Meinert: "Unsere Bilanz wird nicht immer so weitergehen"

Maren Meinert hat zweifelsohne einen Platz in den Geschichtsbüchern der FIFA U-20-Frauen-WM sicher. Die Trainerin wird die deutsche DFB-Auswahl in Papua-Neuguinea zum sechsten Mal bei dieser Turnierserie betreuen. Ihre Bilanz ist einzigartig: Zwei Titel (2010, 2014) sowie 28 WM-Spiele (22 Siege, 1 Unentschieden, 5 Niederlagen) stehen zu Buche – kein anderer Trainer bzw. andere Trainerin kann solche Statistiken vorweisen.

Wenn der Titelverteidiger allerdings am Montag gegen Debütant Venezuela in das weltweite Gipfeltreffen startet, geraten diese Rekorde in den Hintergrund.FIFA.com sprach kurz vor dem WM-Auftakt exklusiv mit der Frauen-Weltmeisterin 2003.

Frau Meinert, für Sie ist es die fünfte U-20-Frauen-WM. 28 Spiele an der Seitenbank sind Rekord. Kommt da noch Aufregung auf? Ich bin immer noch aufgeregt und freue ich. Routine wäre ganz schlecht. Eine WM ist der Höhepunkt für uns als Trainerin. Man hat jedes Mal eine andere Mannschaft mit unterschiedlichen Charakteren dabei und es ist immer wie beim ersten Mal. Generell lässt sich sagen, dass man kann keine Mannschaft miteinander vergleichen kann und auch keine WM.

Wie sehr hilft es Ihnen, dass Sie schon so viel Erfahrung haben? Das kann helfen, wenn man in schwierigen Situationen ist. Oder wenn man Spiele hat, in denen sich alles entscheiden kann. Das ist immer eine besondere Drucksituation. Ich versuche, den Spielerinnen zu vermitteln, dass dies das Größte ist, was man im Jugendbereich spielen kann. Wenn man sich nicht drauf freut, hat man was falsch gemacht. Wir genießen diese Zeit – wie lange sie auch immer gehen wird.

Fühlt es sich anders an, als Titelverteidiger ins Turnier zu gehen? Wenn man die deutsche Mannschaft trainiert, ist man auf der ganzen Welt nicht vergessen. Alle verweisen gerne drauf, dass man Favorit ist. Wir wissen das einzuschätzen. Wir wissen um unsere Aufgabe hier. Wir wollen Spieler weiterentwickeln und ihnen den richtigen Weg aufzeigen, wie man Erfolg haben kann. Ob es am Ende zum Titel reicht, ist nicht unsere Hauptaufgabe. Wir wollen hier möglichst viele Spielerinnen haben, die sich für höhere Aufgaben empfehlen. Das geht am besten bei einer WM. Wir hoffen, dass einige aus dieser Mannschaft bald in die Frauen-Nationalmannschaft kommen.

Mit Pauline Bremer und Felicitas Rauch fehlen Ihnen zwei Stützen im Team, die den Sprung schon geschafft haben.... Das stimmt. Es gab ja einen Trainerwechsel im A-Team und beide Spielerinnen sollen sich dort weiterentwickeln. Die nächste EM steht an und wir hoffen, dass sie das große Event der Frauen mitmachen werden.

Welche Erwartungen haben Sie an den Gastgeber? Die WM ist an einem einzigen Ort. Das hatte ich noch nie und ist ein großer Vorteil. Von den Temperaturen ist es Sommer. Das finde ich eine gute Grundlage, Fussball zu spielen. Wenn man immer nur in seinem eigenen Wohnzimmer Fussball spielen möchte, dann hat man hier nichts zu suchen. Wir nehmen jede Herausforderung an, ob die Busfahrt nun länger dauert oder nicht. Woanders hat man vielleicht Stau. Den größten Erfolg hat man, wenn man die Rahmenbedingungen so akzeptiert, wie sie sind.

Sie und die anderen Teams wurden am Flughafen von Einheimischen begrüßt. Eine gute Idee? Es war toll für uns, dass um 5 Uhr morgens bei der Ankunft eine ganze Schulklasse auf uns wartet, um einfach ‚Hallo’ zu sagen. Das ist eine witzige Aktion, weil alle Fähnchen hatten. Das zeigt, wie viel Interesse die Menschen daran haben, sich hier bei einer Sportveranstaltung als Land zu präsentieren. Generell lässt sich sagen, dass alle Menschen sehr freundlich sind. Überall findet man kleine Hinweise auf die WM. Alle geben sich viel Mühe. Viele Freiwillige sind involviert. Es ist schön zu sehen, dass die Menschen sich freuen. Sie stecken ihr ganzes Herz rein, damit hier ein WM stattfinden kann.

Der Ticketverkauf läuft recht gut. Freuen Sie sich auf volle Ränge? Wir freuen uns, dass möglichst viele Menschen kommen. Wenn man eine WM in ein solches Land bringt, dann müssen die Eintrittspreise erschwinglich sein. Die Leute sollen sich im Stadion amüsieren und sich ablenken. Das ist die Idee des Fussballs. Alle sollen ruhig kommen.

Geben Sie uns einen kurzen Überblick über Ihre Mannschaft - stärker als vor 2 Jahren?So lange das Turnier noch nicht begonnen hat, ist eine Einschätzung eher schwierig. Jede Mannschaft ist anders. Das sieht man erst im Turnierverlauf und wie gut wir uns reinfinden. Das Geheimnis ist nicht, wie gut man spielen kann, sondern wie man in den Tagen der WM mit den besonderen Situationen eines Turniers zurechtkommt, wie sehr man zusammenwächst. Das ist schwer vorauszusehen.

Wer sind die größten Konkurrenten auf die WM-Krone – USA, Japan.... Ich würde auch noch Frankreich und Schweden dazuzählen, vielleicht auch andere Nationen wie Korea DVR. Im U-20-Bereich ist das noch schwieriger zu erahnen. Wenn man einen guten Jahrgang hat, ist alles möglich. Es gibt viele Mannschaften, die den Titel gewinnen können, was gut ist, weil das den Fussball ausmacht. Wir wollen erst einmal die Gruppenphase überstehen. Alles andere wird man sehen. Wir gehen respektvoll mit der Situation um, weil wir wissen, dass jeder Gegner auf der Welt inzwischen in der Lage ist, gegen uns zu gewinnen. Bei der U-17-Frauen-WM beispielsweise stand auf einmal Venezuela im Halbfinale. Damit hatte auch keiner gerechnet. Einen Spaziergang durch die Vorrunde gibt es nicht mehr. Das ist vorbei. Wenn man Pech hat, wird man Dritter.

Wäre alles andere als das Finale eine Enttäuschung? Man fährt sicherlich nicht hierhin, um Gruppendritter zu werden. Wenn man als Deutschland vor dem Halbfinale ausscheidet, entsteht in der Heimat der Eindruck, dass das Ganze eine Enttäuschung ist. Mir ist aber wichtig, dass dir Spielerinnen etwas mitnehmen für die Zukunft. Und eines ist klar: Unsere Bilanz wird nicht immer so weitergehen. Irgendwann wird es uns auch mal früh treffen, ob nun hier, in zwei Jahren oder später.

Wie lange wollen Sie noch weitermachen? Mir macht es großen Spaß. Es ist der beste Job der Welt. Es sind alle zwei Jahre neue Spielerinnen, die man weiterbringen muss und will. Dieser Altersbereich kommt mir sehr entgegen. Das ist die Schwelle vor dem Erwachsenwerden mit verschiedenen Situationen in der Schule und Privatleben. Es ist aber auch eine Zeit, in der man sich weiterentwickeln und den letzten Schritt gehen kann. Meine Motivation ist zu helfen und es macht mir eine riesige Freude, mit den jungen Spielerinnen zu arbeiten, die viel zurückgeben.