Sinclair: "Ich hätte nie gedacht, dass mir das passieren würde"

6. Aug. 2021
  • Christine Sinclair hat mit Kanada in Yokohama olympisches Gold gewonnen

  • Jahrzehntelanger Traum wird wahr

  • Sinclair über neue Rolle und mögliches Karriereende

Christine Sinclair musste lange auf diesen Moment warten, nämlich 21 Jahre, 4 Monate und 26 Tage, um genau zu sein. 7.818 Tage hat die mittlerweile 38-Jährige seit ihrem Debüt im März 2000 auf eine Goldmedaille auf globaler Ebene hingearbeitet, und laut eigener Aussage war keiner dieser Tage vergebens. "Sie sieht sogar schöner aus als die Bronzemedaille", so Sinclair lachend, die Augen auf die frisch erworbene Trophäe gerichtet. "Und ehrlich gesagt kann ich immer noch nicht fassen, dass es geklappt hat. Ich bin völlig überwältigt." "In meiner Anfangszeit im Nationalteam haben wir 0:9 gegen die USA verloren. Das war normal. Und jetzt gehöre ich zu einem Team, das ganz oben auf dem Treppchen steht ... Ich hätte nie gedacht, dass mir das noch passieren würde."

Sinclair war sicher nicht die einzige, die an einem solchen Erfolg gezweifelt hatte. Noch beachtlicher ist diese schwer fassbare Goldmedaille, wenn man bedenkt, wie sie errungen wurde. Schließlich traute man Kanada gemeinhin einen Überraschungserfolg bei einem solchen Turnier nur mit der ewigen Rekordtorschützin des Weltfussballs in einer Führungsrolle zu. Doch in Japan hat Sinclair keine Fussballwunder vollbracht. Das musste sie auch gar nicht. Die Tatsache, dass sie seit Kanadas Auftaktspiel keinen einzigen Treffer erzielt hat, spricht allein schon Bände. Außerdem wurde sie im Finale ausgewechselt, obwohl sich eine Verlängerung abzeichnete. Doch während andere Spielerinnen von ihrem Format zweifellos geschmollt oder gegen diese untergeordnete Rolle protestiert hätten, war Sinclair zufrieden mit dem Wandel vom Talisman zur bescheidenen Wasserträgerin. "In der Vergangenheit stand ich immer unter Druck, musste Höchstleistungen bringen", so Sinclair. "Mit diesem Team war es anders. Dieses Team ist voller Talente. Jetzt weiß ich, dass ich nur meinen eigenen Job machen und dem Team so gut helfen muss, wie ich kann. Ich muss nicht mehr 150 Prozent geben, damit wir gewinnen. Es ist ein fantastisches Gefühl, Teil eines solchen Teams zu sein." "Ich glaube, dass meine Erfahrung trotzdem noch hilfreich ist. Gestern Abend haben wir gesehen, wie Carli [Lloyd] und Megan [Rapinoe] im entscheidenden Moment für die USA die Kastanien aus dem Feuer geholt haben. Aber ich will dem Team einfach nur helfen. Wenn ich das tun kann, indem ich Eckbälle abräume, dann ist das okay. Ich will nur unterstützen. Und ich weiß, dass ich heute Abend nichts Besonderes geleistet habe – ich habe nur meinen Job gemacht."

YOKOHAMA, JAPAN - AUGUST 06: Christine Sinclair #12 of Team Canada embraces teammate Jordyn Huitema #19 as she is substituted off during the Women's Gold Medal Match between Canada and Sweden on day fourteen of the Tokyo 2020 Olympic Games at International Stadium Yokohama on August 06, 2021 in Yokohama, Kanagawa, Japan. (Photo by Alex Grimm - FIFA/FIFA via Getty Images)

Dieser Job bestand allerdings auch darin, den so wichtigen Elfmeter herauszuholen, der Kanada den Ausgleich einbrachte und den Weg für einen Nervenkitzelsieg bereitete. Doch in der für sie typischen bescheidenen Art wollte Sinclair die Lorbeeren lieber anderweitig verteilen – von der Elfmeterheldin Stephanie Labbé bis hin zu Bev Priestman, der Trainerin, die für diese überraschende Olympia-Erfolgsgeschichte verantwortlich zeichnet. "Bev hat die Einstellung dieses Teams geändert", erklärt sie. "Ich habe das erste Trainingslager mit ihr verpasst, und als ich dann beim zweiten wieder dabei war, habe ich schon bemerkt, dass sie dem Team beispiellose Zuversicht, Selbstvertrauen und Mut eingeflößt hatte." "Jetzt spielen wir unsere Stärken aus. Wir können verteidigen – wir sind Weltklasse im Verteidigen – und außerdem haben wir vorne 100-Meter-Läuferinnen zu bieten. Und dafür ist auf jeden Fall Bev verantwortlich."

Sinclair konnte sich jedoch nicht aus Yokohama verabschieden, ohne selbst noch einmal ins Rampenlicht zu rücken. Die unvermeidbare Frage war: "Wie wird es jetzt weitergehen?" Schließlich ist für die 38-jährige Weltrekordhalterin gerade ein Traum wahr geworden, den sie über 20 Jahre lang geträumt hat. Da könnte sie durchaus versucht sein, ihre Karriere auf diesem absoluten Höhepunkt zu beenden. "Fragen Sie mich das nicht! Lassen sie mich zumindest erstmal die Siegestour genießen", meint sie lächelnd. "Ich habe mir vor diesem Turnier geschworen, dass ich hier keine Entscheidung treffen würde, was auch passiert – weder aus Freude, noch aus Kummer. Daran werde ich mich halten. Also, wer weiß? Es steht noch irgendwann eine Weltmeisterschaft an, wir werden sehen ..." Der Gedanke dass Sinclair in zwei Jahren in Australien und Neuseeland noch einmal ihr ganzes Können zeigen wird, dürfte vielen Bewunderern dieser Ausnahmespielerin und wunderbaren Botschafterin für diese Sportart gefallen. Eines ist allerdings sicher, und zwar unabhängig davon, ob sie ihre Fussballschuhe nun an den Nagel hängt oder noch eine Weile schnürt: Sie wird es als Goldmedaillen-Gewinnerin tun, und diesen Erfolg hat sicherlich kaum jemand mehr verdient als sie.

YOKOHAMA, JAPAN - AUGUST 06: Gold medalist Christine Sinclair #12 and teammates of Team Canada celebrate with their gold medals during the Women's Football Competition Medal Ceremony on day fourteen of the Tokyo 2020 Olympic Games at International Stadium Yokohama on August 06, 2021 in Yokohama, Kanagawa, Japan. (Photo by Alex Livesey - FIFA/FIFA via Getty Images)