Nigerias erstaunlicher Auftritt von 1999

1. Juli 2016
  • Nigeria war 1999 in den USA eine der unterhaltsamsten Mannschaften

  • Starspielerin Mercy Akide erinnert sich an die Reise der Super Falcons

  • Akide: "Wir reisten mit einer Mission dorthin: Die Ziele höher zu stecken für den afrikanischen Frauenfussball. Das ist uns gelungen"

"Wir waren bereit, dafür zu sterben", antwortet Mercy Akide Udoh im Gespräch mit FIFA.com auf die Frage nach der Bedeutung von Nigerias denkwürdigem Auftritt bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 1999 in den USA. "Wir reisten mit einer Mission dorthin: Die Ziele höher zu stecken für den afrikanischen Frauenfussball. Das ist uns gelungen. Wir haben alles dafür gegeben, damit der Frauenfussball nicht nur in Nigeria, sondern in ganz Afrika wächst, denn er wurde nicht respektiert. Wir wollten allen zeigen, dass wir spielen können, unabhängig davon, wo wir herkommen oder welche Hindernisse wir überwinden müssen. Als afrikanische Frauen wollten wir zeigen, dass wir etwas tun können, das nichts mit Heim und Herd oder zu Diensten des Mannes zu tun hat, sondern dass wir Fussball spielen können."

Jener magische Sommer stellt für die Frauen-WM dank der riesigen Zuschauerzahlen und der Strahlkraft der U.S.-amerikanischen Superstars, die nach dem Finalsieg gegen China VR den Titel holten, einen besonderen Höhepunkt dar. Die Geschichte des nigerianischen Teams gerät daher zu Unrecht oft in den Hintergrund. Dabei waren die Super Falcons eines der schillerndsten und unterhaltsamsten Teams des Turniers und erreichten bisher ungekannte Höhen für den afrikanischen Frauenfussball.

Erster Sieg und erste krachende Niederlage

Die Nigerianerinnen hatten in den vorangegangenen zwei WM-Teilnahmen keine besonders guten Ergebnisse erreicht. Sie hatten gerade einmal einen Punkt in sechs Partien erzielt und wiesen ein Torverhältnis von minus 16 auf. Doch angeführt von der damals 23-jährigen Marvellous Mercy waren sie mit 28:0 Toren in fünf Spielen durch die afrikanische Qualifikation gestürmt. Sie galten in Gruppe A neben dem Geheimtipp Korea DVR, den Gastgeberinnen und Weltmeisterinnen von 1991 sowie den zweifachen Viertelfinalistinnen Dänemark als gefährlicher Außenseiter. Akide berichtet, dass jenes Team besser vorbereitet war als bei den vorherigen WM-Teilnahmen, nachdem es lange Trainingslager in Europa absolviert hatte. "Als wir bei der Endrunde waren, konnte man den Unterschied sehen. Wir waren vorbereitet. Wir wussten, dass die anderen Teams mehr Erfahrung haben würden, doch wir hatten keine Angst vor ihnen."

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Die erste Herausforderung waren die Koreanerinnen. Mit einem 2:1-Erfolg, ihrem Angriffsfussball und ihrer Extravaganz eroberten sie auf Anhieb die Herzen der Zuschauer. "Wir hatten unseren eigenen Stil und machten unser Ding. Ich hatte mir die Haare grün-weiß gefärbt und solche coolen Dinge. Wir haben hart gekämpft, aber wir hatten Spaß", erinnert sich Akide mit ihrem typischen fröhlichen Lachen. Sie gab die Vorlage zum Siegtor, doch vor allem ihr bemerkenswerter Führungstreffer praktisch von der Endlinie ins obere Eck des Tores blieb in Erinnerung. "Ich werde dieses Tor nie vergessen. Es war fantastisch. Ich wollte den Ball unbedingt ins Ziel bringen und er ging perfekt in den Winkel. Es stärkte unseren Glauben, dass wir mehr erreichen konnten."

In der zweiten Partie indes musste ein herber Rückschlag verkraftet werden. Gegen den späteren Weltmeister kassierten die Nigerianerinnen eine 1:7-Schlappe. Das mit Stars gespickte Heimteam und die 65.000 Zuschauer waren zu viel für eine Mannschaft, die normalerweise vor leeren Rängen spielte. "Ehrlich gesagt konnten wir einfach nicht glauben, was für ein Publikum das war, und wir waren überwältigt", räumt Akide ein. "Alle spielten vollkommen verrückt, und als wir das Tor schossen, wurde es plötzlich ganz still. Als sie dann aber schnell den Ausgleich erzielten, fiel alles auf uns nieder und es war einfach zu viel für uns."

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Erholung und sensationelles Finish

Coach Ismaila Mabo baute das Team wieder auf, und nur drei Tage später gelang den Falcons ein 2:0-Erfolg gegen Dänemark. Einmal mehr führte Akide ihr Team an und erzielte den Führungstreffer. Es war ein überraschendes Ergebnis, das den Nigerianerinnen den zweiten Platz in der Gruppe einbrachte und eine attraktive Viertelfinalpaarung gegen das beeindruckend offensiv spielende brasilianische Team zur Folge hatte. Die Partie versprach ein historisches Duell zu werden. Es konnte die Erwartungen erfüllen und wurde eines der großartigsten Spiele in der Geschichte der Frauen-WM.

Zunächst sah es für die Afrikanerinnen so aus, als ob sich das Desaster gegen die USA wiederholen würde. Die von der routinierten Spielmacherin Sissi angeführten Brasilianerinnen stürmten zu einer 3:0-Führung innerhalb von 35 Minuten. In Auflösung begriffen taumelten die Falcons in die Halbzeitpause, in der es Mabo gelang, sie wieder aufzurichten. "Der Trainer sagte zu uns, dass wir für Nigeria, für unsere Familien, unseren Namen und uns selbst spielen. Wenn wir wollten, dass die Welt uns anerkennt, war das genau die richtige Partie", verrät Akide.

Die Nigerianerinnen kamen wie entfesselt aus der Kabine, und das Publikum wurde mit einem mitreißenden offenen Schlagabtausch verwöhnt. In der 65. Minute schließlich gelang ihnen ein Treffer und das Eis war gebrochen. In den nächsten zwanzig Minuten erzielten sie zwei weitere und erstritten sich die Verlängerung. Durch eine rote Karte in der Schlussphase geschwächt, musste sich Nigeria in der 104. Minute nach einem Golden Goal, das dieser epischen Partie würdig war, endgültig beugen: Sissi zirkelte einen Freistoß aus der Distanz sehenswert ins Netz.

Die völlig erschöpften Falcons aber hatten das Gefühl, ihre Mission erfüllt zu haben, wie Akide bestätigt: "Wir waren wieder rausgegangen und hatten einfach gespielt. Die Tore waren uns egal. Wir wollten unseren Ruf wiederherstellen und das ist uns gelungen, auch wenn es mit diesem Freistoß endete. Damals gab es den Sudden Death, das mussten wir akzeptieren, aber wir waren zufrieden. Wir waren sehr stolz auf uns."

"Dieses Spiel war eines der besten, das ich im Nationalteam erlebt habe. Drei Tore aufzuholen war der Beweis, dass etwas in uns steckte. Es zeigte, dass wir ein Team waren und wirklich Fussball spielen konnten."