Froböse: "Wünsche mir Symbiose aus E-Sport und Fussball"

Fussball spielen auf dem Rasen und das Zocken an der Konsole oder dem PC – kann es da wirklich Gemeinsamkeiten geben? Kann man sogar voneinander lernen? Die Antwort auf diese Frage ist gar nicht so simpel, wie man zunächst denken mag. Um sie zu beantworten, hat sich FIFA.com mit Dr. Ingo Froböse, Professor an der Deutschen Sporthochschule in Köln, unterhalten. Professor Froböse gilt seit einigen Jahren als Kapazität auf dem Gebiet der sportwissenschaftlichen Untersuchung des E-Sports.

"Nachdem ich an der Sporthochschule immer mehr das Gefühl bekommen habe, dass wir auch dort Spitzensportler haben, die klasse virtuell spielen, habe ich mich mit einigen zusammengesetzt und über ihre Probleme gesprochen, natürlich immer abgeleitet von dem, was wir lehren. Es hat sich ergeben, dass im E-Gaming eine völlig andere Vorgehensweise realisiert ist", erklärt Froböse, wie er zum E-Sport kam.

Ist E-Sports nun eigentlich "richtiger" Sport? Die Beantwortung dieser Frage fällt schon alleine daher schwer, da es keine allgemeingültige Definition von Sport gibt. ", dass ich das als Sportart erachte. Wir beschäftigen uns seit Längerem mit dem Anforderungsprofil von E-Gamern. Sie haben ein Belastungsprofil, insbesondere in Sachen Herz-Kreislauf-Reaktionen, das DTM-Fahrern gleichzusetzen ist", so der 59-jährige Sportwissenschaftler. "Wir haben darüber hinaus ein konzentratives Potential, Aufmerksamkeit, Reaktion, Fokussierung und Taktik. Die ist vergleichbar mit anderen Teamsportarten. Wir haben also motorische, technisch taktische und emotionale Fähigkeiten. Dies als Grundpaket bezeichne ich als Sport."

Froböse ist der Auffassung, dass ein guter Fussballspieler auch ein guter E-Gamer sein kann: "Ich glaube, dass bestimmte Grundfähigkeiten einfach vorhanden sein müssen. Die gesamte Technik und Taktik, dass prädestiniert Menschen, die das auch im echten Leben ausführen. Ich glaube, dass Sportler davon profitieren. Gute Fussballer sind, wenn sie gewissen Grundfähigkeiten haben, auch gute FIFA-Spieler. Nicht umsonst spielen ja auch die meisten." Dabei gehe es aber natürlich nicht darum, das Fussballspielen durch Gamen zu ersetzen. "Wenn Eltern skeptisch sind, wenn ihre Kinder spielen, haben sie auch teilweise recht. Wenn Kinder nur noch davorsitzen, ist das auch nicht gut. Denn was nicht auf der Strecke bleiben darf, ist das eigentliche Sporttreiben. Nur aus beidem als Symbiose kann etwas entstehen. Mein ideales Bild wäre, dass man die richtige und die virtuelle Sportart miteinander verknüpft und sogar sinnvoll Trainingsinhalte zusammen gestaltet. Vor allem Spielzüge oder taktische Dingen könnten virtuell wunderbar geschult werden."

Die Öffentlichkeit sollte sich also von dem teilweise noch vorhandenen Bild verabschieden, dass professionelle E-Gamer alle Couch-Potatoes sind, die im echten Leben das linke nicht vor das rechte Bein kriegen würden. "Ich glaube, dass körperliche, mentale Fitness und auch die Fitness im Spiel vorhanden sein muss. Nur wenn Körper und Geist miteinander harmonieren, dann funktioniert es. Kurzfristig mag es mal klappen, aber langfristig wird bei Turnieren nur der Erfolg haben, der auch körperlich fit ist", glaubt Froböse, der erwartet, dass es demnächst auch Trainingslehre und Trainer für E-Sportler geben wird. "Wir haben es bei den Koreanern erlebt. Nicht bei FIFA, aber bei anderen Spielen. Die leben es vor, dass die ein komplettes System haben wie bei anderen Sportarten auch. Dazu gehören ein Trainer, mentales Coaching, Physiotherapie usw."

Und wie könnte das konkret bei Video-Fussballspielen aussehen? "Bezogen auf das FIFA-Spiel dürfte sich die Trainerbank für E-Sportler nicht von der im richtigen Fussball unterscheiden. die Belastungen kennen, um die Pause zu definieren, die man anschließend braucht. Da haben wir Nachholbedarf. Wir erfassen gerade die Belastungen und Anforderungen der Spieler, um darauf aufbauend eine optimale Regeneration abzuleiten. Wir schulen derzeit schon Profiteams. Wir wollen in Zukunft Trainingslehren für E-Sportler entwickeln."

Der Universitäts-Professor fordert eine Professionalisierung des E-Sports. "Wir brauchen reguläre Strukturen, die sich dem normalen Sport angleichen. Denn das wird dem E-Sport immer vorgeworfen, dass er aus der Kultur der Jugend entstanden ist und sich daher nicht den Strukturen unterwirft. Das tut aber Not, um eine flächendeckende Akzeptanz zu erreichen. Ich bin mir sicher, dass wir in fünf Jahren spätestens die ersten Übertragungen im TV haben und aus der Subkultur eine richtige Kultur wird." Auch aus diesem Grund sieht er Veranstaltungen wie den FIFA Interactive World Cup äußerst positiv. "Gerade über die Wettkampfszene wird die Professionalisierung zunehmen und auch das Training und die Fokussierung. Qualifikationswettbewerbe, Ausscheidungen, Strukturen müssen erschaffen werden. Wenn wir es schaffen, wie beim FIWC auch Duelle länderübergreifend hinbekommen, umso besser. Dann wird auch auch der nationalistische Gedanke im positiven Sinne gestärkt."

Für die Weiterentwicklung der virtuellen Fussballspiele hat Froböse eine sehr spannende Idee: "Was ich mir wünschen würde, wäre eine Vernetzung, dass ich mich selbst mit meinen Fähigkeiten in das Spiel integrieren kann: ich spiele dann nicht mit Cristiano Ronaldo, sondern mit mir selbst – mit meinen Stärken und Schwächen auf dem Rasen. Ich würde gerne eine Individualisierung der Spielerpersönlichkeit haben. Es wäre doch toll, wenn man selbst Bestandteil einer Nationalmannschaft wäre und dann eine echte WM im Onlinebereich spielen könnte, weil ich selbst die motorischen Fähigkeiten mitbringe – das wäre doch toll. Und man müsste dafür trainieren."

"Die vorgefertigten Spieler im Spiel haben bestimmte Fähigkeiten, Schnelligkeit, Sprungkraft. Diese Daten könnten von mir als Person reingebracht werden – das wäre ideal. Wenn ich also meine Daten in eine Spielerperson integriere, das heißt, ich muss vorher einen Ausdauer- und einen Sprinttest machen. Diese individuellen Merkmale werden dann entscheidend sein, wie die Spiele ausgehen." Das würde dann in der Tat für eine nie dagewesene Vernetzung von realem und virtuellem Sport sorgen – und vielleicht auch den einen oder anderen Couch-Gamer dazu bewegen, sich im echten Leben mehr zu bewegen.