Xavi: "Frauenfussball ist im Aufwind"

"Falls sich meine Tochter in Zukunft für den Fussball begeistern sollte, werden wir sie von zu Hause aus unterstützen. Das ist doch klar." Xavi Hernández, der kürzlich Vater einer Tochter geworden ist, macht dieses Statement mit breitem Lächeln am Mikrofon von FIFA.com. Derweil singen die Fans im gut gefüllten International Stadium in Amman lautstark seinen Namen – überrascht, ihn kurz vor dem Anpfiff des Eröffnungsspiels der FIFA U-17-Frauen-Weltmeisterschaft 2016 zwischen Jordanien und Spanien auf dem Spielfeld zu sehen.

Der ehemalige Spieler des FC Barcelona und der spanischen Nationalmannschaft, der jetzt beim katarischen Klub Al Sadd aktiv ist und an der Aspire Academy tätig ist, weiß genau, wie es sich anfühlt, bei einer U-17-WM auf dem Platz zu stehen. Schließlich hat er selbst an der Auflage von 1997 teilgenommen, 13 Jahre bevor er mit Spanien in Südafrika Weltmeister wurde.

Derzeit weilt er als Botschafter des Projektes Generation Amazing in Jordanien, das vom Obersten Rat für Organisation und Nachhaltigkeit der WM 2022 in Katar auf den Weg gebracht wurde. In dieser Eigenschaft besuchte Xavi das Flüchtlingslager in Al Baqa, wo er ein Training durchführte und eine kleine Partie mit Kindern bestritt. Der Star nahm sich Zeit für ein Exklusiv-Interview mit FIFA.com. Gesprächsthema waren die Fortschritte des Frauenfussballs in den letzten Jahren.

Xavi, ist die Tatsache, dass ein Weltmeister sich ein Spiel dieser FIFA U-17-Frauen-Weltmeisterschaft anschaut, ein Beleg für das Wachstum des Frauenfussballs? Ich mag jede Art von Fussball und schaue mir alle möglichen Spiele an, auch im Frauenfussball. Ich habe die Olympischen Spiele aufmerksam verfolgt, und jetzt werde ich mir die U-17-WM anschauen. Einerseits natürlich, weil Spanien dabei ist, andererseits aber auch, um mir ein Bild vom Niveau der Mädchen zu machen. Es ist eine große Freude, hier zu sein.

Ein Ziel dieses Turniers ist es, Mädchen in allen Teilen der Welt – und insbesondere in Jordanien – zum Fussballspielen zu animieren. Außerdem erhofft man sich mehr Unterstützung seitens der Eltern. Welche Botschaft würde Sie ihnen mit auf den Weg geben? Werden Sie Ihre eigene Tochter in Zukunft unterstützen, wenn sie Fussball spielen möchte? Ich finde, der Fussball ist das beste Instrument, um Länder, Kulturen und Religionen zu vereinen. Ich würde den Mädchen sagen, dass die Eltern Verständnis haben sollten, wenn der Fussball sie wirklich begeistert. Warum sollten Mädchen nicht Fussball spielen, wenn es ihre Leidenschaft ist? Es gibt sogar Länder, in denen Mädchen das Fussballspielen verwehrt wird. Ich halte das für einen großen Fehler. Mädchen müssen ebenso viel Spaß daran haben dürfen wie Jungen und dieselben Chancen erhalten. Daran gibt es nichts zu rütteln. Falls sich meine Tochter in Zukunft für den Fussball begeistern sollte, werden wir sie von zu Hause aus unterstützen. Das ist doch klar.

Es ist immer schwierig vorherzusagen, wie die Entwicklung junger Spielerinnen und Spieler verlaufen wird. Können Sie trotzdem sagen, bei welchen Fähigkeiten einer Spielerin oder eines Spielers Sie an eine brillante Zukunft im Profifussball glauben? Hatte Xavi, als er an der U-17-WM teilgenommen hat, beispielsweise schon dieselben Qualitäten wie später beim WM-Sieg oder bei den beiden Europameistertiteln? Ich achte sehr auf das Talent. Ich sehe die Person, die einen Pass spielt, den Ball kontrolliert annimmt, eine schöne Einzelleistung abliefert, gut dribbelt. Ich sehe gern Talent, und die Mädchen verfügen ebenso darüber wie Jungen. Mit 17 hatte ich schon Talent, aber natürlich weniger Erfahrung. Ich erinnere mich noch daran, dass wir zur U-17-WM nach Ägypten gereist sind und dass ich mir viel davon versprochen habe.

Vor einigen Jahren kam dem Frauenfussball in Spanien ein sehr geringer Stellenwert zu. Doch die Situation ändert sich langsam, und mittlerweile sind alle Nationalteams – von der Jugend bis zum A-Nationalmannschaftsbereich – auf höchstem Niveau aktiv. Genau wie im Männerfussball praktizieren auch die Frauen in allen Altersklassen dieselbe Spielweise. Ist das Ihrer Ansicht nach ein Grund für diesen Wandel? Ja, der Frauenfussball ist in Spanien im Aufwind und hat eine sehr gute Entwicklung zu verzeichnen. Ich finde, wir haben sehr gute Generationen. Hier wird seit Jahren hervorragend gearbeitet, und das ist meiner Ansicht nach positiv für die Mädchen.

Sie sind in der Fussballschule des FC Barcelona ausgebildet worden, doch an vielen anderen Orten der Welt lernt man das Fussballspielen auf der Straße. So ist es auch in Jordanien. Glauben Sie, dass sie genauso weit gekommen wären, wenn sie die ersten Jahre lediglich auf der Straße gespielt hätten? Das ist ein Unterschied. Auf der Straße kannst du an vielen Dingen arbeiten, zum Beispiel an Tricks. Und in der Fussballschule perfektionierst du dann dein Spiel. Ich habe von beidem profitiert. Ich habe als Kind auf der Straße gespielt, und dann habe ich die Akademie besucht, die meiner Meinung nach die beste Fussballschule der Welt ist: die von Barça. Ich glaube, eine Mischung aus beidem – Straßenfussball und Fussballschule – ist ganz wichtig.

Bei Barcelona und der spanischen Nationalmannschaft hat es Jahre gedauert, einen eigenen Stil zu entwickeln. In Katar arbeitet man nun an der Einführung einer ähnlichen Philosophie. Glauben Sie, dass die katarische Nationalmannschaft bei der WM 2022 gut abschneiden kann? Meiner Meinung nach wird in Katar gute Arbeit geleistet. Nicht nur in der Aspire Academy, sondern auch bei den Klubs. Es werden gute Ausbilder, gute Trainer engagiert, Spieler aus dem Ausland für die heimische Liga. Noch bleibt viel Zeit. Die WM findet erst in sechs Jahren statt, aber ich glaube, dass Katar gut mithalten wird.