Fishlock: "Ich kann mit Wales in Bales Fußstapfen treten"

  • Jessica Fishlock ist die Topspielerin in der NWSL und walisische Rekord-Nationalspielerin

  • Die 35-jährige Mittelfeldspielerin will ihre Karriere unbedingt mit einer WM-Teilnahme krönen

  • Sie verrät uns, warum Wales "besser als je zuvor" für die Qualifikation gerüstet ist

Sie ist aktuell die beste Spielerin in der US-amerikanischen National Women's Soccer League und gehört zu den wenigen Spielerinnen, die die UEFA Champions League der Frauen mit verschiedenen Klubs gewonnen haben. Sie hat die Meisterschaft in vier Ländern gewonnen, ist Rekord-Nationalspielerin ihres Landes und wurde sogar im Buckingham Palace für ihre enormen Verdienste um den Fußball und die LGBT-Community geehrt.

Jess Fishlock hat eigentlich so ziemlich alles erreicht, was man sich wünschen kann, oder? 'Falsch!', lautet allerdings die Antwort, die Fishlock selbst auf diese Frage gibt.

LONDON, UNITED KINGDOM - DECEMBER 20: Jess Fishlock with her OBE, presented to her by the Prince of Wales during an investiture ceremony on December 20, 2018 at Buckingham Palace, London.   (Photo by Kirsty O'Connor – WPA Pool/Getty Images)

Denn trotz all dieser herausragenden Leistungen und vielen anderen mehr ist die 35-Jährige nicht ganz zufrieden mit ihrer Karriere. Das wäre erst der Fall, sagte sie gegenüber FIFA+, wenn Sie mit Wales auf der größten Fußballbühne der Welt antritt.

"Ich bin sehr dankbar für meine Karriere", erklärt sie, "doch es würde mich für immer verfolgen, wenn ich nicht mit Wales zumindest einmal an einem großen Turnier teilnehmen könnte. Ich habe sehr viel gegeben, wie alle Mädchen in diesem Team, und wir alle jagen diesem Traum schon sehr lange nach. Wales wird sich bald für ein Turnier qualifizieren, da bin ich mir sicher. Wenn ich meine Karriere beenden müsste, ohne dass uns das gelungen ist, würde ich das sehr bedauern."

Das Beste fehlt noch

Bei der bevorstehenden UEFA EURO der Frauen wird dieses große Verlangen erneut nicht gestillt werden. Wales scheiterte zum 15. Mal in Folge in der Qualifikation für ein großes Turnier. Somit nimmt Fishlock nun die FIFA Frauen-WM Australien & Neuseeland 2023™ ins Visier.

Die Waliserinnen haben gute Chancen auf einen Platz in der Playoff-Runde und sind zudem durch die erfolgreiche Qualifikation des Männer-Nationalteams für die FIFA Fussball-WM Katar 2022™ besonders motiviert. Entsprechend zuversichtlich ist auch Fishlock, die eine historische Chance wittert.

"Ich denke, wir sind ganz nah dran", so die Mittelfeldspielerin vom Klub OL Reign in Seattle. "Wir haben im September zwei sehr wichtige Spiele gegen Slowenien und Griechenland vor uns (die in der Gruppe, in der Frankreich bereits sicher qualifiziert ist, zwei bzw. drei Punkte hinter Wales liegen). Wir sind derzeit in einer guten Position und besser gerüstet als je zuvor."

"Was wirklich geholfen hat, ist die allgemeine Entwicklung des Frauenfußballs. Fast alle von uns spielen jetzt als Vollzeitprofis oder zumindest halbprofessionell, und diese Erfahrung, jeden Tag zu trainieren und zu lernen, was es braucht, um zur Elite zu gehören, hilft enorm. Als Gruppe sind wir dadurch körperlich, geistig und emotional viel besser auf den internationalen Fußball vorbereitet. Es ist bei weitem das beste walisische Team, in dem ich je mitgewirkt habe. Der Weg, den wir bis zur WM zurücklegen müssen, ist sehr schwierig. Aber ich denke, dass unser Team ähnlich aufgestellt ist, wie das der Männer: stark in der Defensive, gut im Angriff, mit einer breiten Basis. Auch die Spielweise ist ähnlich, und wir wollen auf dem gleichen Weg über die Playoffs zur WM-Endrunde kommen. Die Frage ist nur, ob wir es auch schaffen werden, über die Ziellinie zu kommen. Ich denke jedenfalls, dass wir für die kommenden Herausforderungen gut gerüstet sind. Dass die Männer es geschafft haben, inspiriert uns nur noch mehr. Ich kann gar nicht genug betonen, wie aufregend das für uns alle ist, und wie groß die Wirkung auf uns ist, dass sie es geschafft haben."

Der gleiche Traum

Gareth Bale war eine der inspirierenden Figuren beim jüngsten Erfolg der Waliser. Und wer nun Parallelen zu der Geschichte einer alternden Ikone sieht, die nationale Rekorde gebrochen und auf Vereinsebene alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt, aber unbedingt noch eine WM-Teilnahme erleben will, ist nicht allein.

"Ich sehe durchaus Parallelen zwischen Bale und mir: Wir werden beide älter und befinden uns in einer Phase, in der wir uns fragen, wofür wir noch spielen und was wir noch erreichen wollen", so Fishlock. "Die Antwort darauf ist für uns beide die gleiche: Eine WM-Teilnahme mit Wales. Gareth Bale ist es gelungen, das ist sensationell, und er hat es sich redlich verdient. Jetzt liegt es an uns, und wenn man mit den Spielerinnen spricht, die schon lange im Nationalteam dabei sind, wird klar, dass wir alle uns das mehr als alles andere wünschen. Das ist einer der wichtigsten Gründe, warum wir weitermachen."

Fishlock hat noch einen weiteren Grund, unbedingt eine WM-Teilnahme in ihren Lebenslauf zu schreiben. Denn obwohl sie und Bale viele Gemeinsamkeiten haben, besteht ein wesentlicher Unterschied darin, dass Bale vor allem durch seine Erfolge im Vereinsfußball bekannt geworden ist. Im Frauenfußball ist das trotz der Entwicklung der heimischen Ligen überall auf der Welt so gut wie unmöglich. Somit müssen Fishlock und andere Spielerinnen wie sie, denen das Rampenlicht großer Turniere verwehrt bleibt, konsterniert zur Kenntnis nehmen, dass ihr Profil ihr Können nicht angemessen widerspiegelt.

MELBOURNE, AUSTRALIA - JANUARY 03:  Kim Little and Jessica Fishlock of City FC talk during the round 12 W-League match between Melbourne City FC and the Western Sydney Wanderers at C.B.Smith Reserve on January 3, 2016 in Melbourne, Australia.  (Photo by Scott Barbour/Getty Images)

"Das stimmt leider, und es geht nicht nur mir so", sagt sie. "Ich sage das über viele walisische Spielerinnen und Spielerinnen anderer kleinerer Nationen, dass sie viel bekannter wären, wenn sie Französinnen, Amerikanerinnen, Engländerinnen oder Spanierinnen wären."

"Über uns wird nicht genug gesprochen, und der Grund dafür ist, dass wir Waliserinnen sind. Ganz ähnlich ist es auch bei Kim (Little, die ebenfalls wertvollste Spielerin der NWSL war und mit Schottland lediglich an einem einzigen großen Turnier teilnahm). Kim ist eine der besten Spielerinnen der Welt, das war sie schon immer. Und es gab eine Zeit, da war sie die Beste überhaupt. Aber sie hat nie die Anerkennung bekommen, die sie tatsächlich verdient hätte. Das Gleiche beobachte ich auch bei unseren Spielerinnen. Das ist schon etwas frustrierend, weil ich weiß, dass sie mehr verdient hätten. Aber ich weiß auch, dass keine von uns es ändern würde. Wir lieben unsere Länder, und wenn wir diese Herausforderungen meistern, ist es umso schöner, wenn wir etwas erreichen."

Comeback-Königin

Als lautstarke und leidenschaftliche Verfechterin der sozialen Gerechtigkeit – sie hat sogar zugegeben, dass sie eine Karriere in der Politik nach ihrer Karriere als Spielerin in Erwägung zieht – ist sich Fishlock auch der "riesigen" Plattform bewusst, die eine FIFA Frauen-Weltmeisterschaft für die Förderung von Anliegen bieten würde, die ihr am Herzen liegen.

Bis September jedoch geht es für sie in erster Linie darum, mit ihrem Klub OL Reign in der NWSL-Tabelle so weit wie möglich nach oben zu klettern und zu untermauern, warum sie zur besten Spielerin der Liga gekürt wurde.

"Ich ziehe Teamerfolge und Trophäen vor, aber es ist auch sehr schön, wenn man solche individuellen Auszeichnungen erhält", sagt sie über ihre Auszeichnung als beste Spielerin der Liga. "Ich bin seit fast zehn Jahren hier und habe ziemlich konstante Leistungen gezeigt. Dass ich diese Auszeichnung ausgerechnet in diesem Jahr gewonnen habe, als ich nach meinem Kreuzbandriss zurückkam, das war schon enorm wichtig für mich. Das bedeutet mir sehr viel. Wenn man nach einer solchen Verletzung zurückkommt, fragt man sich, ob man noch dieselbe Spielerin sein wird – man hat immer Zweifel. Daher war es etwas ganz Besonderes, so zurückzukommen, wie es mir gelungen ist, und die Saison mit der Auszeichnung als beste Spielerin zu beenden."

Fishlock hat bewiesen, dass sie auch mit Mitte 30 noch zu den führenden Fußballerinnen ihrer Generation gehört. Und wenn es ihr gelingt, Wales zur Verwirklichung des lang gehegten Traums zu verhelfen, können sich die Fans darüber freuen, dass die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ durch die Teilnahme dieser ehrwürdigen Veteranin bereichert wird.

SEATTLE, WA - AUGUST 29: Megan Rapinoe #15, Lauren Barnes #3 and Jessica Fishlock #10 of the OL Reign celebrate together after a game between Portland Thorns FC and OL Reign at Lumen Field on August 29, 2021 in Seattle, Washington. (Photo by Jane Gershovich/ISI Photos/Getty Images)