Carla Guerrero: erfüllte Träume und klare Ziele

22. Apr. 2021
  • Chile nimmt zum ersten Mal amOlympischen Fussballturnier teil

  • La Jefa ist Führungsspielerin und eine der Leistungsträgerinnen Chiles

  • Die Verteidigerin spricht über Gegner und Ziele

"Ich würde gern noch einmal gegen Sinclair antreten"

Carla Guerreros Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Bei der Auslosung des Olympischen Fussballturniers der Frauen wurde Chile mit Kanada in eine Gruppe gelost, und damit bekommt sie die erhoffte Chance, sich bei der Spielführerin Kanadas zu entschuldigen: "Ich habe sie vor Jahren in einem Freundschaftsspiel gebissen. Ich werde ihr sagen, dass ich mich dafür schäme! Hoffentlich spielen wir in Tokio gegeneinander, sie nimmt meine Entschuldigung an und wir tauschen die Trikots."

In Guerreros Stimme schwingt echtes Bedauern über den Vorfall mit, zu dem es 2013 während eines Viernationenturniers in Brasilia kam. "Ich war noch ziemlich jung, habe mich aufgeregt und ich weiß auch nicht, was dann über mich kam", erklärt die heute 33-jährige Chilenin im Gespräch mit FIFA.com. "Ich dachte mir: 'Was hast du da bloß gemacht?!'" Ich habe mich danach wirklich mies gefühlt und wollte mich entschuldigen, aber ich konnte mich nicht verständlich machen", meint sie noch immer beschämt.

Damals war Guerrero noch nicht La Jefa (die Chefin) ihres Nationalteams, ein Spitzname, den sie im Vorfeld der Copa América 2018 bekam, einem wegweisenden Turnier für den chilenischen Frauenfussball.

Guerrero zählte zu den Leistungsträgerinnen, als La Roja sich den zweiten Platz sicherte und sich damit zum ersten Mal für eine FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ qualifizierte, nämlich für die Auflage von 2019 in Frankreich. Gleichzeitig zogen die Chileninnen damit in die Playoff-Runde für das Olympische Fussballturnier 2020 in Tokio ein, die sie kürzlich gegen Kamerun für sich entscheiden konnten. Damit war ein weiterer Meilenstein erreicht.

"La Jefa" in Zahlen

  • Länderspieldebüt: 10.11.2006 anlässlich der Copa América (Chile – Ecuador 1:2)

  • A-Länderspiele: 70 (6 Tore)

  • Gemeinsam mit Francisca Lara ist sie die Spielerin mit den zweitmeisten A-Länderspielen für Chile (nach Christiane Endler, die 79 Spiele auf dem Konto hat).

  • Pflichtspiele: 31 (2 Tore)

  • Sie ist die Spielerin mit den meisten Pflichtspielen für Chile.

Guerrero möchte auch aus spielerischen Gründen gern wieder gegen Kanada antreten. "Damals haben wir 1:0 gewonnen. Das ist zwar schon einige Jahre her, aber wir haben uns in einem vergleichbaren Rhythmus weiterentwickelt und können gegen sie auf Augenhöhe spielen, obwohl wir natürlich wissen, dass sie eine Macht sind", erklärt sie mit Blick auf den zweiten Gruppengegner in Tokio.

Chile trifft zum Auftakt am 21. Juli zunächst auf Großbritannien. "Für Großbritannien spricht, dass sie die Wahl zwischen den besten Spielerinnen Englands und Schottlands haben (Anm.d.Red. Spielerinnen aus Wales und Nordirland sind ebenfalls berechtig). Das ist ein enormes Potenzial. Aber ich weiß nicht, wie viele dieser Spielerinnen uns kennen. Das kann ein Vorteil für uns sein. Wir glauben, dass wir uns gegen sie verteidigen können", argumentiert sie.

Im letzten Gruppenspiel treffen die Südamerikanerinnen auf Japan, ein weiterer Wunschgegner Guerreros, obwohl es sich dabei um das gastgebende Team handelt. "Bei der WM haben sie gegen Argentinien 0:0 gespielt, und wir haben zuletzt gegen Argentinien gewonnen. Da ist es nicht unlogisch zu glauben, dass wir ein gutes Ergebnis erzielen können."

Guerreros Analyse deutet auf ehrgeizige Ziele hin. "Wir wollen nicht nur dabei sein, sondern mithalten. Unser Ziel ist der Einzug in die nächste Runde, und ab da kann alles passieren. Der Fussball ist unberechenbar. Selbst die besten Teams mussten schon Niederlagen hinnehmen, und vielleicht ist unsere Zeit ja gekommen. Bis jetzt haben wir uns gut vorbereitet."

Darüber hinaus hat das Team gegen Kamerun seine Reife unter Beweis gestellt, wobei Guerrero zugibt, vor dem Hinspiel nervös gewesen zu sein, "weil es so häufig verschoben worden war. Aber als die Dinge, die wir trainiert hatten, funktionierten, sind wir ruhiger geworden, und das hat man auf dem Platz in beiden Partien gesehen."

Guerrero konnte im Hinspiel sogar einen Torerfolg verbuchen. "Normalerweise bin ich diejenige, die den Ball am kurzen Pfosten zum langen Pfosten weiterleitet, aber diesmal konnte ich selbst das Tor machen. Es ist schön, in der Statistik des Nationalteams aufzutauchen, wenn es dem Team hilft."

Bei Guerrero hallte die Freude über die Olympiaqualifikation noch nach, als die Auslosung sie bereits auf die nächste Ebene katapultierte. "Plötzlich wurde ich nervös und begann die Tage bis zum Turnierbeginn zu zählen. Ich habe meiner Mutter erklärt, dass ich an ihrem Geburtstag nicht da sein werde, das ist der 22. Juli, und nachgeschaut, wann die Eröffnungsfeier stattfindet, weil ich sehr gern daran teilnehmen würde."

Doch einmal ganz abgesehen von Tokio ist sich La Jefa auch bewusst, dass diese Spielerinnengeneration in Chile Geschichte schreibt. Sie nennt ein konkretes Beispiel: "Wenn du Mädchen mit Nationaltrikots siehst, auf denen dein Name aufgedruckt ist, dann erfüllt dich das schon mit Stolz. Aber wenn dir dann bewusst wird, dass sie sich jetzt eine Frau statt einen Mann zum Vorbild nehmen wollen, dann ist das einfach grandios", so die Spielerin mit der Rückennummer drei, die als Mädchen ihren Bruder bewunderte, von dem sie die Fussball-Leidenschaft geerbt hat.

Auch die Anerkennung der männlichen Kollegen genießt Guerrero. "Diese Unterstützung ist sehr wichtig, weil wir und der Frauenfussball dadurch mehr ins Rampenlicht rücken und ein wichtiges Bewusstsein in der Gesellschaft wächst", so die chilenische Fussballerin, die von allen die meisten Landesmeistertitel für sich verbuchen kann und darüber hinaus in die Idealelf der letzten Copa Libertadores gewählt wurde. Dort belegte sie mit ihrem aktuellen Klub Universidad de Chile den vierten Platz.

Das Nationalteam konnte nun einen noch größeren Erfolg landen, nicht nur für den chilenischen Fussball, sondern für den gesamten chilenischen Sport, denn die Fussballerinnen nehmen als erstes Frauenteam des Landes an Olympischen Spielen teil. "Das wertet das Ganze noch einmal auf. Die Botschaft an andere Frauen lautet: Wenn sie wie wir kämpfen und hart arbeiten, können sie es schaffen."