Fussball hilft im Kampf gegen die hohe Selbstmordrate in der kanadischen Arktis

28. Okt. 2020
  • Nunavut ist ein riesiges Gebiet, das den größten Teil des kanadischen Arktis-Archipels bildet

  • Die Region ist frei von COVID, doch die Selbstmordrate ist sehr hoch

  • Der Fussball bietet trotz zahlreicher Herausforderungen einen positiven Fixpunkt

Nunavut schaffte es kürzlich in die Schlagzeilen. Kanadas größtes und nördlichstes Territorium rückte ins Rampenlicht, weil als nahezu einzige Region Nordamerikas vollständig frei von COVID-19 ist.

Grund dafür ist in erster Linie die Abgelegenheit des riesigen Gebietes, in dem es weder Straßen noch Bahnlinien gibt, und das ganzjährig ausschließlich per Flugzeug erreichbar ist. Das Coronavirus ist hier zwar nicht zu finden, doch Nunavut – die Heimat von 36.000 Menschen auf einer Fläche von zwei Millionen Quadratkilometern – sieht sich einer anderen heimtückischen Bedrohung gegenüber.

Selbstmord ist seit langer Zeit eine der häufigsten Todesursachen in dem Territorium. Die Selbstmordrate liegt in Nunavut neun Mal so hoch wie der nationale Durchschnitt, und wenn es ein unabhängiges Land wäre, wäre diese Rate die höchste aller Nationen der Welt.

"Der COVID-Pandemie sind wir bislang aus dem Weg gegangen, doch unsere Epidemie heißt Suizid", so Joselyn Morrison, die Präsidentin des Fussballverbands von Nunavut. "Das ist hier oben eine massive Herausforderung, die größte, die wir haben."

Morrison und der Sport, den sie liebt, helfen im Kampf dagegen. Auch wenn der Fussball deutlich hinter Eishockey als beliebtester Sportart des Territoriums liegt, stellt er dennoch einen wertvollen Brennpunkt dar, um den herum körperliche Gesundheit und geistiges Wohlbefinden gedeihen können.

"Es ist überaus wichtig, den Menschen hier - insbesondere den jungen Menschen - etwas anzubieten, womit sie sich beschäftigen können", so Morrison gegenüber FIFA.com. "Ich wohne in der größten Gemeinde hier in Nunavut (der Hauptstadt Iqaluit), doch eigentlich ist es eine Kleinstadt mit gerade mal 8.000 Einwohnern. Etwas zu tun zu haben und sich darauf freuen zu können, ist eine echte Herausforderung – vor allem in den dunklen Wintermonaten.

"Je mehr Aktivitäten wir den Menschen anbieten können, desto besser. Fussball und Sport im Allgemeinen ist in dieser Hinsicht sehr wichtig, weil er, wie jeder Fussballspieler weiß, sich sehr positiv auf die körperliche und auch die geistige Gesundheit auswirkt."

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Allerdings fallen die Temperaturen in Nunavut im Winter bis auf 50°C und der Boden ist dauerhaft gefroren. Keine Bedingungen also, unter denen der Fussball normalerweise gedeihen würde. Anpassungsfähigkeit und Einbindung des Futsal sind entscheidend, um dem schönsten aller Spiele in der Sportlandschaft der Region seinen Platz zu sichern.

"Abgesehen von ein paar Spielen im Sommer draußen ist Fussball für uns definitiv ein Hallensport", räumt Morrison ein. "Hier in Iqaluit spielen wir normalerweise in einer Sporthalle. Allerdings wird in den Monaten von Mai bis September für uns ein Kunstrasenplatz in einem Eishockeystadion eingerichtet. In letzter Zeit konzentrieren wir uns auch auf Futsal, denn das gehört zum Programm bei den Arktischen Winterspielen.

"Die geografische Lage und die beschwerlichen Reisen sind die größten Herausforderungen für den Fussball. Wir versuchen, zumindest zwei Turniere im Jahr auszurichten, eins in der Altersklasse U-15 und eines in der U-18. Die Reisen und die damit verbundenen Kosten machen es uns sehr schwer. Die Kosten sind wirklich unerhört hoch."

"Teams aus kleinen Gemeinden sammeln eine Menge Spenden, um zu diesen Turnieren kommen zu können. Aber dann kommt es häufig vor, dass am Tag der Reise nach Iqaluit ein Wintersturm oder ein Blizzard wütet und man nicht fliegen kann. Dass man so stark dem Wetter ausgeliefert ist, macht es sehr schwer, die Dinge zu organisieren."

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Geografische und finanzielle Herausforderungen erschweren auch alle Versuche, Nunavut für Turniere in benachbarten Territorien zu verlassen. "Ich trainiere hauptsächlich Mittelschülerinnen, U-12- und U-14-Juniorinnen, und wir sind die einzige Mittelschule in der Stadt, also gibt es für sie niemanden, gegen den sie antreten können. Das ist hart", erklärte Morrison.

"Aber es gibt ein Turnier namens Super Soccer in Yellowknife (der Hauptstadt der Northwest Territories, gut 2.200 Kilometer von Iqaluit entfernt), und wir sammeln das ganze Jahr über Spenden, um dorthin zu reisen. Die Kosten für dieses eine Wochenende für Flüge, Hotel und so weiter, liegen bei 85.000 bis 100.000 Dollar. Das dürfte klar machen, welch große Ressourcen wir brauchen, um überhaupt gegen andere Teams antreten zu können.

"Aber wir haben Spaß an der Beschaffung der Mittel, und es lohnt sich, wenn wir dann tatsächlich ankommen. Einige der Kinder haben die Gemeinde oder das Territorium zuvor noch nie verlassen, und es sind Dinge, von denen man nicht erwarten würde, dass sie sie umhauen, wenn wir in Yellowknife ankommen. Bäume sind ein gutes Beispiel – hier bei uns gibt es keine Bäume – und auch McDonald's! (lacht)

"Es ist eine Menge Geld, aber es ist eine großartige Erfahrung. Diese Reise, und Teil eines Teams zu sein, ist etwas, das den Mädchen ihr ganzes Leben lang in guter Erinnerung bleiben wird. Und das ist ein Teil dessen, was den Fussball für uns so besonders macht."

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