Höwedes: "Augen zu und genießen"

26. Juni 2014

"Das ist kein Problem. Es hat auch Vorteile", lacht Deutschlands Außenverteidiger Benedikt Höwedes, als ihn FIFA.com direkt nach der Dopingkontrolle in den Katakomben der Arena Pernambuco von Recife zum Interview bittet. "So habe ich meinen Flüssigkeitshaushalt, den ich während des Spiels verloren habe, schnell wieder aufgefüllt“, ergänzt er mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht.

Man merkt, dass dem 26-Jährigen kaum etwas die Laune verderben kann - auch nicht die zweite Dopingkontrolle in Folge. Kein Wunder, schließlich könnte es derzeit für ihn nicht besser laufen. Vor der FIFA WM 2014™ war auch über seine Position als linker Außenverteidiger lebhaft diskutiert worden. Sollte lieber der junge Erik Durm den Vorzug erhalten? Ist Höwedes vielleicht zu unbeweglich im Duell mit schnellen wendigen Spielern?

Drei Spiele und 270 Minuten später ist klar: Höwedes war die richtige Wahl. Er spielte in allen drei Gruppenspielen der Deutschen über die komplette Distanz. "Es ist doch normal, dass vor einer WM darüber diskutiert wurde, schließlich ist es nicht meine normale Position. Aber der Trainer hat sich dafür entschieden, vier starke Innenverteidiger auf den Platz zu stellen. Das ist aufgegangen. Ich selbst habe meinen Job in allen drei Spielen gut gemacht, daher sehe ich für mich keinerlei Anzeichen für Kritik.“

Eine ganz besondere Vorlage “Mir ist egal, wo ich hier zum Einsatz komme. Ich habe zwar nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich meine größten Qualitäten als Innenverteidiger habe. Doch wenn ich außen der Mannschaft am meisten weiterhelfe, freue ich mich, wenn ich auf dem Platz stehe und wir Erfolg haben.“

Im zweiten Spiel krönte er seine guten Leistungen am Zuckerhut mit einer Torvorlage - einer ganz besonderen dazu. Per Kopf gab er nach einem Eckstoß den Assist zum historischen 15. WM-Treffer von Miroslav Klose, der damit den Rekord von Ronaldo (Brasilien) egalisierte.

"Ich habe mich gefreut für die Mannschaft, und dass es der Ausgleich war. Es war pure Freude. Wir haben halt große Leute, die bei Freistößen und Eckbällen gefährlich mit nach vorne gehen können. Beim letzten Mal war ich der Vorlagengeber, heute eben Per . Es ist doch gut, wenn die Defensive ihren Beitrag zur Offensive leisten kann.“ Der umgedrehte Philipp Lahm Gegen die U.S.-Amerikaner ließ die DFB-Abwehr bis zur Nachspielzeit keinen einzigen Schuss aufs Tor zu, abgemeldet waren Clint Dempsey, Jermaine Jones und Co. Nach vorne sorgte diesmal Mertesacker mit einem wuchtigen Kopfball dafür, dass Tim Howard nur nach vorne abklatschen lassen konnte. Thomas Müller stand bereit und vollendete zu seinem vierten Turniertreffer. "Wir haben vielleicht nicht unser bestes Spiel gemacht, aber wir stehen im Achtelfinale. Das ist das Wichtigste", so das Fazit von Höwedes.

Früher konnte er sich öfters nach vorne einschalten, denn begonnen hat er seine Karriere im defensiven Mittelfeld, ehe er sukzessive zum rechten und nun linken Außenverteidiger umgeschult wurde - also genau der entgegengesetzte Weg, den Kapitän Philipp Lahm beschritten hat.

"Ach, echt? So habe ich das noch gar nicht gesehen", staunt Höwedes, als FIFA.com ihn darauf anspricht, um mit einem Schulterzucken zu ergänzen: "Eigentlich ist es ja auch egal. Ich spiele da, wo ich gebraucht werde."

Ein Land, eine Mannschaft, ein Traum Höwedes gilt als Abwehrspieler der modernen Prägung, der es auch versteht, das Spiel mit dem ersten Pass zu öffnen. Der Kapitän des Bundesligisten Schalke 04, der seit seiner Jugend für die Königsblauen aufläuft, hat kein Problem damit, sich in der Nationalmannschaft unterzuordnen. "Hier laufen so viele erfahrene Spieler rum, die allesamt Verantwortung übernehmen. Das tue ich auch. Natürlich auf eine andere Art und Weise als bei Schalke. Wir verfolgen alle ein Ziel."

Das Ziel ist klar: Am 13. Juli im berühmten Estádio do Maracanã von Rio de Janeiro auflaufen zu dürfen. "Wenn die Hymne erklingt, schließe ich immer die Augen, höre zu und genieße den Augenblick." Vier Mal wollen er und seine Mannschaft nun dieses Gefühl noch erleben, um am Ende den Spruch auf ihrem Mannschaftsbus, Ein Land, eine Mannschaft, ein Traum, auch wirklich wahr werden zu lassen.

Ehe Höwedes als Letzter in eben jenes Gefährt steigt und in die dunkle Nacht Recifes entschwindet, bietet ihm einer der Betreuer noch etwas zu trinken an. Mit einem Lachen und einem freundschaftlichen Klaps verneint er und erklärt: "Davon hatte ich schon genug."