Vidal: "Spanien hat eine Siegermentalität und visiert immer das Finale an"

9. Apr. 2021
  • Wir sprachen im Exklusiv-Interview mit dem spanischen Futsalnationaltrainer Fede Vidal

  • Er spricht über die Vorbereitung auf die Europameisterschaft und die WM

  • Ausgeglichenes Niveau bei großen Turnieren und höheres Niveau der Gegner

Der Hallenfussball ist eine der Sportarten, in denen Spanien die meisten Erfolge feiern durfte. Doch mittlerweile wird es immer schwieriger, an die Triumphe der Vergangenheit anzuknüpfen, denn obwohl die Spanier regelmäßig im Finale großer Turniere anzutreffen sind, mussten sie sich bei der letzten Europameisterschaft mit dem zweiten Platz begnügen und sind bei der letzten WM gar im Viertelfinale ausgeschieden.

"Es wird immer mehr Futsal gespielt und die Verhältnisse werden Jahr für Jahr ausgeglichener", betont der spanische Nationaltrainer, der in einem Zeitraum von gut vier Monaten die Europameisterschaft und die WM bestreiten wird. Er geht mit demselben Ehrgeiz wie immer in die Turniere und weiß noch nicht genau, wie die Vorbereitung angesichts der Pandemiesituation und der Hygienevorschriften ablaufen wird. FIFA.com spricht mit Fede Vidal über die Situation seines Teams im Vorfeld der beiden großen Turniere.

Fede Vidal im Kurzprofil

  • Alter: 47 Jahre

  • Erfolge als Trainer: Titelgewinn bei den Europameisterschaften 2012 in Kroatien und 2016 in Serbien, Vizeweltmeister bei der WM 2012 in Thailand (alle als Assistent von Nationaltrainer Venancio López)

  • Laufbahn beim spanischen Verband: 2010 begann er als Trainer der Juniorenteams. Später fungierte er zunächst als Assistent von A-Nationaltrainer Venancio López, seit 2018 ist er Cheftrainer der Auswahl.

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Ist es ein beruhigendes Gefühl, für die UEFA Futsal-EURO 2022 qualifiziert zu sein?

Unser erstes Ziel ist immer die Qualifikation, und dann wollen wir jedes Spiel gewinnen. Bei dieser Linie werden wir bleiben, hart arbeiten und uns nur auf ein Ziel konzentrieren.

Wie wird die Vorbereitung auf die FIFA Futsal-Weltmeisterschaft 2021ablaufen, die im September in Litauen stattfindet?

Heute müssen wir immer die Pandemie und die Hygienevorschriften im Hinterkopf haben und einplanen. Wir werden sehen, inwieweit die sportliche Ebene, die Planung davon beeinflusst werden, ob wir ein Trainingslager machen können, das Blasenkonzept anwenden, was im Rahmen des Hygieneprotokolls möglich ist ...

Normalerweise bräuchten wir solche Dinge nicht zu berücksichtigen, doch jetzt sind das fundamentale und wichtige Themen. Wir haben bereits Erfahrungen in den Trainingslagern für den europäischen Wettbewerb gesammelt und kennen die Situation und die Probleme, die damit einhergehen.

Die Vorbereitung wird anders ablaufen als sonst, flexibler sein und wir müssen schauen, was die anderen Teams machen und ob wir Freundschaftsspiele bestreiten können. Wir haben vor, lange genug zu arbeiten, um gut vorbereitet und wettbewerbsfähig in die WM in Litauen zu gehen.

Hinzu kommt, dass die WM im September stattfinden wird, nach der Sommerpause und zu Saisonbeginn ...

Das war bei der Auflage von 2016 in Kolumbien noch schlimmer, wo wir leider weniger Zeit für die Vorbereitung hatten als gewünscht. Aufgrund dieser Erfahrung können wir sagen, dass wir mehr Vorbereitungstage brauchen.

Es reicht nicht aus, wenn ein Spieler physisch total fit ist. Er muss auch das erforderliche Wettkampfniveau erreichen, und das geschieht durch die Vorbereitung und die Freundschaftsspiele. Er muss mit Selbstvertrauen und Vertrauen in die Mannschaft ins Turnier gehen.

Spanien hat bei der EURO gegen Frankreich und Kasachstan unentschieden gespielt und im Finale gegen Portugal verloren. In Litauen werden Serbien, Brasilien und der amtierende Weltmeister Argentinien dabei sein. Wird das Ihrer Meinung nach die am härtesten umkämpfte WM aller Zeiten?

Das trifft auf alle Weltmeisterschaften zu. Es mag vielleicht so aussehen, als seien die Titel leicht zu erringen, aber es war schon immer kompliziert. Dies ist eine junge Sportart die rasant wächst. Es wird immer mehr Futsal gespielt und die Verhältnisse werden Jahr für Jahr ausgeglichener. Die Teams, die weniger Tradition haben oder in den ersten Jahren weniger Fortschritte gemacht haben, finden langsam zu einer konstanten Arbeitsweise. Ligen werden ins Leben gerufen und professionalisiert, und die Spieler entwickeln sich weiter und steigern ihr Niveau.

Die bedeutendsten und stärksten Nationalteams sind zwar noch immer am besten ausgerüstet, um bei Turnieren weit zu kommen, aber die Anzahl der Mitstreiter wächst. Die letzte WM hat bereits Argentinien vor Russland gewonnen, Iran stand im Halbfinale … Es gibt mehr und mehr Teams, die eine Überraschung landen können und bei wichtigen Turnieren den Einzug in die K.-o.-Runden schaffen. Darunter sind auch Teams aus Afrika oder Asien … Wir müssen unsere Fähigkeiten und die Vorbereitung nutzen, um uns an diese anspruchsvolle Szene anzupassen, und von der ersten bis zur letzten Partie alles geben.

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Die spanische Liga ist sehr ausgeglichen. Wird es daher schwieriger als je zuvor, den Kader für die WM oder die EURO zusammenzustellen?

Es mag vielleicht kompliziert erscheinen, aber ich sehe das genau andersherum. Es wird einfacher sein als je zuvor, weil wir kaum etwas falsch machen können. Unser Konzept sieht vor, dass das Nationalteam allen Spielern offensteht, die gut sind und von denen wir glauben, dass sie uns helfen und rechtzeitig ins Team finden können.

In gewisser Weise ist es zwar schwierig, zu entscheiden, aber wenn man das Ganze mit Ruhe betrachtet, ist es eigentlich ganz leicht, denn wir können nicht viel falsch machen. Die derzeitige Situation zwingt uns, den Spielerpool zu vergrößern, und das ist sehr positiv, denn alle möchten dabei sein und es entsteht ein gesunder Konkurrenzkampf. Und dann wäre da noch der Faktor des spezifischen Bedarfs, den wir bei der WM oder der Euro haben könnten. Da stehen viele Spiele innerhalb weniger Teage an, und es gibt kaum Spielraum für Fehler, wenn der Kader durch Verletzungen zusammenschrumpft. Wir müssen uns wirklich ganz genau überlegen, welche Spieler wir mitnehmen können, weil sie unseren taktischen und Wettkampfanforderungen entsprechen.

Bei der letzten Europameisterschaft hat Spanien im Finale verloren, bei der letzten WM war im Viertelfinale Schluss. Sitzt der Stachel dieser Niederlagen bei den Spielern immer noch tief?

Spanien hat eine Siegermentalität und visiert immer das Finale und den Turniersieg an. Bei der letzten Europameisterschaft haben wir im Finale gestanden, jetzt verfolgen wir dasselbe Ziel: Wir wollen ins Finale einziehen und es gewinnen. Bei der WM 2016 sind wir nicht über das Viertelfinale hinausgekommen, in Litauen wollen wir wieder ins Finale einziehen. Das wäre aber auch unser Ziel gewesen, wenn wir 2016 das Finale erreicht gehabt hätten. Wir denken dabei nicht an einen tief sitzenden Stachel.

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Setzt es Sie persönlich unter Druck, dieses Ziel erreichen zu müssen?

Druck kann je nach Blickwinkel etwas Positives oder Negatives sein. Wenn wir immer nur negative Gefühle damit verbinden, dann kann er uns belasten, aber wir wollen dafür sorgen, dass er einen Beitrag zu unserer Siegermentalität leistet.

Dank dieser Mentalität werden wir den Druck positiv nutzen, um jeden Tag härter zu arbeiten, uns in jedem Spiel mehr abzuverlangen und dafür zu sorgen, dass die kämpferische Einstellung der Spieler und des Teams ein Pluspunkt sind.

Gefällt es Ihnen, dass nur vier Monate zwischen der WM (im September) und der EURO (im Januar) liegen?

Ich sehe das weder positiv noch negativ. Wir müssen uns an den Kalender anpassen, und was wir anfangs vielleicht negativ sehen, kann sich durchaus zu etwas Positivem wandeln. Wenn du eine gute WM spielst, kannst du die Dynamik und all die Vorarbeit mit in die Europameisterschaft nehmen. Umgekehrt kann die Euro eine Chance bieten, mögliche Fehler direkt zu korrigieren, wenn es bei der WM nicht so gut läuft.

Ist es schwierig, die Konzentration und den Ehrgeiz des Teams über zwei große Turniere aufrechtzuerhalten, die so eng beieinander liegen?

Die Spieler haben genug Ehrgeiz und Erfolgshunger für beide Turniere. Seit der Europameisterschaft von 2018 sind bereits mehr als drei Jahre ohne ein großes Turnier vergangen. Es gab Freundschaftsturniere, Vorbereitung, die Qualifikation für die Europameisterschaft und die WM. Wir haben viel Zeit mit harter Arbeit verbracht. Die Spieler wollen an großen Turnieren teilnehmen und dürfen nun zur Belohnung für all die Arbeit um etwas kämpfen, von dem jeder Spieler träumt.