Pinto, der Mann, der Costa Rica in Ekstase versetzte

16. Sept. 2014

Den Großen mit Größe entgegentreten... Dieser Satz von Jorge Luis Pinto bringt das Motto Costa Ricas bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™ in nur fünf Wörtern auf den Punkt. Die Mittelamerikaner wurden in die Gruppe D gelost, wo sie auf nicht weniger als drei Ex-Weltmeister trafen: Uruguay, Italien und England.

Doch die Ticos dachten nicht daran, sich mit der Rolle des Außenseiters zufrieden zu geben, sondern wollten unbedingt beweisen, dass die Erfolge in der letzten Qualifikationsrunde, die sie vor Mexiko auf Platz zwei beendet hatten, kein Zufallsprodukt waren. Zwei Monate nach Ende des Turniers unterhielt sich FIFA.com mit Costa Ricas kolumbianischem Trainer über diese fantastischen Wochen.

Immer erhobenen Hauptes** **"Diese Botschaft musste zu Erfolgen führen", sagt der Trainer in Erinnerung an jene Tage, an denen er "glücklich" war, gegen solche Gegner zu spielen. Und er fuhr fort: "Meine Mannschaft ließ sich nicht einschüchtern und hatte keine Angst. Im Gegenteil: Ich wollte meinen Spielern nicht nur Selbstvertrauen geben, sondern Ihnen auch Optimismus und Siegeswillen vermitteln. Und dies wollten wir bis zum Schluss umsetzen", erzählte Pinto, der stets alles akribisch bis ins kleinste Detail plant.

Und genau so kam es auch. Costa Rica, das seinen bis dato größten Erfolg – den Achtelfinaleinzug bei der WM 1990 in Italien – unbedingt übertreffen wollte, startete mit sehr viel Arbeit in das Jahr 2014. Pinto und sein Trainerstab beobachteten sechs Monate lang jeden Schritt, den ihre Gegner auf dem Rasen machten. Ob auf Vereinsebene oder in der Nationalmannschaft – der costaricanische Trainerstab wusste in- und auswendig, wie sich die Gegner auf dem Platz verhalten.

"Man kann den Wert dieser Arbeit nicht in Zahlen ausdrücken. Doch er war sehr hoch, denn ich wollte die Mannschaft ohne technische Ausrichtung sehen, um entscheiden zu können, ob etwas funktioniert oder nicht. Alles in allem denke ich, dass sich die Arbeit bezahlt gemacht hat", analysierte er.

Für die erste Überraschung sorgte Costa Rica im Spiel gegen Uruguay. Die Ticos siegten trotz zwischenzeitlichem Rückstand und beeindruckten vor allem bei Standardsituationen. Sechs Tage später folgte das wichtige Spiel gegen Italien, in dem es bereits um den Achtelfinaleinzug ging. Doch im Mittelfeld gab es einen regelrechten Künstler, der zum Partyschreck der Mittelamerikaner avancieren wollte.

"Wir haben versucht, Pirlo direkt und individuell zu neutralisieren und seine potenziellen Spielzüge im Kollektiv zu unterbinden. Wir haben ihn in Manndeckung genommen, ihn unter Druck gesetzt und ihn so aus dem Spiel genommen. Als Kollektiv haben wir immer dann, wenn er an den Ball kam, den von ihm bevorzugt angespielten Spieler gedeckt, in diesem Fall Balotelli", erklärte er die Neutralisierung des italienischen Regisseurs.

Bryan Ruiz erzielte schließlich den einzigen Treffer der Partie, womit Costa Rica nach zwei Spielen das Punktemaximum zu Buche stehen hatte. Totgesagte leben ja bekanntlich länger, und in diesem Fall waren sie sogar lebendiger als je zuvor. Nach dem torlosen Remis gegen England im letzten Gruppenspiel war der Achtelfinaleinzug perfekt – und das als Gruppensieger! In der Runde der letzten 16 wartete nun Griechenland...

Ein historischer Erfolg Das war alles andere als ein Spaziergang. Ein weiteres Mal brachte Kapitän Ruiz sein Team in Führung. Diesmal beschränkte man sich darauf, das Spiel zu kontrollieren und den Vorsprung über die Zeit zu retten, doch in der 66. Minute kam es zu einem herben Rückschlag: Duarte musste nach seiner zweiten Gelben Karte vorzeitig unter die Dusche. Den Ticos blieb nichts anderes übrig, als sich in numerischer Unterlegenheit 55 Minuten lang gegen eine drohende Niederlage zu stemmen. Nachdem sie in der Nachspielzeit den Ausgleich hinnehmen mussten, retteten sie sich gerade noch ins Elfmeterschießen.

Navas parierte den vierten Elfmeter der Griechen, womit Abwehrspieler Michael Umaña, der während des Spieles nicht weniger als zwölf Kilometer zurückgelegt hatte, nun den Viertelfinaleinzug auf dem Fuß hatte. "Er ist eine Führungspersönlichkeit", sagte der Trainer über die Rolle der Nummer vier. "Ich sagte ihm, dass er als Letzter schießen sollte. Von den fünf Schützen musste er also als Letzter antreten und das Spiel entscheiden. Er ist sehr verantwortungsbewusst, sehr professionell und versteht es wie kein anderer Spieler, meine Konzepte auf dem Platz umzusetzen", betonte er.

"Als er schließlich verwandelte, fühlte ich mich einfach glücklich und zufrieden. Das waren die Früchte der harten, aufopferungsvollen Arbeit", so Pinto über seine Gefühle nach dem Einzug in die Runde der besten Acht.

Erwartungen übertroffen Gegen die Niederlande wollte man erneut für eine Sensation sorgen, doch diesmal war das Glück im Elfmeterschießen nicht auf Seiten der Ticos. "Van Gaals taktische Konzepte sind stets sehr ausgefeilt. Wir wussten, dass sie diesen Torwartwechsel vornehmen konnten. Wir waren gut über ihn informiert. Das hat uns in keinster Weise eingeschüchtert, im Gegenteil: Ich sagte meinen Spielern, dass sie nicht an ihn, sondern an ihre Elfmeter denken sollten", kommentierte er die Einwechslung von Tim Krul, der betont hatte, dass der Wechsel den gegnerischen Trainer überrascht hatte.

Am Ende war das Ausscheiden jedoch nicht ganz so schmerzhaft. Costa Rica hat alle Erwartungen übertroffen, stand bereits mit einem Bein im Halbfinale und zeigte der ganzen Welt, dass auch in diesem Land ein guter Fussball gepflegt wird. Schließlich wurde Torhüter Navas sogar von Real Madrid verpflichtet, und laut Pinto hat der costaricanische Schlussmann gute Chancen, dem legendären Iker Casillas das Trikot mit der Nummer eins streitig zu machen. "Die beiden könnten nicht unterschiedlicher sein: Der eine ist auf dem Weg nach oben, der andere wurde von seinem Klub plötzlich auf die Ersatzbank verbannt."

Bezüglich seiner eigenen Zukunft hält Pinto den Ball flach. Nach all dieser Arbeit, die er in dieses Projekt investiert hat, möchte er über seine nächste Herausforderung gut nachdenken. "Im Moment warte ich noch ab, ich habe keine große Eile, wieder auf die Trainerbank zurückzukehren", räumte er ein. "Es gab und gibt Angebote von Vereinen aus Mexiko und Arabien sowie den einen oder anderen Kontakt zu Nationalmannschaften. Ich werde in Ruhe entscheiden, was das Beste für mich ist und wo ich in Ruhe meiner Arbeit nachgehen kann. Ich denke, das ist für einen Trainer das Allerwichtigste", sagte der Übungsleiter, sichtlich stolz darüber, einer Mannschaft Größe verliehen zu haben, die viele große Namen hinter sich gelassen hatte.