Matías Lucuix: "Bei dieser WM habe ich wieder zu mir selbst gefunden"

25. Sept. 2021
  • Lucuix musste nach einer schweren Verletzung bei der WM 2012 seine Futsal-Karriere beenden

  • Dank Diego Giustozzi kehrte er 2016 als Co-Trainer des späteren Weltmeisters in den Sport zurück

  • Als Cheftrainer versucht er, den vor fünf Jahren gewonnenen Titel zu verteidigen

"Das sind einzigartige Momente, bei denen man nie weiß, ob man sie noch einmal erleben darf, deshalb versuche ich, das Beste daraus zu machen und sie zu genießen, denn morgen ist man vielleicht schon nicht mehr an diesem Ort", erzählt Matías Lucuix FIFA.com. Dies könnte die Aussage eines Jeden sein, der hier in Litauen dabei ist und alles dafür gibt, um so weit wie möglich zu kommen. Aber bei ihm steckt noch viel mehr dahinter.

Um das zu verstehen, muss man zurück in den November 2012 blicken, als 'Mati' der vielversprechendste Spieler Argentiniens war, die damals noch gar nicht wussten, wie es ist, ein Finale bei einer Futsal-Weltmeisterschaft zu bestreiten. Der große Flügelspieler und Star der spanischen Liga sollte als einer der größten Futsal-Stars in die Geschichte eingehen, aber das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm.

Im Spiel seiner Albiceleste gegen Australien bei der WM in Thailand erlitt er eine schwere Verletzung, die ihn nach jahrelangen Kämpfen und Rückfällen zwang, mit Futsal aufzuhören, ihn gar zu hassen. Einige Jahre später änderte aber ein Anruf von Diego Giustozzi mit der Frage, ob er nicht sein Co-Trainer werden wolle, alles auf einen Schlag. Er nahm die Einladung an und versöhnte sich so im großen Stil mit Futsal: Er gewann als Co-Trainer mit Argentinien die WM 2016, einen Titel, um den er wegen seiner Verletzung als Spieler nie kämpfen konnte.

Und jetzt ist er noch einen Schritt weitergekommen: Er ist in Litauen der erste Trainer Argentiniens in der Rolle des Titelverteidigers. Vor der Neuauflage des Finales von 2016 gegen die RFU sprach FIFA.com mit Matías Lucuix darüber, was er sich von diesem Viertelfinale verspricht, aber auch über seine Erinnerungen und die Versöhnung mit dem Futsal.

Football - FIFA Futsal World Cup Brazil 2008 - Argentina v Russia - Second Round Group F - The Maracanazinho, Rio de Janeiro - 14/10/08.Actionshot, Matias LUCUIX - Argentina in action against Dmitry PRUDNIKOV - Russia.Mandatory Credit: Action Images / Matthew Childs

FIFA.com: Ist Ihr Debüt bei einer FIFA-Weltmeisterschaft als Trainer anders, als es damals als Spieler war? Ich bin noch ein Neuling in der Trainerlaufbahn. Es ist herrlich, den Alltag hier zu genießen und diese angenehme Verantwortung an der Spitze Argentiniens erleben zu dürfen. Als Spieler hat man natürlich eine andere Sicht auf die Dinge und füllt eine andere Rolle aus, aber im Inneren macht es ein bisschen mehr Spaß. Ich hatte die Gelegenheit, es aus beiden Perspektiven zu erleben. Natürlich ist das ein Segen und deshalb muss ich diese Chance auch nutzen.

Wie ist Matías Lucuix als Trainer? Ich versuche so zu sein, wie ich als Mensch bin und als Spieler war: offen, mit einer Nähe zu den Spielern und immer geprägt von meiner Idee und Philosophie vom Spiel. Ich versuche, meinem Team zu vermitteln, was ich suche und was ich möchte. Das ist natürlich schwierig, weil ich mit Spielern zusammen bin, die im Laufe des Jahres anders spielen, und es ist kompliziert, in ein paar Wochen Arbeit diese Gruppendynamik zu erreichen. Trotzdem ist die Mannschaft ein Spiegelbild dessen, was ich sehen will: ein dynamisches Team, das dem Spiel seinen Stempel aufdrückt und weiß, was es mit und ohne den Ball machen soll.

Sie sprechen davon, dass Sie noch relativ jung sind und Sie sind in der Tat nur ein oder zwei Jahre älter als ein Großteil Ihrer Spieler. Lassen Sie die Meinung der älteren Spieler in Ihre Entscheidungen mit einfließen? Ich bin zwar noch jung, aber ich habe die Erfahrung von großen Turnieren mit den Nachwuchs- und A-Nationalteams und ich glaube neben der Erfahrung, die mit den Jahren kommt, schaue ich auch ein bisschen mehr auf meine Erlebnisse. Daran halte ich ein bisschen fest.

Es ist klar, dass es Spieler gibt, die damals meine Mannschaftskameraden in der Nationalmannschaft waren, auch wenn ich heute sozusagen auf der anderen Seite stehe. Ich bin derjenige, der entscheidet und das letzte Wort hat, auch wenn ich versuche, Nähe auszustrahlen, mich von ihnen unterstützen zu lassen, ihnen zuzuhören und sie mit im Boot zu haben. Am Ende sind sie die Spieler und sie haben eine andere Sichtweise auf das, was wir von außen mit unserer Taktiktafel und unseren Ideen sehen.

Nach dem Sieg gegen Paraguay sagten Sie, dass Sie gegen die RFU nicht denselben Druck haben, wie der Gegner, die WM gewinnen zu müssen, obwohl es für einen Großteil Ihres Kaders und auch der RFU die letzte Möglichkeit dazu sein könnte. Kann das Verarbeiten dieses Drucks den Unterschied ausmachen? Die RFU ist sehr stark, eine der besten Mannschaften der Welt, obwohl ihr immer der letzte und schwierigste Schritt gefehlt hat, nämlich ein großes Turnier zu gewinnen. Sie haben, ähnlich wie wir, sehr viel Erfahrung. Wir hatten die Gelegenheit, Weltmeister zu werden, und als wir dachten, es könnte nicht mehr besser werden, haben wir in der Qualifikation für diese WM die Nationalmannschaft Brasiliens auswärts geschlagen, um Gruppensieger zu werden. Das gibt uns Kraft, das mögen wir... wir sind hungrig, engagiert und mutig und wir sind mit dem Erreichten noch lange nicht zufrieden.

Welchen Unterschied gibt es zwischen der RFU und Argentinien von 2016 und heute? In der RFU ist die Struktur dieselbe geblieben, beide Teams haben eine kompakte Abwehr und im Angriff sind sie sich auch ähnlich, sie wollen im Spiel die Initiative übernehmen. Sie ähneln sich, aber die Zeit ist weitergelaufen. Wir sind jetzt alle fünf Jahre älter.

Bei Argentinien sind viele Spieler dabei, die bereits Weltmeister geworden sind und es gibt auch neue Spieler, die hier ihre ersten Schritte machen und eine großartige Weltmeisterschaft spielen. Es gibt aber auch gewisse Unterschiede, wir haben in diesen fünf Jahren beide die Trainer und einige Spieler gewechselt. Ich versuche, die Spielphilosophie von Diego [Giustozzi] weiterzuführen und zu verfeinern. Zufriedenheit führt nämlich nicht dazu, eine wettbewerbsfähige Mannschaft zu bleiben, und unser Anspruch ist es, ein gutes Team zu sein, um auch weiterhin die Möglichkeit zu haben, Turniere zu gewinnen.

Sie sprachen von Diego Giustozzi, ein großer Einfluss für Sie... Es wäre sehr wenig objektiv, wenn ich wegen der guten Beziehung, die wir haben, über Diego spreche. Er ist ein Freund und Lehrer. Ich hatte die Möglichkeit, viel Zeit mit ihm zu verbringen, viel Wissen zu erlangen und bin ihm dafür sehr dankbar.

Er spielte aber auch eine Rolle, als Sie den Schritt nach Europa wagten. Wie war das damals? Ja, wir waren zusammen in der argentinischen Nationalmannschaft und bei einem Panamerikanischen Turnier in Brasilien erzählte er mir von der Möglichkeit, ein Probetraining bei Caja Segovia in Spanien zu absolvieren. Ich war jung und hatte den Traum, in der besten Liga der Welt zu spielen, aber auch diese Ängste und Zweifel, meine Familie, mein Land, meine Freunde zu verlassen und wie wohl alles werden würde...

Er und Miguel Rodrigo überzeugten mich, diesen Schritt zu gehen. Sie haben meinen Traum vom Profispieler wahr werden lassen, sie haben mich an Orte geführt, die ich mir nie habe träumen lassen und ich danke ihnen dafür. Sie sind zwei Freunde fürs Leben, wie sie dir der Sport beschert und ich danke ihnen, dass sie mir auch geholfen haben, als Mensch zu reifen.

Hat Sie diese WM dazu gebracht, sich mit dem Futsal zu versöhnen, nachdem Sie verletzungsbedingt Ihre Karriere beenden mussten? Wenn man im Sport eine schlimme Phase erlebt, so wie ich mit meiner Verletzung, die mich sogar zum Rücktritt gezwungen hat, fühlt man sich verletzt. Man fragt sich 'Warum ich?', man hat keine Erklärung dafür... aber bei dieser WM habe ich wieder zu mir selbst gefunden, ich hatte das Verlangen, wieder an den Orten zu sein, an denen ich so lange und an denen ich vor allem so glücklich war. Heute habe ich ein erfülltes Leben, ich bin dankbar für das, was mir dieser Sport gibt, die Momente, die er mich erleben lässt und genieße die wunderschöne Verantwortung, mein Land zu repräsentieren. Dafür werde ich mein Leben lang dankbar sein.

Als Diego Giustozzi Sie anrief, um Ihnen den Posten als Co-Trainer anzubieten, war es da schwierig für Sie, nach dieser harten Zeit den Sprung zurück zu wagen? Ja, denn es ist nicht so einfach. Eine Sache ist es, Spieler zu sein, und eine ganz andere, der Trainer zu sein. Man muss all diese Ideen, die man hat, in eine Spielphilosophie gießen und als Team umsetzen. Auch heute habe ich noch immer das Bedürfnis, vieles neu zu überdenken, zu sehen, ob meine Ideen funktionieren oder andere umgesetzt werden müssten. Es ist nicht immer einfach, seine Spielweise umzusetzen, da man sich auch an die vorhandenen Spieler anpassen muss. Das ist die große Herausforderung, aber ich genieße den Alltag und die Partien. Das sind einzigartige Momente, bei denen man nie weiß, ob man sie noch einmal erleben darf, deshalb versuche ich, das Beste daraus zu machen und sie zu genießen, denn morgen ist man vielleicht schon nicht mehr an diesem Ort.

Ihre Verletzung ließ Sie mehr als deutlich spüren, dass sich die Situation von einem Tag auf den anderen ändern kann und dass man jeder Moment genießen sollte... Nur zu deutlich. Man lernt zu kämpfen, diesen Willen und dieses Engagement zu zeigen, um etwas zu erreichen und sich nicht zurückzulehnen. Wenn wir in der Lage sind, über jedes Problem nachzudenken, ist klar, dass etwas Gutes dabei herauskommen wird. Nach so viel Leid mit der Verletzung versuche ich jetzt, einfach diesen Moment zu genießen und die Chance zu nutzen, mit 35 Jahren Trainer der Nationalmannschaft bei einer WM sein zu dürfen. Ich hoffe, ich darf noch viel mehr Weltmeisterschaften in meiner Karriere erleben.

Fühlen Sie sich von ganz Argentinien unterstützt? Wir sind ein Vorbild für viele Kinder dort. Sie sehen uns, schreiben uns und ermutigen uns. In unserem Land brauchen wir das, denn Futsal ist eine Disziplin, die sich entwickelt, die nach der Weltmeisterschaft immer stärker wurde und die wir heute wieder erleben. Wir denken an unsere Familien, unser Land und all die Kinder, die Futsal spielen und davon träumen, oder an die Spieler, die alles dafür geben würden, heute an unserer Stelle zu sein. Wir müssen auf und neben dem Spielfeld ein Vorbild sein.

VILNIUS, LITHUANIA - SEPTEMBER 17: Players of Argentina pose for a photo prior to the FIFA Futsal World Cup 2021 group F match between Argentina and Serbia at Vilnius Arena on September 17, 2021 in Vilnius, Lithuania. (Photo by Alex Caparros - FIFA/FIFA via Getty Images)