Jardine: Daniel Alves' Augen leuchteten auf

  • Der erst 41-jährige André Jardine betreut Brasilien bei den Olympischen Spielen von Tokio

  • Er nominierte den 38-jährigen Dani Alves für seinen Kader

  • Jardine über den Versuch der Titelverteidigung der Seleção

Ein 20-jähriger Student des Bauingenieurwesens schwänzte ein paar Vorlesungen, um einem alten Freund zuzusehen, der bei den Olympischen Spielen von Sydney 2000 seinen Traum wahr machte. André Jardines Hoffnung auf eine Karriere als Fussballer endete zwar, als er von Grêmio Porto Alegre freigestellt wurde, doch sein ehemaliger Teamkamerad Ronaldinho stand an der Spitze des brasilianischen Teams, das beim Olympischen Fussballturnier der Männer erstmals Gold für Brasilien holen sollte.

Trotz eines fantastischen Freistoßtreffers Ronaldinhos unterlag Brasilien im Viertelfinale gegen Kamerun mit 1:2. Ronaldinhos olympischer Traum endete dann endgültig mit der Halbfinalniederlage Brasiliens bei den Spielen von Peking 2008. Kaum vorstellbar, dass nun Ronaldinho zusehen wird, wenn André nach olympischem Gold greift. André Jardine verbrachte seine Vorlesungen oft damit, vom Fussball zu träumen, und nachdem er sich bewundernswert hochgearbeitet hatte, wurde er 2019 im Alter von nur 39 Jahren zum Trainer der U-23-Auswahl Brasiliens ernannt.

Heute ist ein anderer Brasilianer in seinen späten 30ern das Gesprächsthema im Internet - und dies hat er Jardine zu verdanken. Daniel Alves, einer der erfolgreichsten Fussballer aller Zeiten, wurde im Alter von 38 Jahren in Brasiliens Kader für Tokio 2020 berufen.

FIFA.com sprach mit Jardine über diese überraschende Nominierung, Paulinhos überschwängliche Reaktion auf seine Berufung, die Klasse von Gerson und Bruno Guimaraes, Brasiliens Hoffnungen auf olympisches Gold und den Wunsch, seinen alten Freund Ronaldinho Gaucho endlich einmal zu überflügeln.

FIFA.com: Es herrschte lange Zeit Unklarheit, wer letztlich nach Tokio fahren würde. Wann haben Sie Ihren 18-Mann-Kader fertig gehabt?

André Jardine: Ehrlich gesagt erst heute Morgen, also wirklich in letzter Minute. Wir sind ziemlich früh zum Verbandsgebäude des CBF gekommen. Es gab noch einige Unsicherheiten bei der Verfügbarkeit bestimmter Spieker. Wir haben die Liste dann in letzter Minute fertiggestelltl.

Können Sie uns erzählen, wie es dazu kam, dass Sie Daniel Alves mit zu den Olympischen Spielen nehmen?

Als klar wurde, dass wir mit Emerson einen wichtigen Schlüsselspieler an die Seleção verloren haben - er hat Daniel Alves' Platz bei der Copa América eingenommen - wurde Dani Alves für uns zur besten Option. Er ist eine Führungsfigur, ein Gewinnertyp, er hat viel Charisma, er wird von allen brasilianischen Spielern sehr respektiert. Er ist ein großes Vorbild für unsere aktuelle junge Spielergeneration. Und seltsamerweise hat er noch nie bei den Olympischen Spielen gespielt, also dachten wir, dass er die perfekte Besetzung ist. Er wird ein Vorbild innerhalb des Team und eine echte Führungsfigur auf dem Spielfeld sein. Und wenn man von einem Spieler spricht, der den absoluten Willen hat, ein Champion zu werden ... er hat nicht umsonst einen so triumphalen Lebenslauf.

Wie hat er reagiert, als Sie Kontakt zu ihm aufgenommen haben?

Es war absolut begeistert. Daniel liebt die Seleção. Er hat der Seleção viele Jahre lang viel gegeben. Er ist eine echte Symbolfigur für die Seleção. Das kam absolut überraschend für ihn. Seine Augen leuchteten vor Begeisterung auf! Man sah deutlich, wie glücklich er war. Er sagte sofort zu, dass er zur Verfügung steht und dass er alles geben werde.

Sie haben erwähnt, dass Sie an ihn gedacht haben, als Sie ihren Rechtsverteidiger Emerson verloren haben. Haben Sie vor, Dani Alves als Rechtsverteidiger einzusetzen?

Daniel ist ein überaus vielseitiger Spieler, das ist eine seiner Stärken. Das passt perfekt zu der Art, wie wir spielen. Ich setze Außenverteidiger sehr gerne in verschiedenen Funktionen ein - als defensive Mittelfeldspieler, als offensive Mittelfeldspieler, als Flügelspieler. Seine Vielseitigkeit werden wir im Laufe des Turniers zweifellos ausnutzen können.

Was halten Sie von Gerson und Bruno Guimaraes?

Das sind zwei spektakuläre Spieler. Zwei erfahrene Seleção-Spieler. Sie sind Spieler, die unser Nationaltrainer Tite sehr schätzt und auf seinem Radar hat. Zweifellos werden sie in der Zukunft für die Seleção spielen, aber im Moment gehören sie uns, und das ist ein großer Vorteil. Spieler vom Kaliber eines Gerson und Bruno zu haben, ist für uns enorm wichtig. Sie sind unglaubliche Spieler, haben ein großes Spielverständnis, Erfahrung und können Spiele kontrollieren und lenken, was sehr wichtig ist.

Hat Sie einer der Spieler bedrängt, der unbedingt zu den Olympischen Spielen wollte?

(lacht) Sehr viele! Viele konnten sich nicht zurückhalten und wollten mir unbedingt sagen, dass sie dabei sein wollen. Matheus Cunha (lacht), er ist ein wichtiger Spieler für uns, aber er war sehr besorgt wegen seiner Verletzung. Paulinho war sehr emotional. Das Video, das er in den sozialen Medien gepostet hat, zeigt, wie sehr er zu den Olympischen Spielen wollte. Bruno Guimaraes hat immer sehr deutlich gemacht, dass es sein Traum ist, bei den Olympischen Spielen dabei zu sein. Er hat das schon lange, sehr lange gezeigt. Auch Matheus Henrique gehörte dazu. Und auch viele andere, die letztlich nicht berufen wurden, haben immer danach gefragt - leider war nicht genug Platz, um alle mitzunehmen, die ich gerne genommen hätte.

Haben Sie heute mit einigen Spielern auch persönlich gesprochen?

Ich war mit einigen in Kontakt, per Textnachricht, per WhatsApp - und habe ihnen gratuliert. Sie haben sich bei mir bedankt. Wir haben ein wirklich enges Verhältnis. Es war bewegend, Paulinhos Reaktion zu sehen. Er hat ein wirklich schwieriges Jahr mit einer Verletzung hinter sich. Er war sehr emotional, denn er hat einfach alles gegeben, um sich von der Operation zu erholen, um rechtzeitig für die Olympischen Spiele wieder fit zu werden - und das war ganz sicher nicht leicht. Paulinho war tatsächlich ein Sinnbild dafür, wie sehr diese Spielergeneration zu den Olympischen Spielen will.

Brasilien trifft auf Deutschland, die Elfenbeinküste und Saudiarabien.

Ich denke, dass dies alles starke Gegner sind. Deutschland - Das ist ein echter Klassiker. Dieses Duell war schon ein WM-Finale und auch das Finale bei den letzten Olympischen Spielen. Die Deutschen sind immer sehr stark - von der Jugend bis hin zur A-Mannschaft. Sie haben gerade den U-21-Europameistertitel gewonnen, das zeigt die Qualität der jungen Spieler, die sie haben. Die Elfenbeinküste hat eine wirklich starke Tradition im Nachwuchsbereich, U-17, U-20, U-23. Sie sind körperlich sehr stark. Sie haben gute Spieler, die sehr schnell sind. Und Saudiarabien hat sich stark weiterentwickelt. Ihre Organisation hat sich verbessert, und sie haben einigen größeren Teams ernst Probleme bereitet. Wir müssen sehr vorsichtig sein müssen, um gegen Saudiarabien nicht zu stolpern. Die Gruppe ist sehr ausgeglichen. Alles scheint möglich.

Welche Teams werden die größten Rivalen Brasiliens im Kampf um Gold?

Es gibt einige Mannschaften, die das Zeug zum Sieg haben. Für mich zählt Japan zu den großen Favoriten. Argentinien ebenfalls - sie haben ein tolles Team, tolle Spieler. Deutschland, Spanien und Südkorea haben auch sehr gute Mannschaften. Und es gibt ja auch immer Mannschaften, die alle überraschen und um den Titel kämpfen.

Wie zuversichtlich sind Sie, was die Chancen Brasiliens angeht?

Wir haben eine großartige Seleção, eine Mannschaft, die dem Anspruch gerecht wird, Brasilien zu vertreten. Der CBF nimmt diesen Wettbewerb sehr ernst. Wir haben zwei Jahre lang sehr hart gearbeitet. Die meisten Spieler sind von Anfang an dabei, kämpfen um die Plätze, spielen in Freundschaftsspielen, nehmen an der Vorbereitung teil. Wir werden bei den Olympischen Spielen mit dem Gefühl ankommen, dass wir in der bestmöglichen Verfassung sind, um Gold zu holen.

Nachdem Sie es als Fussballer nicht geschafft haben, begannen Sie ein Studium des Bauingenieurwesens…

Ich habe in der Jugend für Grêmio Porto Alegre gespielt. Ich habe an der Seite von Ronaldinho Gaucho gespielt, aber ich bin kein Profi geworden. Ich war immer recht gut in Mathematik, also habe ich Bauingenieurwesen studiert, aber in Wahrheit war mein Kopf immer beim Fussball. Dann habe ich meine Leidenschaft für die Trainerarbeit entdeckt. Mit 21, 22 war ich mir schon sicher, dass ich Trainer werden wollte. Danach war es ein wirklich langer Weg - Futsal, Fussball, Inter, Grêmio, São Paulo. Es waren über 20 Jahre harte Arbeit. Ich denke, ich habe es verdient, dort zu sein, wo ich jetzt bin, weil ich so viel erreicht habe; all die Spieler, denen ich zum Durchbruch verholfen habe. Ich denke, ich habe eine wirklich schöne Laufbahn hinter mir und möchte sie mit einer Goldmedaille krönen.

Wie war es, an der Seite von Ronaldinho zu spielen?

Das war wirklich unglaublich! Ein echtes Privileg und ein wundervolles Erlebnis. Ronaldinho hat schon mit zehn Jahren Sachen gemacht, die Profis heute nicht mehr machen können. Das ist alles in meiner Erinnerung noch sehr lebendig. Was das Talent angeht, war er anderen weit, weit, weit überlegen. Er ist einer der größten Spieler der Fussballgeschichte. Ich bin sehr stolz zu sagen, dass ich mit ihm gespielt habe und dass er mein Freund ist. Es war unglaublich zu sehen, wie er sich von 10, 11, 12, 13, 14 Jahren zum besten Spieler der Welt entwickelt hat.

Ronaldinho ist Brasiliens Rekord-Nationalspieler in der Altersklasse U-23, aber er hat nie Olympisches Gold gewonnen. Wäre es gut, diese Ehre zu erringen?

Das war mir nicht bewusst. Endlich könnte ich etwas erreichen, was Ronaldinho nicht erreicht hat! (lacht). Aber im Ernst: Viele herausragende brasilianische Mannschaften konnten kein Olympisches Gold gewinnen aber das motiviert uns nur noch stärker. Wir wollen diesen Titel unbedingt.