Luis Fernando Suárez: WM-Besessenheit, Costa Ricas junges Team und Führungsspieler Keylor Navas

  • Vor dem interkontinentalen Play-off Spiel für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Katar 2022™ gegen Neuseeland hat FIFA+ mit Costa Ricas Trainer Luis Fernando Suárez gesprochen

  • Der 61-Jährige nahm bereits 2006 mit Ecuador und 2014 mit Honduras an der WM teil

  • Vor Gegner Neuseeland hat er großen Respekt und sieht eine schwierige Partie auf Costa Rica zukommen

Jedes Mal, wenn er den Kühlschrank öffnet, fällt Luis Fernando Suárez' Blick auf einen Zettel. Mit Magneten hat der Nationaltrainer Costa Ricas ein Blatt Papier an der Kühlschranktür befestigt, auf dem er am 1. April in Doha die möglichen Gegner des Landes bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ notiert hat. Jedes Mal, wenn er die Kühlschranktür öffnet, sieht er neben den Bastelarbeiten seines Enkels diesen Zettel und liest immer die gleichen vier Namen: Spanien, Deutschland, Japan und Costa Rica. "Ich trinke sehr viel Wasser. Daher gehe ich sehr oft zum Kühlschrank und blicke ständig darauf. Das ist wie ein Foto", erklärt er im Gespräch mit FIFA+.

FIFA+: So führen Sie es sich immer wieder vor Augen ... Luis Fernando Suárez: "Das Wort, das ich in letzter Zeit in Interviews am häufigsten benutzt habe, ist Besessenheit – ein Wort, das manchmal negativ besetzt ist. So möchte ich das aber nicht sehen, denn es gibt auch eine gute Besessenheit. Und ich bin besessen von der dritten WM-Teilnahme. Als ich zum ersten Mal dabei war, wusste ich noch gar nicht, was das bedeutet. Als ich dann da war, alles gesehen und eine gute Leistung gebracht habe, wollte ich nur noch dorthin zurückkehren. Als sich die Sache mit Costa Rica ergeben hat, habe ich mir gesagt: 'Ich muss darum spielen. Ich sterbe, wenn ich die Qualifikation nicht schaffe.' Heute stehe ich zwischen Tod und dem Turnier, von dem ich so besessen bin. Hoffentlich gewinnt die Besessenheit."

Suárez hat als Trainer bereits an zwei FIFA Fussball-Weltmeisterschaften teilgenommen, nämlich 2006 mit Ecuador und 2014 mit Honduras. Jetzt versucht er den Sprung auf die Weltbühne mit dem dritten Land zu schaffen, was bislang erst fünf Trainern gelungen ist. Er übernahm die Nationalmannschaft Costa Ricas im Juni 2021. Ein Jahr zuvor, als er noch nicht einmal einen potenziellen WM-Teilnehmer trainierte, erklärte er in einem Interview, sein größter Traum sei es, noch einmal bei einer WM dabei zu sein. Dafür arbeitet der 61-Jährige derzeit hart. Laut eigener Aussage ist er besessen von der Play-off-Partie gegen Neuseeland am 14. Juni und auch nervös, aber im positiven Sinne.

Und wie bekämpfen Sie die Nervosität? "Uff ... Ich gehe morgens laufen oder drehe eine Runde mit dem Rad. Das hilft mir. Das ist das einzige, was mir einfällt: Laufen oder Radfahren. Später lese ich vielleicht ein Buch, und dabei fällt mir ein Spielzug ein. Aber das ist ganz normal."

MANAUS, BRAZIL - JUNE 25:  Head coach Luis Fernando Suarez of Honduras gestures during the 2014 FIFA World Cup Brazil Group E match between Honduras and Switzerland at Arena Amazonia on June 25, 2014 in Manaus, Brazil.  (Photo by Clive Mason - FIFA/FIFA via Getty Images)

Nicht jeder ist dafür gemacht, unterschiedliche Nationalteams erfolgreich zu trainieren. Man muss sich wie ein Chamäleon an seine Umgebung anpassen, eine gute Beziehung zu Spielern und Fans aufbauen. Suárez scheint die richtige Formel für ein perfektes Verschmelzen mit seinem Umfeld gefunden zu haben. Wochenlang hat er gelesen, sich mit den Leuten unterhalten, ihnen zugehört. Das war in Costa Rica kein einfaches Unterfangen. Er wusste wenig über die Kultur des Landes. Allerdings hatte er ideale Mitstreiter: Keylor Navas, Joel Campbell, Oscar Duarte, Celso Borges, Yeltsin Tejeda und Bryan Ruiz, die sechs Spieler, die schon bei den Weltmeisterschaften 2014 in Brasilien und 2018 in Russland dabei waren und sich jetzt unbedingt für Katar 2022 qualifizieren wollen.

"Das sind sehr offene Menschen. Ich habe nicht nur von ihren Erfahrungen profitiert, sondern sie sind auch diejenigen, die am engsten mit mir zusammenarbeiten, damit alles gut läuft. Die ersten Gespräche, die ich mit diesen großartigen Spielern geführt habe, waren sehr fruchtbar. Sie wollten die Sache einfach nur vorantreiben. Bryan Ruiz hat zum Beispiel gesagt: 'Das ist meine letzte WM, und ich will das Beste daraus machen. Ich möchte helfen, wo ich nur kann.' Das ist das Entscheidende. Sie haben Führungsstärke und wollen, dass alles funktioniert. Sie erleichtern mir den Arbeitsalltag wirklich sehr. Wenn ich sie nicht hätte, stünden wir jetzt sicherlich nicht in der Play-off-Runde."

Dienen Sie Ihnen als Vorbilder, um den jüngeren Spielern zu zeigen, wie wichtig diese Phase und das Spiel gegen Neuseeland sind? "Ja, natürlich. Das Wichtigste ist, dass die Jüngeren ihnen nacheifern, und das machen sie gut. Das war wirklich sehr wichtig. Ich habe vorher schon gesehen, dass das Spieler sind, auf die ich als Rückgrat des Teams setzen kann. Aber meiner Meinung nach war das Entscheidende, dass sie mir mit den jüngeren Spielern geholfen haben, die sehr hohe Erwartungen erfüllen mussten. Und zwischendurch war es nicht einfach. Die erfahrenen Spieler helfen sehr, und die jüngeren, deren Vorbilder sie sind, hören auf sie. So kommen wir zu einem Gleichgewicht. Es gibt trotz des Generationsunterschieds eine gute Synergie zwischen den beiden Gruppen."

Müssen Sie für diese Synergie etwas tun? "Man muss sie irgendwie bei den Spielern finden. Eigentlich nicht bei den Spielern, sondern bei den Menschen. Es kommt darauf an, dass man jemanden auswählt, der sich als Nationalspieler eignet. Und dabei geht es nicht nur um Talent, obwohl das natürlich wichtig ist. Aber das Entscheidende ist die Einsatzbereitschaft. Das ist der Schlüssel. Ich glaube, diese beiden Gruppen verbindet Folgendes: die eine will viel lernen und die andere will Wissen weitergeben. Diejenigen, die den anderen etwas beibringen sollen, wollen das auch, und diejenigen, die lernen müssen, wollen lernen und die Welt erobern. Du schaffst es, eine gute Mannschaft zusammenzustellen – und ich habe in meiner 30-jährigen Karriere vielleicht drei oder vier gute Mannschaften gehabt – wenn mental alles stimmt. Und genau das sehe ich beim costa-ricanischen Team: Alle ziehen an einem Strang. Bei der Zusammenstellung des Teams geht es nicht darum, die besten elf Spieler des Landes zusammenzubringen, sondern darum, elf Menschen zusammenzubringen, die alle an einem Strang ziehen."

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Einer dieser Menschen heißt Keylor Navas. Er ist der Torhüter von Paris Saint-Germain und hat dreimal die UEFA Champions League gewonnen. Er ist Kapitän und eine nationale Ikone. Für Suárez ist Keylor Navas trotzdem "der einfachste und gelassenste Mensch der Welt".

"Er hat keine Allüren. Er kommt nicht her und will etwas anderes machen als der Rest. Nein. Er arbeitet konzentriert, unterhält sich super mit der Mannschaft, teilt sich ein Zimmer mit seinem Mitspieler und trainiert unermüdlich. Er hilft den jungen Spielern sehr. Er lernt sie kennen. Und er zeigt einen unglaublichen Einsatz. Bei meinem ersten Gespräch mit Keylor Navas sagte er als erstes: 'Ich glaube, dies wird meine letzte WM sein ... und ich will dabei sein. Sie können immer auf mich zählen.' Und er setzt Dinge in Bewegung." 

Suárez konnte sich bereits davon überzeugen, dass Navas Dinge in Bewegung setzt, und zwar nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz. Die folgende Szene spielte sich vor der Partie gegen die USA ab. Es war das letzte Spiel der Concacaf-Qualifikation. Der Trainer hatte für die technische Besprechung eine Überraschung vorbereitet. Heimlich hatte er Celso Borges, der Ersatzspieler sein würde, gebeten, das Wort zu ergreifen, wenn er fragen würde, ob noch jemand etwas sagen wolle. Borges kam der Bitte mit einer motivierenden Ansprache an das Team nach. Als er fertig war, ergriff Navas das Wort. Das war nicht geplant gewesen. Der Kapitän sah seine jüngeren Teamkameraden an und sagte: "Ich wollte euch sagen, dass ich mich hier sehr wohl fühle. Ich habe eine Verpflichtung meinem Land gegenüber, aber ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich bei jedem Einzelnen von euch sehe. Ich sehe eure Einsatzbereitschaft, eure Lust, jeden Tag etwas zu lernen. Und genau so müsst ihr weitermachen. Wenn ihr siegen und die Besten sein wollt, dürft ihr nie die Lust und die Begeisterung verlieren, die ich heute bei euch sehe. Ich bin glücklich, weil ich hier sein darf, aber noch glücklicher macht es mich, jeden Einzelnen von euch zu sehen. Ich bin stolz auf jeden Einzelnen von euch." Costa Rica gewann an diesem Abend mit 2:0 und sicherte sich damit das Ticket für die interkontinentale Play-off-Runde.

Keylor Navas of Costa Rica makes a save

"So ist Keylor. Die Leute glauben, er säße in einem Olymp, irgendwo dort oben, aber so ist es nicht. Er ist am gleichen Ort wie die anderen. Er steht mit ihnen auf einer Stufe. Er weiß, was er hat, und lässt das auch gerne anerkennen, aber mit denen, mit denen er auf einer Stufe stehen muss, mit seinen Mitspielern, tut er das auch", so Suárez.

Navas stieß in Doha zum costa-ricanischen Team. Er reiste nicht zu den Spielen der Concacaf Nations League, sondern legte eine Pause ein. Das war eine Entscheidung des Trainers, der jungen Torhütern eine Chance geben wollte, gleichzeitig aber auch wusste, dass Navas nach einer turbulenten Saison dringend etwas Erholung brauchte, um für die Partie gegen Neuseeland, die große Herausforderung des Jahres, fit zu sein.

Wie bereiten Sie sich auf das Spiel gegen Neuseeland vor? "Das ist eine schwierige Partie gegen ein starkes Team. In allen Situationen, die wir gesehen haben, sind die Neuseeländer gegen Teams angetreten, die in der Abwehr gelauert und ihnen die Initiative überlassen haben. In der Regel haben sie das Spiel im vorderen Spielfelddrittel in die Breite gezogen, über die Außenstürmer oder Außenverteidiger und dann mit Flanken auf Wood, ihre Anspielstation im Strafraum, abgeschlossen. Da ist große Vorsicht geboten. Das ist ein starkes Team mit groß gewachsenen Spielern. Sie spielen gut. Sie haben gute Bedingungen. Wenn man es von hier aus betrachtet, könnte man manchmal denken, dass es ein einfaches Spiel wird. Aber so ist es nicht. Costa Rica musste sich spielerisch zuletzt gehörig steigern, weil der Start nicht gut gewesen war. Wir haben uns vor allem auf die Defensive gestützt. In der Offensive haben wir uns verbessert, aber noch bleibt viel zu tun. Also: Neuseeland ist nicht so leicht zu schlagen, wie hier oft behauptet wird, und wir sind zwar ganz gut, haben aber noch viel Verbesserungspotenzial. Wir müssen in diesem Spiel hoch konzentriert und vorsichtig sein und mit Respekt auftreten."

Trotz all der Warnungen ist Suárez natürlich bewusst, dass das Turnier, von dem er so besessen ist, der Zettel am Kühlschrank nun nur noch 90 Minuten entfernt ist: "Wissen Sie, was mir hier am besten gefällt? Dass alle Spieler wissen, worum es geht. Sie wissen, wie schwer wir es hatten. Sie wissen, dass wir ein Jahr lang unermüdlich gerudert sind. Jetzt wollen wir nicht kurz vor dem Ufer ertrinken."