und Irland gemacht hatten."

In diesem Sommer werden er und die Fans seines Heimatlandes die Gelegenheit haben, zum ersten Mal seit der EURO im eigenen Land voller Stolz die österreichische Flagge zu schwenken. Prödl war 2008 schon mit von der Partie. Seine Karriere in der A-Nationalmannschaft hatte gerade erst begonnen, nachdem er im Sommer zuvor die Juniorenauswahl als Kapitän zu einem vierten Platz bei der FIFA U-20-Weltmeisterschaft geführt hatte.

"Ich habe tolle Erinnerungen an 2008, weil es in unserem Heimatland war und eine so fantastische Atmosphäre in Österreich herrschte - es hatte schon zwei, drei Monate vorher begonnen. Leider sind wir nicht über die Gruppenphase hinausgekommen, aber es war eine großartige Erfahrung für mich zu Beginn meiner Karriere. Wir hatten schon damals ein ganz gutes Team, aber jene EM kam wahrscheinlich zwei oder drei Jahre zu früh für uns."

Dieses Mal wird er zu den Routiniers des Kaders gehören und ist davon überzeugt, dass er und seine Mitstreiter gute Chancen haben, bei ihrem zweiten Auftritt auf der kontinentalen Bühne neue Höhen zu erklimmen. "Es ist eine schwere Gruppe. Wir haben uns darüber gefreut, aber ich glaube, dass Portugal, Island und Ungarn ebenfalls zufrieden sind. Portugal mit Cristiano ist der große Favorit, aber wir sind zuversichtlich, dass wir die zweite Runde erreichen können."

Der Verteidiger vom FC Watford gehört zu einer kleinen Gruppe von Österreichern, die in England ihr Geld verdienen. Prödl und seine drei Landsleute rangieren derzeit allesamt in den Top Ten der Premier League - eine Premiere für ihr Land. Die interne Tabelle wird vom Nationalmannschaftskapitän Christian Fuchs angeführt, der zur bisher unglaublichen Saisonleistung von Leicester City beigetragen hat. Auf ihn folgen Marko Arnautovic, der bei Stoke City zu beeindrucken wusste, sowie Kevin Wimmer als aufstrebende Zukunftshoffnung bei Tottenham Hotspur.

Das Quartett steht in regelmäßigem Kontakt untereinander, und Prödl räumt ein, dass er seine erste Saison seit seinem Abschied von Werder Bremen sehr genießt. "Ich habe schon immer davon geträumt, in der Premier League zu spielen", sagt er. "Ich liebe die Atmosphäre in den Stadien und den Fussballstil dort. Es ist recht hart natürlich, aber ein sehr ehrlicher Fussball, eine schöne Fussballkultur."

Watford ist auf dem besten Wege, nach der Rückkehr in die Elite die Klasse zu halten und konnte die Erwartungen bisher übertreffen. So werden Prödl und der Rest dieser beeindruckenden Generation österreichischer Fussballer diesen Schwung aus der nationalen Liga hoffentlich mit in einen denkwürdigen Sommer in Frankreich tragen.