"Es hat sich gelohnt, sich für die Trophäe aufzuopfern"

Jorge Burruchaga, welche Bedeutung hatte die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft ™ in Ihrem Leben? Eine sehr große. Ich meine, dass jeder Fussballer von Beginn seiner Karriere an auf das Ziel hinarbeitet, einmal in der Nationalmannschaft seines Landes zu spielen. Als sich Argentinien im Jahr 1985 für das WM-Turnier in Mexiko 1986 qualifiziert hatte, beschäftigte uns ein Jahr lang die Frage, wer denn am Ende für den WM-Kader nominiert werden würde. Mich erreichte die Berufung zu einem besonderen Zeitpunkt, denn ich war gerade nach Frankreich gewechselt, einem für mich fremden Land, in dem mich schon bald Zweifel plagten. Ich war drauf und dran, alles hinzuschmeißen. Doch da kam Carlos Bilardo und sagte etwas zu mir, was ich nie vergessen habe: "Wenn du dich dort gut machst, nehme ich dich mit zur WM. Falls nicht, wirst du nicht im Kader sein." Also habe ich darüber nachgedacht und mich danach mächtig ins Zeug gelegt, was sich ja auch gelohnt hat. Die zwei Monate in Mexiko waren die schönste Zeit meines Lebens.

Wann haben Sie zum ersten Mal bewusst ein WM-Turnier verfolgt? Das war 1978, schließlich fand das WM-Turnier bei uns in Argentinien statt. Zuvor hatte ich auch schon Deutschland 1974 verfolgt, aber das ist schon lange her. Außerdem gab es damals bei uns kaum Fernseher. Das war im Jahr 1978 - ich war inzwischen 14 Jahre alt - schon ganz anders. Ich sah mir sämtliche Spiele im Fernsehen an und ging nach jedem Sieg unserer Mannschaft mit meinen Freunden aus dem Wohnviertel auf die Straße, um unseren Jubel zum Ausdruck zu bringen. Und als wir dann noch das Finale gewonnen hatten, gingen wir direkt ins Stadtzentrum, um etwas zu feiern, was uns bis dahin unmöglich erschienen war. Zum ersten Mal konnten wir einen Weltmeister-Titel bejubeln!

Acht Jahre später war es Ihnen dann selbst vergönnt, einen solchen Siegestaumel als Aktiver mitzuerleben. An was erinnern Sie sich besonders, wenn Sie an Mexiko 1986 denken? Damit verbinden sich für mich ganz starke Erinnerungen. Am Anfang stand die Entscheidung von Carlos (Bilardo), bereits einen Monat vor Turnierbeginn anzureisen. Ich werde nie vergessen, wie wir in Mexiko ankamen und die Medien sich förmlich auf uns stürzten, da wir ja als erste Mannschaft vor Ort waren. Auch habe ich noch immer das Bild vor Augen, dass unser Mannschaftsbus grundsätzlich mit Polizeieskorte unterwegs war, um die Leute von uns fern zu halten. Wir selbst konnten das zunächst gar nicht begreifen... Von da an war uns jedoch klar, was uns bevorstehen würde. Jetzt wussten wir, wie weit wir es gebracht hatten und welchen Stellenwert das WM-Turnier wirklich haben würde. Danach haben wir uns gegenseitig aufgebaut, uns auf das Training konzentriert und uns das Ziel gesetzt, ein großartiges Turnier zu spielen. Das alles sah bei unserer Ankunft noch weitaus weniger positiv aus...

Wir können uns gut vorstellen, dass Sie aufgrund jener Erfahrungen das Ganze in Italien 1990, also vier Jahre danach, schon etwas anders wahrgenommen haben... Sicher, ist doch klar. Und das in zweierlei Hinsicht. Zum einen wegen der Erfahrungen beim vorangegangenen WM-Turnier, zum anderen war ich natürlich auch als Spieler und Mensch reifer geworden. Außerdem schien uns Italien einfach als Land viel schöner, um dort eine Endrunde des FIFA-Weltpokals ™ zu bestreiten, oder? Doch unser Ziel und unser Ehrgeiz waren mit denen von vier Jahren zuvor identisch. Was sich verändert hatte, war allenfalls die Möglichkeit, dass ich jetzt mit den neu in die Mannschaft gekommenen Akteuren sprechen und ihnen praktische Hinweise geben konnte. Wir als Spieler mit WM-Erfahrung vermittelten ihnen, was auf dem Spiel stand und dass wir ein ganzes Land hinter uns hatten. Das taten wir deshalb, weil wir mitunter den Eindruck hatten, dass sich nicht jeder voll und ganz bewusst war, sein Land würdig vertreten zu müssen. Der größte Unterschied zu Mexiko 1986 war vielleicht der, dass wir dieses Mal als amtierender Titelträger in das Turnier gingen.

Und obwohl Argentinien damals erneut das Finale erreichte, blieb der große Triumph am Ende für Sie aus. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Finale gegen Deutschland? War es Ihrer Meinung nach ein qualitativ gutes Endspiel? Nein, meine Erinnerung an unsere Mannschaft von damals bezieht sich eher auf einige negative Faktoren, die von vielen in den Hintergrund gedrängt wurden. Damit meine ich die enormen Probleme, die uns der Ausfall einiger wichtiger Spieler bereitete, sei es verletzungsbedingt oder wegen Sperren. Hinzu kam die Niederlage in der Auftaktpartie gegen Kamerun. Trotz allem schaffte es jene Mannschaft bis ins Finale und setzte sich auf dem Weg dahin gegen manchen Titelanwärter durch, so gegen Brasilien, Jugoslawien und Gastgeber Italien. Unser Team zeigte allen Argentiniern, dass wir stolz darauf sind, unsere Landesfarben zu vertreten. Unter uns kursierte das Motto 'Wir kämpfen bis zum Umfallen'. Das fällt mir zuerst ein, wenn ich an das damalige Endspiel denke. Dabei habe ich auch klar vor Augen, dass Deutschland am Ende den Sieg verdient hatte, wenn auch nicht auf die Art und Weise, wie es sich letztlich ergab. Wir sind bis heute der Auffassung, dass die entscheidende Szene nicht zum Elfmeter hätte führen dürfen. Dafür hätte es in der ersten Halbzeit für eine Aktion von (Sergio) Goycoechea gegen (Guido) Buchwald einen Elfmeter geben müssen. Der wurde jedoch nicht gepfiffen, weil der Schiedsrichter nichts gesehen hatte. Unter dem Strich aber hatte Deutschland den Sieg verdient, genau so wie wir in Mexiko 1986. Die Deutschen waren damals einfach besser als wir, obwohl wir immerhin bis ins Finale kamen, was ja auch nicht ohne war.

Sie bleiben also bei Ihrer Meinung, wonach das Foul von Roberto Sensini an Rudi Völler in der entscheidenden Szene kein Elfmeter war... Für mich war das kein Elfmeter. Sensini spielte den Ball und Völler bleib an seinem Bein hängen. Wie ich schon sagte, meines Erachtens hätte es für das Foul von Goycoechea in der ersten Hälfte einen klaren Elfmeter geben müssen. Eigentlich wollten wir das Elfmeterschießen erreichen und es wäre uns ja auch fast gelungen. Doch wegen dieser Fehlentscheidung haben wir am Ende verloren, wenn auch verdient. Das werden wir auch nie bestreiten.

In Mexiko 1986 war der Jubel auf Ihrer Seite, während an jenem Abend in Rom 1990 die DFB-Elf triumphierte. Wie haben Sie die Siegerehrung in Erinnerung? Es war eine Mischung aus Wut und Ohnmacht, die uns dabei überkam, denn schließlich hatten wir die WM-Krone nur ganz knapp verpasst... Jeder Einzelne von uns war indes relativ ruhig, zumal wir es trotz aller Widrigkeiten bis ins Finale geschafft hatten. Und das mussten wir überdies ohne (Sergio) Batista, (Ricardo) Giusti, (Julio) Olarticoechea und (Claudio) Caniggia bestreiten. Außerdem wurden dabei noch (Oscar) Ruggeri, (Diego) Maradona und ich verletzt, so dass wir nicht voll durchspielen konnten. Ruggeri musste schon in der ersten Halbzeit ausgewechselt werden, ich kurz nach dem Wiederanpfiff. Und Maradona biss auf die Zähne, weil er eben Diego Maradona ist... Deshalb sage ich heute, dass wir bei aller Wut und Enttäuschung, die wir natürlich hatten, am Ende doch noch zufrieden sein konnten, Schließlich hatten wir trotz ungünstiger Voraussetzungen das schier Unmögliche wahr gemacht und am Ende nur denkbar knapp verloren.

Kommen wir zu Carlos Bilardo. Was für ein Trainer ist er? Zunächst muss ich dazu feststellen, dass wir alle, die wir heute als Trainer tätig sind, viele seiner Methoden übernommen haben. Mit dem Unterschied, dass er das bereits im Jahr 1983 praktiziert hat! Bilardo ist ein Trainertyp, der jeden Tag von früh bis spät äußerst intensiv lebt. Er gönnt sich keine Pause und vernachlässigt nicht das geringste Detail. Zum Beispiel sah er es nicht gern, wenn sich seine Spieler im Training die Hände in den Hüften abstützten. Für ihn war das ein Zeichen der Ermüdung und damit eine Schwäche gegenüber dem Gegner. Er war einer der ersten Trainer, die stundenlang Video-Aufzeichnungen auswerteten. Das war damals noch sehr unüblich. Er war sogar der Meinung, dass er damit den argentinischen Fussball grundlegend verändern würde. Das war doch kein Pappenstiel, oder? Er war eine echte Erfindermaschine, die ständig neue Konzepte ausspuckte, die uns manchmal ganz schön zu schaffen machten. Mit der Zeit haben wir uns dann an seinen Arbeitsstil gewöhnt und gespürt, dass es mit ihm in allen Belangen vorangeht. Er sagte faktisch alles voraus, was künftig im Fussball ablaufen würde.

Stimmt es, dass er den WM-Titel von 1986 nicht mitfeierte, weil Ihre Mannschaft im Finale zwei Gegentore kassiert hatte, die nach einem Eckball fielen? Das war so. Während der Vorbereitungsphase auf das WM-Turnier hatte er stets einen Standardsatz parat. Er sagte, dass ich den Ball nach innen flanken, Ruggeri ihn dann in Spanien auf's Tor köpfen und ein anderer Spieler in Italien den Abpraller ins Netz befördern soll. Also machte ich mich daran, darüber nachzudenken, wie das gehen soll, da wir ja tatsächlich in ganz Europa verteilt waren. Auf Standardsituationen legte er immer größten Wert. So weit, so gut. Nachdem wir im Finale nicht nur eine komfortable 2:0-Führung herausgespielt, sondern die Partie auch weitgehend unter Kontrolle hatten, mussten wir plötzlich den Ausgleich hinnehmen. Zu allem Überdruss waren beide Gegentore nach einem Eckball, also aus einer Standardsituation heraus, gefallen. Das hat ihn in der Tat fast umgehauen. Er fing an zu schimpfen und hörte selbst nach dem 3:2-Sieg nicht auf, mit uns zu hadern, während wir uns überglücklich in den Armen lagen. So war er eben. Da kam es schon mal vor, dass man eine Partie höchst zufrieden beendet hatte, er dir aber sofort die während des Spiels gemachten Fehler unter die Nase rieb. Sicher, im Endeffekt tat er das nur, um uns weiter voranzubringen.

Das unvergesslichste Spiel in Mexiko 1986 war zweifellos die Begegnung zwischen Argentinien und England. Was können Sie uns über jene Partie sagen? Uns war England lieber als Paraguay, denn wir hatten schon gegen Uruguay spielen müssen, so dass wir ein weiteres Duell mit einer uns bestens bekannten südamerikanischen Mannschaft möglichst vermeiden wollten. Allerdings haben wir versucht, zwischen den Problemen, die es seinerzeit zwischen beiden Ländern gab, und dem rein sportlichen Aspekt der Partie eine strikte Trennung zu ziehen. Wir wollten gewinnen, um das Halbfinale zu erreichen, denn uns war klar, dass wir es bei einem Sieg noch sehr weit bringen könnten.

Jener Nachmittag sollte dank der Tore von Diego Maradona in die Fussballgeschichte eingehen... So ist es, und ich durfte jenen historischen Treffer, der in meinen Augen immer noch das schönste Tor ist, das je bei einer FIFA-Weltpokal ™-Endrunde erzielt wurde, unmittelbar miterleben. Als ich an seiner Seite zum Angriff startete, machte er in Höhe der Mittellinie eine plötzliche Drehung, woraufhin ich ihm folgte. Das Unglaubliche bei Diego ist ja, dass er so etwas selbst dann kann, wenn nicht gerade die besten Platzverhältnisse herrschen. Bei ihm klebt der Ball förmlich am Fuß, so etwas gelang mir im Endspiel gegen Deutschland jedenfalls nicht. Wenn man sich das Video mit meinem Treffer anschaut, dann sieht man, wie mir der Ball zwei bis drei Meter weg springt. Ihm dagegen passiert das nicht, ein echtes Genie eben. Gegen Ende des Angriffs schien es, als würde er den Ball zu mir spielen, doch es war nur eine geniale Finte, um den letzten Verteidiger zu täuschen, der sich ihm entgegenstellte. Allerdings hatte er damit auch mich getäuscht. Und wenn als dann zum Schuss kam, war er sich nicht zu schade und ging genau so zu Boden wie sein Gegenspieler... Nie werde ich vergessen, wie er sofort nach seinem Tor auf mich zustürmte. Die ersten Worte, die mir herausfuhren, war das bei uns typische Schimpfwort: "Du Hurens...! Was für ein Superding!". Das war aber nur anerkennend von mir gemeint, einfach weil es normalerweise unmöglich war, bei derartigen Platzverhältnissen so ein Tor zu machen. Doch er konnte das, er bewegte sich wie ein Traumtänzer. So war eben nur Diego, der bei diesem Angriff seine einzigartige Klasse eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte.

Und was können Sie uns zum ersten Treffer sagen? Haben Sie gesehen, wie er dabei mit der Hand nachgeholfen hatte? Ehrlich gesagt nein, und ich hatte damals auch keinen Anlass zu irgendwelchen Zweifeln. Bei jenem Angriff befand ich mich auf der anderen Seite des Spielfeldes, also links von ihm. Ich dachte, er hätte das Tor per Kopf erzielt. Vor allem deshalb, weil (Peter) Shilton nicht rechtzeitig aus seinem Kasten gekommen war und von daher ungünstig stand. Doch wie dem auch sei, selbst in dieser Situation erwies sich Diego Maradona als einzigartig, denn er erzielte dank seines Tricks ein Tor, das schwer zu machen war und das die meisten von uns gar nicht gesehen haben. Hinterher sagte er zu uns: "Los Jungs, wir müssen jubeln!" Und das haben wir uns natürlich nicht zwei Mal sagen lassen. So ist es nun mal im Fussball, einmal hat man Glück, ein anderes Mal nicht. Andererseits stimmt aber auch, dass er mit seinem zweiten Treffer, von dem wir vorhin sprachen, alles überdeckt hat, oder? Damit hat er gewissermaßen beide Tore legitimiert...

Da wir gerade von Maradona sprechen, wie wichtig war er damals für die Mannschaft? Was hat Sie an ihm am meisten beeindruckt? Ich kann mich erinnern, dass er zu Beginn der Vorrunde nicht in bester Spiellaune war. Er hatte eine schwere und lange Saison in Italien sowie eine strapaziöse Anreise hinter sich. Doch schon nach wenigen Tagen im mexikanischen Trainingslager spürte man, wie es ihm besser ging. Die Art und Weise, wie er trainierte und sich als Mannschaftskapitän einbrachte, übertrug sich auf uns alle. Wir merkten ihm an, dass er mit seiner Mannschaft unbedingt besser abschneiden wollte als vier Jahre zuvor in Spanien. Das hat er übrigens auch selbst so gesagt. Er war hoch motiviert, was letztlich auf das gesamte Team ausstrahlte. Das hat uns allen sehr geholfen. Und auch wenn Diego im Verlauf des Turniers für Superlative am laufenden Band sorgte, so gilt das Gleiche für den Rest der Mannschaft, die insgesamt ein herausragendes Turnier spielte.

Welche Stimmung herrschte am Tag des Endspiels? Die Atmosphäre im Azteken-Stadion war wunderbar. Es ist ein Supergefühl, in diesem riesigen und schönen Stadion zu spielen, auch wenn uns klar war, dass man nicht unbedingt auf unserer Seite stehen würde. Die Mexikaner waren eher für die Deutschen, doch wir glaubten fest an unsere Möglichkeiten. Wir hatten uns im Turnierverlauf ständig gesteigert, da wollten wir erst recht im Finale eine gute Vorstellung bieten. Als Finalgegner hatten wir Brasilien oder Frankreich auf der Rechnung gehabt. Wir hatten sogar geglaubt, dass die Franzosen im Halbfinale gegen Deutschland gewinnen würden. Doch es kam anders. In dem Augenblick, da man das Spielfeld betritt, denkt man sofort daran, dass man nur noch einen einzigen Schritt vom großen Triumph entfernt ist. Man will das Ganze unbedingt positiv zu Ende bringen, damit man sich nicht umsonst aufgeopfert hat. All das geht einem durch den Kopf, sobald die Nationalhymnen erklingen.

Jenen Moment haben mehrere Ihrer Mitspieler später als den emotionalsten Augenblick bezeichnet. Haben sie das auch so empfunden? Ja klar. Ein solcher Moment ist sehr emotional und höchst motivierend zugleich. Man wird daran erinnert, dass man neben unendlich vielen Menschen auch seine eigene Familie repräsentiert. Ein solcher Augenblick ist bei Weitem nicht allen Fussballern vergönnt. Dies wird einem jedoch nicht an Ort und Stelle bewusst, sondern erst mit der Zeit. Vor allem wenn man später andere Akteure in der gleichen Situation beobachtet, denkt man an das eigene Erlebnis zurück und erfasst dessen wahres Ausmaß. Wir zum Beispiel haben uns quasi gegenseitig motiviert. Ich stand neben (Jorge) Valdano und sah ihm direkt ins Gesicht, und er machte es genau so. So entstand ein spezielles Kribbeln, dem wir uns beide nicht entziehen konnten. Das kann man nur schwer in Worten ausdrücken.

In jenem Endspiel fiel der erste Treffer nach einem Freistoß, der von Ihnen ausgeführt wurde und den José Brown dann per Kopf verwandeln konnte. Hatten Sie das vorher einstudiert? Sehr oft sogar. Für sämtliche Freistöße von den Flügeln war ich oder Maradona zuständig. Dabei ging alles sehr offen zu, im Gegensatz zu heute. Wir hatten einige kopfballstarke Spieler im Team. Diese waren neben dem eben genannten Tata José Brown noch Ruggeri, Batista, (José) Cuciuffo, und Giusti. Die haben ihre Kopfballduelle alle gewonnen. An jenem Tag klappte einfach alles. Viele waren damals der Meinung, dass dieser Treffer vom Torwart hätte verhindert werden können, wenn er rechtzeitig heraus gelaufen wäre. Aber was soll's. Im Fussball passieren auch immer wieder Fehler, oder? Danach haben wir sie selbst gemacht und mussten dafür prompt den Ausgleich hinnehmen.

Hatten Sie geglaubt, dass Sie das 2:0 über die Zeit bringen würden? Ja. Nach dem Treffer von Valdano wähnten wir uns in Sicherheit. Bilardo aber warnte uns ständig, dass man die Deutschen - bildlich gesprochen - erst "kaltstellen" müsse, um sicher zu gehen, dass sie nicht noch mal ins Spiel kommen. Und genau so war es dann auch. Sie haben sich wieder aufgerafft und noch den Ausgleich geschafft. Bei anderen Gelegenheiten hatten wir nach einem solchen Spielstand auch schon mal verloren. Doch dieses Mal bewahrten wir die Ruhe und waren weiterhin fest davon überzeugt, dass wir die Partie am Ende für uns entscheiden würden. So etwas kam bei uns unter derartigen Umständen nicht gerade häufig vor. Anstelle von gegenseitigen Zurufen wechselten wir bedeutungsvolle Blicke miteinander, wie es Valdano später einmal ausdrückte. Wir mussten uns nicht erst mit lauten Zurufen anfeuern, denn jeder wusste genau, worauf es ankam. Argentinien wurde verdientermaßen Weltmeister, weil wir von Beginn des Turniers an mutig und entschlossen spielten und insgesamt die beste Mannschaft waren. Wir wollten Weltmeister werden und wurden es auch, weil wir den Titel verdient hatten.

Was haben Sie mit Maradona geredet, als der Ausgleichstreffer gefallen war? Wir haben mächtig geschimpft, denn wir konnten es einfach nicht fassen, dass plötzlich alles wieder offen war. Doch ich sagte zu ihm: "wir werden trotzdem gewinnen". Dieses Trotzgefühl hatte die ganze Mannschaft erfasst. Keiner schrie den anderen an und es gab keinerlei Schuldzuweisungen. Auch wenn im Fussball der Sieg einer Mannschaft nicht immer verdient ist, in diesem Fall war es so, denn wir hatten uns den Titel redlich verdient.

Und dann kam Ihr Siegtreffer... Jener Angriff entstand aus einer Situation heraus, in der Ruggieri in Strafraumhöhe einen Fernschuss auf unser Tor abgewehrt hatte. (Héctor) Enrique schnappte sich den Ball und spielte ihn kurz vor der Mittellinie auf Maradona. Als ich sah, dass der Ball bei Diego gelandet war, rechnete ich damit, dass die Deutschen auf Abseits spielen würden. Deshalb wechselte ich auf die andere Seite und schrie in Richtung Diego, der halb mit dem Rücken zu mir stand. Dann dachte ich, dass er mich vielleicht gar nicht gehört hatte, was ja für einen wie ihn, der auch hinten Augen zu haben schien, durchaus nichts Ungewöhnliches war. Schließlich spielte er mir den Ball in den Lauf und ich startete durch. Mein unmittelbarer Bewacher war (Hans-Peter) Briegel, der mich während der gesamten Partie eigentlich nie übermäßig markiert hatte. Es ist wirklich unglaublich, dass ich hinterher unzählige Male gefragt wurde, ob ich mir den Ball zu weit vorgelegt hätte, ob Schumacher vielleicht zu spät herausgelaufen war, ob ich Valdano nicht gehört hätte, der sich links neben mir befand, oder ob ich geglaubt hätte, dass mich Briegel noch abfangen würde... Dazu kann ich nur sagen, dass ich schon von weitem einzig und allein das gegnerische Tor im Visier gehabt habe. Ich sah, dass Schumacher eine durchgehend gelbe Spielkleidung trug, was mir einerseits die Orientierung erleichterte, andererseits aber auch die Entfernung zu seinem Kasten verdeutlichte. Ich musste fast 40 Meter laufen, bevor ich mit dem rechten Fuß abziehen konnte. Ursprünglich wollte ich den Ball über den Torwart hinweg ins Netz zirkeln, dann schob ich ihm das Leder aber zwischen den Beinen hindurch ins Tor. Zuvor hatte ich weder Valdano noch Briegel gesehen. Ich wusste nur, dass ich soeben den längsten und schwersten Sololauf meines Lebens mit einem so wichtigen Treffer gekrönt hatte. Darüber war ich unendlich glücklich. Als ich danach jubelnd auf die Knie gegangen war, sah ich zuerst Batista auf mich zustürmen. Er war fix und fertig und kniete sich mit seinem dichten Bart, den er damals trug, vor mich hin... Er sah aus wie Jesus, der uns sagen wollte, dass wir unbedingt Weltmeister werden müssten. Als wir wieder am Mittelpunkt Aufstellung nahmen, sagte Valdano zu mir: "Jetzt sind wir Weltmeister." Wir hatten schon Freudentränen in den Augen, denn es waren nur noch drei Minuten zu spielen.

Und nach dem Schlusspfiff, was ging Ihnen da alles durch den Kopf? Bilardo hatte mich nach meinem Siegtor vom Platz genommen, so dass ich den Rest der Partie von der Bank aus verfolgte. Neben mir saß (Néstor) Clausen. Wie schön doch Fussball sein kann! Ich durfte das Spielende gemeinsam mit einem der besten Freunde erleben, die mir dieser Sport je gegeben hatte. Wir fieberten ungeduldig dem Schlusspfiff entgegen. Die erste große Umarmung fand zwischen uns beiden statt. Danach rannten wir zu den anderen, um unseren Sieg zu feiern. Das war einfach großartig.

Dann kam die Siegerehrung und die Übergabe des FIFA WM-Pokals ™... Ich war einer der letzten, die den Pokal in die Hände bekamen. Diego war der erste, ganz klar. Danach waren Nery (Pumpido) und die anderen an der Reihe. Ich übernahm die Trophäe von (Carlos) Tapia, wenn auch nur für ein paar Sekunden. Es war genug Zeit, um sie zu küssen, hochzurecken und Gott dafür zu danken. Die Fotos, die dabei gemacht wurden, haben wir seither immer wieder angesehen und konnten es jedes Mal kaum glauben. Bei der Siegerehrung selbst realisiert man noch nicht das, was man soeben vollbracht hat. Das wurde uns spätestens dann klar, als wir bei unserer Rückkehr nach Argentinien von so vielen Menschen empfangen wurden. Das war überwältigend, denn neben der Tatsache, dass wir die WM-Titel geholt hatten, waren es die tausendfachen Rufe "Weltmeister", die uns natürlich wie Balsam in den Ohren klangen. Dieses Wort übt eine magische Wirkung aus.

Wie finden Sie die WM-Trophäe? Sie ist wunderbar! Und es hat sich echt gelohnt, sich dafür aufzuopfern. Bei ihrem Anblick gehen einem so viele Dinge durch den Kopf, angefangen von der WM-Qualifikation bis hin zur Endrunde, sowie alle Entbehrungen und Probleme, die es zu bewältigen gab. Uns war eine Menge abgefordert worden. Die ganze Vorbereitung unter Bilardo war knüppelhart und äußerst intensiv. Als wir dann Weltmeister waren, sagten wir uns, dass sich das alles auch ausgezahlt hat. Wir waren eine verschworene Truppe, die unbeirrt auf das gemeinsame Ziel hingearbeitet und die gleichzeitig den Boden für neue und dauerhaft Freundschaften bereitet hatte. Alle zogen praktisch an einem Strang. Das ist unbezahlbar. Erfolg und Ruhm kann man sich nicht erkaufen.

Sind Sie nach so langer Zeit immer noch bewegt, wenn Sie an damals zurückdenken? Wie ich schon sagte, meiner Meinung nach empfindet man so etwas Großes und Bedeutendes nie so richtig in dem Augenblick, da es real abläuft. Das gilt für alle Berufe und Lebensbereiche. Wenn ich heute an damals zurückdenke, fallen mir eine ganze Menge Dinge ein. Immer wieder wird mir bewusst, dass sich das Ganze seinerzeit wirklich gelohnt hat. Damit meine ich die Anstrengungen und Entbehrungen, die man als gerade einmal 20-Jähriger auf sich nahm... Heute kann ich sagen, dass wir uns so und nicht anders verhalten und am Ende die in uns gesetzten Erwartungen auch erfüllt haben.