Luciana: Dida und Taffarel inspirieren mich sehr

21. März 2021
  • Luciana rettete drei Elfmeter, um Ferroviaria einen Platz im Finale der Libertadores zu entreißen

  • Sie spricht über die dramatische Nacht und den kommenden Gegner America

  • Luciana erinnert sich, dass sie 2015 fast mit dem Fussball aufgehört hätte

Euklid von Alexandria verfasste Bücher über Mathematik. Luciana von Araraquara arbeitet auf ihre Weise an einer Fortsetzung.

Statistiker sagen, dass rund 75 Prozent aller Elfmeter erfolgreich verwandelt werden. Doch Luciana meint: 'Nicht, wenn ich dabei bin.' Am Donnerstagabend wurde die 33-Jährige zum x-ten Mal in ihrer Karriere zur Elfmeter-Heldin. Sie parierte gleich drei gegnerische Schüsse und verschaffte ihrem Team Ferroviaria damit einen Platz im Finale der Copa Libertadores.

Luciana war bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2015™ Brasiliens Torhüterin. Sie sprach mit FIFA.com über das Finale am Sonntag gegen América, die Fans von Ferroviaria, ihre Leistungen im Halbfinale, was sie von Dida und Taffarel gelernt hat - und ein besonderes Tattoo.

Rebeca Fernandez hätte mit ihrem Elfmeter Universidad ins Finale befördern können. Was ging Ihnen durch den Kopf, als sie zum Elfmeter antrat?

Ich hörte Luana schreien: "Es ist noch nicht vorbei, Ana Alice." Ich blickte rüber und sah Ana Alices Verzweiflung. Luana schrie nochmal: "Nicht weinen, es ist noch nicht vorbei." Ich sagte zu mir selbst: "Ich darf das nicht zulassen." Ana Alice hatte in der Copa Libertadores herausragende Leistungen gezeigt. Spiel für Spiel. Ich konnte nicht zulassen, dass sie an unserem Ausscheiden Schuld sein würde. Das wäre eine große Ungerechtigkeit gewesen. Daher war ich fest entschlossen, den Elfmeter zu halten. Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel und wartete bis zum allerletzten Moment, so dass ich die richtige Ecke erwischte - und Gott sei Dank habe ich den Schuss tatsächlich gehalten.

Hat sich Ana Alice nach dem Spiel bei Ihnen bedankt?

Sie kam zu mir und sagte danke, doch ich sagte: "Ich muss mich bei dir bedanken. Denn du hast den Ball nie in die Nähe meines Tores kommen lassen." Passiert das doch einmal, muss ich mein Bestes geben, ebenso wie Ana Alice, die Verteidigerinnen und der gesamte Rest des Teams es ebenfalls stets tun.

Was für ein Gefühl war es, als Sie den letzten Elfmeter gehalten haben und Ferroviaria damit im Finale stand?

Unglaubliche Freude. Enorme Dankbarkeit für Gott und meine Teamkameradinnen. Wir hatten unser erstes Spiel mit 0:4 verloren. Im Halbfinale hätte ein Elfmeter unsere Niederlage bedeuten können. All das geht dir in einem solchen Moment durch den Kopf. Was für ein unvergesslicher Moment!

Haben Sie die Reaktion von Trainerin Lindsay Camila gesehen, als Sie den Elfmeter gehalten haben?

(lacht) Ja, ich hab's gesehen! Sie fiel auf die Knie und weinte. Ich fand das absolut cool. Fussball ist so unglaublich emotional. Wir haben am Anfang des Wettbewerbs viel Kritik einstecken müssen. Daher waren die Erleichterung und die Freude riesig. Es ist wirklich sehr emotional, wenn sie emotional wird!

Ist Ihre Stärke bei Elfmetern ein angeborenes Talent oder haben Sie dafür viel trainiert?

Elfmeter sind im Fussball sehr oft entscheidend. Wie oft entscheiden sie sogar über den Ausgang von Meisterschaften? Also habe ich sehr intensiv Elfmeter trainiert und auch viele Elfmeterspezialisten studiert, nicht nur Spielerinnen sondern auch Spieler. Dida war schon immer ein Torhüter, den ich sehr bewundert habe. Er wirkte immer völlig emotionslos. Man konnte nie irgendwelche Emotionen in seinem Gesicht ablesen. Ich denke, ich habe ein bisschen etwas von ihm übernommen. Das ist ein großer Vorteil, denn man darf als Torhüter keine Emotionen zeigen, schon gar nicht, wenn es um Elfmeter geht. Ich bin auch ein großer Fan von Taffarel. Ich bin ja schon recht alt (lacht), daher hatte ich das Glück, noch eine ganze Menge von Dida und auch noch Einiges von Taffarel zu sehen. Ich habe auch viele Videos von Taffarel analysiert. Dida und Taffarel inspirieren mich sehr. Auch Alisson, Weverton und Tadeu mag ich sehr und habe von ihnen gelernt. Ich denke, je mehr man analysiert und trainiert, desto besser wird man.

Sie erwähnten die 0:4-Niederlage im ersten Spiel. Nach dem Unentschieden im zweiten Spiel standen Sie schon kurz vor dem Ausscheiden. Können Sie glauben, dass Sie jetzt tatsächlich das Finale erreicht haben?

Wir hatten eine solche Niederlage im ersten Spiel nicht erwartet. Doch so etwas passiert im Fussball nun einmal. Man kann sich davon runterziehen lassen oder man kann zusammenstehen und sagen: "Los, das biegen wir jetzt wieder gerade." Wir haben nach diesem Spiel in der Umkleide sehr intensiv diskutiert und letztlich hat uns das stärker gemacht. Niemand wollte an uns glauben, doch wir selbst haben an uns geglaubt. Das Unentschieden im zweiten Spiel war auch nicht unbedingt das Ergebnis, das wir uns vorgestellt hatten. Doch wir blieben ruhig und zuversichtlich und haben im dritten Spiel dann viel besser gespielt und den benötigten hohen Sieg geholt.

Corinthians war der große Favorit auf den Titelgewinn in der Copa Libertadores, ist aber im Halbfinale im Elfmeterschießen ausgeschieden. Sind Sie erleichtert, dass Sie im Finale nicht gegen dieses so starke Team antreten müssen?

Nein, wir hätten uns Corinthians im Finale gewünscht, ein weiteres brasilianisches Team. Ich habe einige gute Freundinnen bei Corinthians und war wirklich traurig, dass sie es nicht ins Finale geschafft haben. Das Gleiche gilt auch für Kindermann – wir wollen immer, dass die brasilianischen Teams erfolgreich sind. Corinthians ist ein fantastisches Team – das kann man kaum in Worte fassen. Ich hoffe, sie können die Enttäuschung überwinden und das Spiel um Platz drei gewinnen. Ich weiß, dass sie uns im Finale anfeuern werden. Es spielt gar keine Rolle ob wir, Corinthians, Kindermann es sind. Worauf es ankommt, ist, dass wir diese Trophäe nach Brasilien holen.

Was sagen Sie zu Club América?

Ein wirklich schwerer Gegner. Das sind echte Kämpferinnen, sie geben niemals auf, kämpfen bis zum Schluss. Sie haben viel Klasse im Kader und sind enorm kampfstark. Da müssen wir uns mächtig reinhängen, um ihnen Paroli zu bieten. Doch wir sind zuversichtlich, dass wird siegen werden.

Was können Sie uns zu der Verehrung sagen, die Sie bei den Anhängern von Ferroviaria genießen?

Das ist wirklich sehr bewegend. Seit ich 2013 nach Araraquara kam, standen Sie immer hinter mir. Wenn ich mal niedergeschlagen war und es brauchte, zeigten sie ihre Verehrung. Die Fans von Ferroviaria sind wirklich etwas ganz Besonderes. 'Liebe' – mir fällt kein anderes Wort ein, um das Verhältnis zwischen uns zu beschreiben. Es ist ein schönes Gefühl, sie glücklich zu machen. Ich hoffe sehr, dass wir diesen Titel für unsere großartigen Fans gewinnen können.

Einer von ihnen, nämlich Rafael Zocco, hat ein großes Tattoo von Ihnen auf dem Bein…

(lacht) Das ist eine verrückte Geschichte! Als man es mir erzählt hat, wollte ich es gar nicht glauben. Dann haben sie mir über WhatsApp ein Foto davon geschickt. Ich dachte immer noch, es wäre gefälscht, mit Photoshop. Ich habe nicht mehr daran gedacht, doch als ich es dann selbst gesehen habe, konnte ich meinen Augen kaum trauen! Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass sich ein Fan ein Tattoo von mir stechen lässt, und dann auch noch ein so großes! Es hat mich emotional sehr berührt, als ich das sah. Was für eine Ehre!

What do you think of America?

A really tough side. They’re such warriors – they never give up until the very end. They have a lot of quality and we know they have so much fight in them, so we will have to match this. But we’re very confident we will emerge victorious.

Can you tell us about the affection the Ferroviaria supporters have for you?

It’s really moving. Ever since I first arrived in Araraquara in 2013, they have been so nice to me. When I was down and needed it, they showed me affection. The Ferroviaria supporters are really special. ‘Love’ – that’s the only word I can use to describe the relationship between us. It feels really great to make them happy, and I really hope we can win this title for these incredible supporters.

One of them, Rafael Zocco, has a huge tattoo of you on his leg…

(Laughs) It’s amazing. They told me about it and I didn’t believe it. So they sent me a WhatsApp photo and I still thought it was fake, a photoshop. I didn’t think any more of it but they me to see it in person and I couldn’t believe my eyes! I never, ever imagined a fan would get a tattoo of me, yet alone one so big. I was really emotional when I saw it. What an honour!

All das wäre wohl nicht passiert, wenn Sie 2015 mit dem Fussball aufgehört hätten…

Ich war damals wirklich am Boden und sehr niedergeschlagen. Es war eine schwere Zeit. Ich hatte genug vom Fussball. Ich wollte nur weg, aber meine Familie hat es nicht zugelassen. Sie haben mich enorm unterstützt und Gott sei Dank bin ich ins Training zurückgekehrt und bin heute hier, und sehr glücklich darüber, das zu tun, was ich liebe. Und ich hoffe, ich bin nach dem Finale noch glücklicher!