Bouhaddi & Cascarino: Erfahrung und Jugend ziehen an einem Strang

  • Sarah Bouhaddi und Delphine Cascarino sind seit 2015 Teamkameradinnen

  • Gemeinsames Ziel: Gewinn der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Frankreich 2019

  • Frankreich startet am 7. Juni gegen die Republik Korea in die Heim-WM

Die Erstgenannte ist 32 Jahre alt, Torhüterin und kann 137 Einsätze für die französische Nationalmannschaft verbuchen. Ihr Debüt gab sie im Februar 2004. Die Letztgenannte ist 22 Jahre alt, Stürmerin und bringt es auf neun Einsätze im Trikot von Les Bleues. Ihr Debüt gab sie im Oktober 2016.

Auf den ersten Blick scheinen die beiden vollkommen gegensätzlich zu sein. Tatsächlich haben die Teamkameradinnen von Olympique Lyon jedoch viel gemein. Zunächst einmal möchten beide bei der anstehenden FIFA Frauen-Weltmeisterschaft zu Hause in Frankreich unbedingt glänzen. Und dann würden sie den Pokal gern in ihrem Heimstadion in Lyon in die Höhe recken. Beide bereiten sich akribisch auf das Weltereignis vor, können gut mit dem Druck umgehen und möchten sich nicht zu weit aus dem Fenster hängen. Gleichzeitig sind sie jedoch der festen Überzeugung, dass die Bleues es der Männer-Nationalmannschaft des Landes gleichtun und sich die schönste aller Trophäen sichern können.

FIFA.com ist mit den beiden Spielerinnen zu einem Doppelinterview zusammengekommen.

Wenn Sie das Wort "Weltmeisterschaft" hören, woran denken Sie dann? Delphine Cascarino: Ich denke an die U-17-WM, die wir gewonnen haben. Daran habe ich schöne Erinnerungen.

Sarah Bouhaddi: An die französische Männer-Nationalmannschaft, den Sieg, die Sterne ...

Und wenn Sie "U-20-Weltmeisterschaft" hören? Cascarino: Daran habe ich weniger gute Erinnerungen, aber es war trotzdem ein interessantes Turnier, auch wenn wir den Titel nicht gewonnen haben.

Bouhaddi: 2006, Niederlage im Viertelfinale ... 1:2 ... Das ist lange her, ich habe nur noch vage Erinnerungen. Ich weiß noch, dass wir uns ein Gegentor nach einer Ecke eingefangen haben, weil ich mich ab und zu noch mit Amandine [Henry] darüber unterhalte. Ich glaube schon, dass es wichtig ist, all diese Turniere auf Juniorinnenebene zu absolvieren, auch wenn es nicht die entscheidenden Ereignisse für meine Zukunft waren.

Sarah Bouhaddi

  • Torfrau

  • Olympique Lyon

  • 32 Jahre alt

  • 137 Länderspieleinsätze

  • 9 französische Meistertitel

  • 6 Siege im französischen Pokalwettbewerb

  • 5 Titelgewinne in der UEFA Women's Champions League

  • Halbfinale beim Olympischen Fussballturnier der Frauen 2012 in London

  • Viertelfinale bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2015

  • Viertelfinale bei der FIFA U-20-WM 2006 in Russland

Delphine Cascarino

  • Stürmerin

  • Olympique Lyon

  • 22 Jahre alt

  • 9 Länderspieleinsätze

  • 4 französische Meistertitel

  • 3 Siege im französischen Pokalwettbewerb

  • 3 Titelgewinne in der UEFA Women's Champions League

  • Titelgewinn bei der FIFA U-17-Weltmeisterschaft Aserbaidschan 2012

  • Finale der FIFA U-20-Weltmeisterschaft Papua-Neuguinea 2016

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Spielt Erfahrung eine große Rolle? Bouhaddi: Es ist gut, wenn man auf Vereinsebene Spiele auf hohem Niveau bestreitet. Die WM ist dann aber nochmal eine ganz andere Sache. Wir werden in Frankreich spielen, vor heimischem Publikum, der Druck wird anders sein und es steht auch etwas anderes auf dem Spiel. Es ist natürlich gut, Erfahrung einzubringen, aber dieser Faktor wird uns nicht zum WM-Sieg verhelfen.

Cascarino: Ich habe Erfahrungen auf Juniorinnenebene gesammelt. Das ist etwas anderes und ganz und gar nicht dasselbe Niveau. In der A-Nationalmannschaft ist der Druck viel größer.

Sarah, welchen Rat würden Sie Delphine in Bezug auf die Teilnahme an einer WM der A-Nationalmannschaften geben? Bouhaddi: Es gibt keinen wirklichen Unterschied zwischen Juniorinnen-Weltmeisterschaften und der A-WM. Sie sollte genauso viel Spaß haben wie bei den Juniorinnen und diese WM mit vollem Einsatz spielen. Man weiß nie, ob man nach dieser ersten noch eine zweite WM spielen wird. Wir müssen diese Spiele voll und ganz genießen – hier bei uns, in Frankreich – uns von der verrückten Atmosphäre mitreißen lassen und alles geben.

Delphine, ist es beruhigend, eine so erfahrene Spielerin wie Sarah im Team zu haben? Cascarino: Das ist auf jeden Fall eine Hilfe. Sie gibt uns im Alltag bei Lyon viele wertvolle Ratschläge. Es ist einfach unglaublich, plötzlich mit Spielerinnen auf dem Platz zu stehen, die du dir vorher im Fernsehen angeschaut hast. Am Anfang war das wirklich beeindruckend, aber jetzt habe ich mich schon daran gewöhnt!

Die WM ist nur noch zwei Monate hin. Spürt man in Frankreich schon, dass der Druck und die Begeisterung zunehmen? Cascarino: Es stimmt schon, dass in den Medien mehr und mehr die Rede davon ist. Bei den Pressekonferenzen sind enorm viele Journalisten anwesend. Das hat mich wirklich überrascht. Das hängt auf jeden Fall mit der WM zusammen, und ich hoffe, dass es am Tag X auch so sein wird. Im Vorfeld wurden schon viele Tickets verkauft, und wir hoffen, dass uns viele Franzosen anfeuern werden.

Bouhaddi: Ja, es geht tatsächlich langsam los. Das ist das Ereignis in Frankreich. Die Erwartungen an die WM und auch an uns sind hoch. Es kommt darauf an, auf dem Platz die richtige Antwort zu geben. Wir sollten uns jetzt keinen zusätzlichen Druck machen, sondern uns weiter ganz auf uns konzentrieren und die Vorbereitung in Ruhe fortsetzen, um mit maximalem Selbstvertrauen in die WM zu gehen. Der Fussball im Allgemeinen hat in Frankreich einen hohen Stellenwert. Das sieht man auch daran, dass die Stadien bei der WM 1998 und der EURO 2016 gut gefüllt waren. Jetzt ist die Frauen-WM an der Reihe. Es ist ein schöner Liebesbeweis der französischen Fans, dass sie die Stadien füllen. Jetzt müssen wir auf dem Platz entsprechend abliefern, denn es geht darum, ihnen etwas zurückzugeben. Sie haben für alle Stadien enorm viele Tickets verkauft, und das ist sehr wichtig.

Die Halbfinalspiele und das Finale finden in Lyon statt, im Stadion Ihres Klubs. Sind dadurch die Lust und der Druck noch größer? Cascarino: Der Druck nicht, aber die Lust. Die Lust, in diesem schönen Stadion zu spielen – zu Hause. Das gilt ganz besonders für mich, denn ich stamme aus Lyon. Es wäre wirklich ein Traum, dort das Finale zu bestreiten.

Bouhaddi: Das ist eine nette Geste für einen Klub wie Olympique Lyon. Unser Präsident [Jean-Michel Aulas] tut unglaublich viel für den Frauenfussball. Wir Spielerinnen von Olympique haben die Chance, ein Halbfinale und ein Finale im wunderbaren Stadion unseres Klubs zu spielen. Wir sehen es täglich und bei unseren Spielen in der Champions League. Wir lieben dieses Stadion und es bleibt nicht aus, dass man an die WM denkt, wenn man mit OL trainiert und die Arena sieht. Man denkt automatisch an das, was in einigen Monaten passieren könnte. Darüber denken alle Spielerinnen von Olympique nach, denn es könnte einfach fantastisch werden.

Delphine, Ihre Schwester ist Abwehrspielerin bei Paris FC. Was ist schwieriger: gegen sie zu spielen oder zu versuchen, eine WM zu gewinnnen? Cascarino: Zu versuchen, eine WM zu gewinnen! Das ist wirklich schwierig. Das ist eine langfristige Arbeit. Wir bereiten uns seit einigen Monaten vor, und nun bleiben uns noch einige weitere, um uns zu verbessern. Aber wir sind auf einem guten Weg, um beim Turnier eine gute Leistung abzuliefern.

Sarah, was ist schwieriger: im Finale der Champions League mit einer gebrochenen Hand zu spielen oder zu versuchen, bei einer WM eine Medaille zu erringen? Bouhaddi: Diese beiden Dinge sind nicht vergleichbar. Es wäre ein unglaubliches Gefühl, wenn wir wirklich eine Medaille oder die Trophäe erringen würden. Das ist der Gipfel, das Schönste, was einem passieren kann! Das, was im Finale der Champions League passiert ist, ist schwer zu erklären. Aber ich habe mich zu keinem Zeitpunkt gefragt, ob es besser wäre, mich auswechseln zu lassen. Also würde ich sagen, eine Medaille bei der WM zu gewinnen ist schwieriger.