Maruyama: "Das Tor gegen Deutschland hat mein Leben verändert"

9. Juli 2021
  • Karina Maruyama erzielte 2011 das Tor, das Titelverteidiger und Gastgeber Deutschland aus dem Rennen warf

  • Japan schlug anschließend Schweden und die USA und wurde zum ersten Mal Weltmeister

  • Ehemalige Stürmerin analysiert den Einfluss des Tors auf ihr Leben und den japanischen Frauenfussball

Die ehemalige japanische Stürmerin Karina Maruyama erzielte in ihrer zwölfjährigen Länderspielkarriere 14 Tore. Das wichtigste von allen war allerdings der Treffer gegen Titelverteidiger und Gastgeber Deutschland im Viertelfinale der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011™. "Dieses Tor war etwas ganz Besonderes für mich," so Maruyama. "Es ist eines dieser Tore, die dein Leben verändern. Da es bei einem so wichtigen Turnier wie der Frauen-WM gefallen ist, hatte ich das Gefühl, dass ich es nicht nur für mich erzielt habe, sondern für alle Menschen, die uns in Japan unterstützen. Der Wunsch, mein Land zu repräsentieren, war stärker als je zuvor."

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Das Spiel selbst, das heute vor zehn Jahren stattfand, hat seinen festen Platz in der Geschichte der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™. Ein selbstbewusstes deutsches Team, das als Titelverteidiger vor eigenem Publikum antrat, war gegen die weit weniger erfahrenen Japanerinnen hoch favorisiert. Als nach 90 Minuten ein torloses Remis auf der Anzeigetafel stand, ging die Partie in die Verlängerung. Deutschland wurde von einem begeisterten heimischen Publikum lautstark unterstützt, doch dann gelang Maruyama nach einem Zuspiel von Homare Sawa der alles entscheidende Treffer. "Als ich mit dem Ball auf das Tor zulief, schaute ich auf und sah die Torfrau", so die 38-Jährige im Gespräch mit FIFA.com. "Normalerweise hätte ich ins kurze Eck geschossen. Aber in dem Moment hatte ich einen Geistesblitz und habe mich stattdessen fürs lange Eck entschieden. Dann sah ich, dass meine Mitspielerinnen auf mich zuliefen, um zu feiern, und im ganzen Stadion war es schlagartig still." In den verbleibenden Minuten warf das gastgebende Team von Silvia Neid auf der Jagd nach dem Ausgleichstreffer alles nach vorn, doch alle Versuche waren vergeblich. Japan hielt dem Dauerdruck stand und sorgte für eine der großen Überraschungen des Turniers. "Wir hatten vorher noch nie gegen Deutschland gewonnen", so Maruyama. "Deshalb hat uns dieser Sieg Auftrieb für unsere nächsten Spiele gegeben." Dank des Überraschungssieges zogen die Japanerinnen ins Halbfinale ein, wo sie Schweden mit 3:1 schlugen. Anschließend machten sie das Fussballmärchen mit einem Finalsieg gegen eine hoch gehandelte U.S.-Auswahl im Elfmeterschießen perfekt. Für die Menschen in Japan Der Erfolg tat nicht nur dem Team selbst gut. Wenige Monate zuvor war Japan von einem Erdbeben verwüstet worden, das mindestens 20.000 Menschen das Leben kostete und eine noch viel größere Anzahl an Verletzten forderte. Bis zu 500.000 Menschen mussten aus ihren Häusern fliehen, und die unglaubliche Zerstörung war auch während des WM-Finales in den Köpfen der Spielerinnen allgegenwärtig. "Zu dieser Zeit war ich sehr emotional", so Maruyama. "Bei der Zusammenkunft vor dem Spiel haben wir uns noch einmal ein Video der Katastrophe angeschaut, und ich bin in Tränen ausgebrochen. Ich dachte mir, wir könnten helfen, indem wir spielen, was das Zeug hält, unsere Gefühle unter Kontrolle bringen und alles für unser Volk geben." "Der Zusammenhalt im Team war wirklich groß. Wir haben aufeinander achtgegeben. Wir haben alles für das Team gegeben, und zwar alle, von den Stammspielerinnen bis hin zu den Reservistinnen." Die Spielweise des Teams zeugte davon, dass es unbedingt gewinnen wollte. "Ich glaube, wir haben sowohl physisch als auch technisch eine gute Leistung abgeliefert", so die ehemalige Stürmerin. "Vor allem waren wir ein Team, das im Spielaufbau auf ein Kurzpassspiel gesetzt hat. Ich glaube, inzwischen ist das Kurzpassspiel weltweit zum Trend geworden." Bei ihrer Rückkehr nach Hause als frisch gebackene Weltmeisterinnen erhielten die Japanerinnen viel Applaus und der Triumph wurde im ganzen Land gefeiert. Infolge des WM-Sieges stieg das Ansehen des Frauenfussballs in Japan ungemein. Mittlerweile zählt er zu den beliebtesten Sportarten des Landes. "Der größte Erfolg für uns war, dass der Frauenfussball für die Menschen in Japan an Bedeutung gewonnen hat. Er ist jetzt eine Laufbahn, die mehr und mehr Mädchen einschlagen können." Olympische Spiele in Tokio Das Olympische Fussballturnier der Frauen Tokio 2020 steht vor der Tür, und Maruyama, die selbst 2012 in London mit Japan die Silbermedaille gewonnen hat, ist mit Blick auf den aktuellen Kader hoffnungsvoll. "Ich beneide das aktuelle Team darum, dass es dieses Mal zu Hause antreten kann", so Maruyama, die sich jetzt mit dem Training und der Förderung von Nachwuchsspielerinnen befasst. "Für die Nadeshiko ist es jetzt an der Zeit, eine Medaille vor den eigenen Fans zu gewinnen. Ich glaube, sie können es schaffen."