Pauw: "Alle Teams haben taktisch dazugelernt"

5. Sept. 2012

Eine erfolgreiche FIFA U‑20-Frauen-Weltmeisterschaft neigt sich einem spannenden Finale entgegen. Am Samstag treffen die Teams der beiden führenden Frauenfussball-Nationen USA und Deutschland aufeinander. Die Technische Studien-Gruppe der FIFA (TSG) hat in Japan 2012 jedes einzelne Spiel in Augenschein genommen.

Die TSG wurde hierbei durch Vera Pauw angeführt. Die ehemalige niederländische und russische Trainerin berichtet FIFA.com von ihren Beobachtungen beim Turnier. Sie hält Teamwork in der sich rapide verändernden Welt des Frauenfussballs für den Schlüssel zum Erfolg.

Was sind Ihre bisherigen allgemeinen Eindrücke vom Turnier?Wir haben festgestellt, dass alle Teams bei grundsätzlichen Fragen der Mannschaftsordnung und Taktik dazu gelernt haben. Japan und Deutschland haben ihren Vorsprung auf einige der anderen Teams noch ausgebaut. Sie sind mittlerweile dazu imstande, im Mannschaftsverbund auf die Ereignisse im Spiel zu reagieren. Anders gesagt: Die beiden Teams besitzen ein ähnlich hohes Niveau, was die Anpassungsfähigkeit an neue Spielsituationen angeht. Sie antizipieren das Spiel und handeln im Kollektiv. Das ist bei den anderen Teams meiner Meinung nach noch nicht allzu oft der Fall. Bei Japan können wir sehen: Wenn etwas im Angriff passiert, stellt sich die Abwehr darauf ein und umgekehrt. Die Deutschen haben indes eine sehr klare Ordnung. Die Spielerinnen wissen genau, was von ihnen erwartet wird.

War es taktisch gesehen ein Turnier, das sich gelohnt hat? Ja, es war fantastisch zu sehen, wie schnell sich die Spielerinnen dieser Altersklasse entwickelt haben - vor allem, was das Teamwork angeht. Die letzte Stufe auf dem Weg zur guten Spielerin ist die Fähigkeit, Situationen schnell einzuschätzen und vorweg zu nehmen - und positionsgerecht darauf zu reagieren. Bereits letztes Jahr bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft in Deutschland waren die Teams viel flexibler. Das zeigt uns, welchen Einfluss die Weltmeisterschaft auf die Nachwuchsprogramme hat.

Welche taktischen Neuerungen gab es hier in Japan? Neu war die erhöhte allgemeine Sensibilität der Spitzenteams für neue Spielsituationen.

Wie sieht es mit dem technischen Niveau aus? Das Spiel mit dem Ball ist umso effektiver, je größer das Spielverständnis ist. Anders gesagt: Die Mannschaften, die sich auf die reine Ballbehandlung verlassen, sind ins Hintertreffen geraten. Das hat sich beispielsweise im Fall Brasiliens gezeigt. In der Vergangenheit konnten die Brasilianerinnen durch individuelle Klasse oft das Spiel kontrollieren. Doch jetzt müssen sie sich auch als Team verbessern, um wieder ganz oben mitspielen zu können.

Was halten Sie von den Leistungen der asiatischen Teams, die ja sehr viel Wert auf Ballbesitz legen? Die Möglichkeiten eines Sportlers geben auch die Richtung für dessen Entwicklung vor. Die starken und großen Spielerinnen werden immer versuchen, diese Vorteile auszunutzen. Japan hat sich für einen Stil entschieden, der zu den Anlagen der Spielerinnen passt. Würden aber die USA versuchen, Japans Stil zu kopieren oder umgekehrt, hätten sie damit keinen Erfolg. Die wichtigste Erkenntnis der Weltmeisterschaft 2011 war, dass sich alle Nationen entsprechend ihrer individuellen Fussballkultur und spielerischen Möglichkeiten weiterentwickeln. Die Japanerinnen erleben jetzt einen Aufschwung, weil sie ihre eigenen Lösungen gefunden haben. Genau das macht sie so stark.

Ist der Erfolg der asiatischen Teams ein Hinweis darauf, dass es mehr auf Technik ankommt als auf Kraft? Die Technik kann nur im Zusammenhang konkreter Spielsituationen beurteilt und verfeinert werden. Japan gleicht die mangelnde Physis aus, indem die Spielerinnen ihr Potenzial voll ausschöpfen. Sie funktionieren sehr gut als Mannschaft. Genau das ist der Knackpunkt. Sie spielen technisch auf hohem Niveau, aber nur deshalb, weil sie innerhalb ihrer zugeteilten Rolle an ihren Fertigkeiten feilen. Keiner würde den Brasilianerinnen technische Mängel in der Ballbehandlung unterstellen. Es geht hier eher um die Technik im Spiel ohne Ball, wie beim Zustellen von Passwegen, beim Ablaufen usw. Die Japanerinnen würden nie sagen "Wir machen mehr Techniktraining." Sie sagen nur: "Wir haben unseren Stil gefunden." Und ihr Stil – ihre größte Stärke – ist das Teamwork. Die entsprechenden technischen Fertigkeiten sind dann nur die logische Konsequenz.

Wie groß waren die Fortschritte bei den FIFA U‑20-Frauen-Weltmeisterschaften der letzten Jahre? Von wenigen Ausnahmen abgesehen haben sich alle Teams verbessert. Früher war die Spielstärke eher personenzentriert. 2008 in Chile rückte dann die Teamorganisation mehr in den Mittelpunkt. 2010 in Deutschland hatten die Spielerinnen dann bereits ein größeres Verständnis ihrer individuellen Aufgaben. Dieses Jahr werden die Vorgaben noch effektiver umgesetzt als noch 2010. Das wiederum ist wieder einmal der verbesserten Teamarbeit zu verdanken.

Wie sieht die Zukunft des Frauenfussballs aus? Auf Topniveau werden die anderen Mannschaften dem Vorbild der Spitzenteams folgen. Das ist unvermeidlich. Wer zur Elite aufschließen will, muss sich übers Teamwork weiterentwickeln. Ich erwarte, dass vor dem Hintergrund dieses Nachwuchsturniers viele Förderprogramme Fortschritte machen werden. Ich denke, viele Mannschaften werden versuchen, die Lücke zu schließen.