Van Marwijk: "Wir haben das Siegen gelernt"

22. Aug. 2011

Rio de Janeiro am Tag vor der Vorrundenauslosung der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™. Obwohl er seit seiner Ankunft noch keine einzige Minute geschlafen hatte, traf sich Bert van Marwijk Ende des vergangenen Monats im Foyer seines Hotels mit FIFA.com zu einem Exklusiv-Interview.

Zu diesem Zeitpunkt wusste der niederländische Nationalcoach noch nicht, was das Los dem Vize-Weltmeister bescheren würde. Dennoch: Allein die beeindruckende Bilanz von Oranje seit der Finalniederlage in Südafrika 2010 bot bereits genügend Stoff für ein ergiebiges Gespräch. Ist diese Mannschaft eine Art Tormaschine, die gerade im Begriff ist, Geschichte zu schreiben? Und worin liegt der Schlüssel zu diesem Erfolg?

Ich konzentriere mich auf unser Spiel und auf die Mentalität meiner Spieler. Nur das zählt für mich. Der ärgste Feind dieser Mannschaft ist sie selbst!

Bert van Marwijk, vor elf Monaten hatten Sie uns gesagt, dass die unmittelbare Herausforderung für Ihr Team darin bestehen würde, sich für die kommenden Aufgaben neu zu motivieren. Die seitherige Bilanz beweist, dass dies erfolgreich geschehen ist. Hatten Sie die Fähigkeiten Ihrer Mannschaft damals womöglich unterschätzt? Das ist eine sehr gute Frage! Ich weiß nicht, ob Sie sich noch daran erinnern, jedenfalls mussten wir zwei Wochen nach der Finalniederlage gegen Spanien ein Freundschaftsspiel in der Ukraine bestreiten. Ich wollte dieses Spiel nicht, deshalb haben wir den ukrainischen Verband gebeten, es auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Doch die Ukrainer haben abgelehnt. Ich bin dann eher widerwillig mit einer B-Mannschaft in die Ukraine gereist, so dass ich mit meinen Gedanken gar nicht voll bei der Sache war. Denn mir persönlich fehlte in der Tat jegliche Motivation, daraus habe ich auch keinen Hehl gemacht.

Zu seinen Spielern sollte man stets ehrlich sein und ihnen nie etwas vormachen oder verheimlichen. Wissen Sie, wenn man bei einer Weltmeisterschaft im Achtelfinale oder bereits in der Gruppenphase ausscheidet, will man möglichst schnell wieder spielen und wieder in die Erfolgsspur zurückfinden. Wenn man aber vier Minuten vor Ablauf der Verlängerung und damit vor dem entscheidenden Elfmeterschießen in einem WM-Finale unterliegt, ist dies ganz und gar nicht der Fall.

Meiner Mannschaft mangelte es also ebenfalls an der nötigen Motivation. Seit 2008 hat sie allerdings gelernt, immer auf Sieg zu spielen und auch zu gewinnen, egal ob mit oder ohne Motivation. Aber gut, vielleicht habe ich diese neuerliche Fähigkeit der Mannschaft seinerzeit tatsächlich unterschätzt, dafür kann ich mich heute umso mehr darüber freuen. Und nach dem Spiel in der Ukraine sind die Jungs wieder zu ihren Klubs zurückgekehrt und in die neue Saison gestartet. Mit der Folge, dass sie zu Beginn der EM‑Qualifikation bereits wieder erstaunlich fit waren.

Seither eilt Ihre Mannschaft von einem Erfolg zum nächsten. Woher kommt diese neue Motivation? Während des WM-Turniers habe ich meinen Spielern immer wieder gesagt, dass wir eine Mission zu erfüllen haben. Als ich gesehen habe, wie professionell meine Mannschaft mit dem Viertelfinalsieg über Brasilien umging und sich sofort auf das nächste Spiel konzentrierte, wurde mir klar, dass den Spielern durchaus bewusst war, dass ihre Mission noch nicht beendet war. Ich erinnere mich an eine kleine Feier, die wir nach dem Brasilien-Sieg organisiert hatten. Bei dieser Gelegenheit sagten die Spieler zu mir: 'Trainer, wir sind noch nicht fertig.' Was hingegen die EM‑Qualifikation angeht, so haben wir es hier nicht mit einer Mission zu tun. Das haben auch die Spieler begriffen. Unsere Motivationsquelle dabei ist, aus dem verlorenen WM-Finale die richtigen Lehren zu ziehen. An jenem Abend war für meine Mannschaft alles neu, und ich kann Ihnen heute versichern, dass sie daraus die richtigen Schlussfolgerungen gezogen haben.

Und Sie, haben Sie Ihren Umgang mit der Mannschaft und Ihre Trainingsmethoden seit dem WM-Finale geändert? Ich versuche, mich meinen Spielern gegenüber so deutlich wie möglich auszudrücken. Transparenz ist Bestandteil des persönlichen Umgangs mit ihnen. Ich möchte, dass sie meine Arbeitsmethode verstehen und verinnerlichen, um sie entsprechend anzuwenden. Dies wiederum erfordert, dass man seinen eigenen Arbeitsstil beibehält und ihn nicht am jeweiligen Gegner oder der aktuellen Situation orientiert. Letzteres kann dazu führen, dass man der Mannschaft gegenüber zunehmend unglaubwürdig wird, wodurch jeglicher Fortschritt von vorn herein gebremst wird.

Mein Ziel ist die ständige Weiterentwicklung meines Teams. Dazu müssen wir alle Möglichkeiten unseres Spielsystems und unserer Trainingsmethoden ausschöpfen. Ich sage meiner Mannschaft immer wieder, dass sie nur dann vorankommt, wenn sie stets mit der gleichen Leidenschaft und Intensität spielt. Der Schlüssel zum Erfolg besteht darin, dass jeder einzelne Spieler begreift, dass jedes Spiel erst einmal gewonnen werden muss und es keinerlei Erfolgsgarantie gibt. Natürlich ist es nicht leicht, dafür die richtigen Worte zu finden, um ihnen zu erklären, wie das Ganze funktioniert. Ich bin oft geneigt, einem Journalisten zu sagen, 'Kommen Sie doch zu uns und sehen Sie selbst. Dann werden Sie verstehen, worum es sich handelt.'

Haben Sie Ihre Spieler seit Beginn der Qualifikation für die UEFA EURO 2012 überrascht? Im Nachhinein betrachtet war das Qualifikationsspiel gegen Ungarn ein echter mentaler Härtetest. Nachdem wir plötzlich mit 0:2 ins Hintertreffen geraten waren, kamen wir trotz wiederholter Unkonzentriertheiten wieder auf 1:2 heran. Danach konnten wir zwei Mal zuschlagen und das Spiel drehen. Doch dann gelang den Ungarn der Ausgleich. Ich war richtig wütend auf meine Spieler, weil sie so leichtfertig die Führung aus der Hand gegeben hatten. Aber die sind ganz ruhig geblieben und haben, statt in Panik zu verfallen, ihr Spiel aufgezogen und am Ende noch mit 5:3 gewonnen. Zwar war ich immer noch verärgert, gleichzeitig aber auch mächtig stolz. Sie hatten mich geblufft. Der Hang zur Unbekümmertheit und zu überhöhtem Selbstbewusstsein ist typisch niederländisch. Dagegen versuche ich seit dem Tag meiner Amtsübernahme anzukämpfen.

Wann waren Sie sicher, dass die Mannschaft Ihre Botschaft verstanden hatte? Auf ein Spiel folgt immer ein nächstes, und es gilt, von Spiel zu Spiel dazuzulernen. Das WM-Qualifikationsspiel in Rotterdam gegen Norwegen war für mich eine riesige Genugtuung. Es war der Beweis dafür, dass meine Ansprache im Team angekommen war. Obgleich wir die Qualifikation bereits sicher in der Tasche hatten, haben wir voll auf Sieg gespielt und uns nicht geschont. Wir haben die Partie mit 2:0 gewonnen. In dem Moment habe ich gewusst, dass sie mich verstanden hatten. Zwischen 'glauben' und 'wirklich glauben' besteht immer noch ein Unterschied.

Seit Ihrem Amtsantritt im Sommer 2008 können sie auf eine außergewöhnliche, wenn nicht gar historische Bilanz verweisen, denn Sie haben sowohl in der WM-Qualifikation als auch in der EM-Qualifikation einen regelrechten Durchmarsch hingelegt. Haben Sie manchmal darüber nachgedacht und sich gesagt: 'Bert, wie hast du das bloß geschafft?' ** Man redet häufig von irgendwelchen Rekorden, die ich da aufgestellt hätte. Ehrlich gesagt denke ich an so etwas überhaupt nicht. Ich konzentriere mich lieber auf unser Spiel und auf die Mentalität meiner Spieler. Nur das zählt für mich. Der ärgste Feind dieser Mannschaft ist sie selbst.

Hat sich die Meinung anderer Nationaltrainer über Ihre Person seit Südafrika 2010 geändert? Ich habe Vicente del Bosque seither viel besser kennengelernt, und meine Achtung ihm gegenüber beruht absolut auf Gegenseitigkeit. Nach dem WM-Finale haben wir sogar ein gemeinsames Interview gegeben. Auch für Marcello Lippi habe ich großen Respekt, inzwischen weiß ich, dass er über mich ebenso denkt. Das ist für mich ein großes Kompliment. Er und del Bosque haben in diesem Beruf schon viel mehr erreicht als ich.