Ein neues Zeitalter in Malawi

John Kaputa sitzt rechts auf dem Fahrersitz seines Autos und spricht – oder vielmehr predigt leidenschaftlich – über das enorme fussballerische Potenzial, das in Malawi zu finden sei. "Wir haben riesige Talente und sind völlig verrückt nach Fussball, doch uns fehlen die Strukturen, um all unsere begeisterte und talentierten Kinder an den Profifussball heranzuführen. Bei uns können sie nicht einmal organisiert spielen", führt er weiter aus, während er gemeinsam mit FIFA.com an einem Bauernmarkt entlang der Schnellstraße M1 vorbei fährt.

Die Szenerie auf dem Weg vom Chileka International Airport außerhalb von Blantyre ins Zentrum der Hauptstadt wirkt wie aus einem Film: Vor einem Gemüsestand spielen sieben barfüßige Kinder im Straßenstaub Fussball – aber nicht mit einem Ball sondern mit einem Kürbis.

Kaputa ist 60, doch er lacht, klingt und sieht aus wie jemand in den Dreißigern. Am Telefon erkundigt er sich: "Was kann Malawi heute für Sie tun", so als wäre er ein Botschafter. Als Technischer Leiter des Fussballverbandes von Malawi ist er für die Koordinierung der Umsetzung eines bahnbrechenden Projektes zuständig, das im Oktober im Leistungszentrum Chiwembe in Blantyre begonnen wurde: Eine volle Saison einer Nachwuchs-Liga der Altersklasse U-15 mit dem Ziel, die Lücken zu schließen, die zwischen dem ersten Kontakt der Kinder mit dem Fussball und einer möglichen Profikarriere klaffen.

Die Auswahl Malawis für das weltweit erste derartige Pilotprojekt ist den erfolgreichen diesbezüglichen Anstrengungen des nationalen Fussballverbandes zu verdanken. "Malawi wurde nicht zufällig ausgewählt. Im Gegenteil: Das Land hat sich der Förderung des Fussballs an der Basis verschrieben und ist daher bestens geeignet, die Kluft zum Spitzensport zu schließen", so Ashford Mamelodi, der FIFA-Entwicklungsbeauftragte für die Programme im Süden und Osten Afrikas. "Jedes Land, das im Fussball etwas Bemerkenswertes erreicht hat, hat mit einem solchen Fundament begonnen. Letztlich profitiert die Elite davon, doch alles läuft über ein erfolgreiches Fundament. Und es kommt auch den Jugendlichen zugute, die keine Profis werden aber zumindest mit strukturiertem Fussball heranwachsen."

Der Traum von der WM-Teilnahme Malawi gehört zu den kleinsten afrikanischen Ländern. Die Vergangenheit als britische Kolonie erklärt nicht nur den Linksverkehr auf den Straßen, sondern auch die enorme Leidenschaft für den Fussball, die mit Abstand beliebteste Sportart im Land – auch wenn sich die Nationalmannschaft noch nie für eine FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ qualifizieren konnte. Und auch beim Afrikanischen Nationen-Pokal war das Team erst zwei Mal dabei, nämlich 1984 und 2010. Enorme Popularität und viel Talent aber meist enttäuschende Resultate – Malawi schöpft sein fussballerisches Potenzial bislang nicht aus.

"Ich bin erst vor 20 Minuten hier angekommen und habe schon zwei Spielmacher entdeckt, wie ich sie für mein Team bräuchte", freut sich Ernest Mtawali, der das erste Spiel des Tages zwischen Zomba Urban und Chiradzulu von der Tribüne aus beobachtet, wo es kein Entrinnen vor der bereits brennenden Sonne gibt. Der 51-Jährige ist in Malawi eine Fussballlegende und derzeit Trainer der A-Nationalmannschaft. Schon als 18-Jähriger feierte er sein Debüt im Nationalteam und spielte als Profi, bis er 42 war. Einen Großteil seiner Karriere verbrachte er in der südafrikanischen Premier League, doch er spielte auch in Saudiarabien, Frankreich (beim FC Toulouse) und sogar in Argentinien (bei Talleres und den Newell's Old Boys).

"Ich sage Ihnen: Was die natürliche Begabung und die Leidenschaft für den Fussball angeht, kann es Malawi mit jedem anderen Land der Welt aufnehmen. Ich kann kaum glauben, was ich hier sehe. Wenn wir uns so gut um die Kinder unter 15 Jahren kümmern, dann darf man sogar davon träumen, dass wir uns im nächsten Jahrzehnt vielleicht einmal für die Weltmeisterschaft qualifizieren."

Gute Betreuung ist Voraussetzung Was Mtawali meint, wenn er von "kümmern" spricht, geht weit darüber hinaus, einfach nur etwas Ausrüstung zu verteilen und einen Spielplan aufzustellen. Die Grundlagen des Projektes wurden mit einem fünftägigen Kurs für 36 CAF-Lizenztrainer gelegt. Nach dieser Schulung übernahmen je zwei Trainer eines der 18 Teams, die die Debütsaison der Nachwuchsliga bestreiten. Seit Mitte Oktober trainieren die Mannschaften bis zu drei Mal wöchentlich. Bis zum Ende der Saison im Mai 2016 werden sie alle 18 bis 20 Spiele absolviert haben.

Nach der ersten Saison wählt der malawische Fussballverband die besten Spieler aus den elf Teams der Zentralregion und den sieben Teams der Region Ost aus. Diese werden dann gemeinsam trainieren und sollen das Rückgrat der U-15-Nationalmannschaft bilden. "Dieses Verfahren wollen wir in der zweiten Saison erneut anwenden. Allerdings hoffen wir, bis dahin insgesamt 34 Mannschaften aus allen 28 Distrikten in Malawi dabei zu haben", erläutert Kaputa, wobei er leidenschaftlich gestikuliert.

"Auf diese Weise stellen wir die nächste Generation unserer U-17-Fussballer zusammen, die stärker sein wird als alle zuvor. Wir wollen eine echte Heldengeneration aufbauen. Zumindest aber werden wir einer Generation die Möglichkeit eröffnen, so Fussball zu spielen, wie es für Jugendliche sein sollte."

Es mag den kleinen Kindern zwar Spaß machen, im Staub einem Kürbis nachzujagen und nur davon zu träumen, bei einer WM zu spielen. Doch in Malawi will man nun das wahre Potenzial ausschöpfen und den jungen Spielern ganz neue, reale Perspektiven eröffnen.