Weverton: Die Palmeiras-Fans sind absolut fanatisch

  • Weverton spricht über sein besonderes Verhältnis zu den Palmeiras-Fans

  • Er blickt voraus auf das Finale der Copa Libertadores am Samstag gegen Flamengo

  • Der brasilianische Torhüter äußert sich zu Taffarel, Marcos, Alisson, Ederson und Katar 2022

Ein 28-Jähriger war zum ersten Mal in seinem neuen Nebenjob auf Reisen. Um 1:40 Uhr hatte er endlich Feierabend. Nun musste er mitten aus dem Amazonasdschungel zu den 4.300 Kilometer entfernten tropischen Stränden von Florianopolis gelangen, um gegen 16:00 Uhr an diesem Tag einen weiteren Arbeitsauftrag anzunehmen.

Ein Kollege, den er bei einem früheren Auftrag kennengelernt hatte, hörte sein Dilemma und bot ihm an, ihm zu helfen, pünktlich zur Arbeit zu kommen. Dies war der Beginn der Liebesgeschichte zwischen Weverton und Palmeiras, bei der Gabriel Jesus ungewollt Amor spielte.

Der Präsident von Palmeiras, Paulo Nobre, hatte seinen Privatjet geschickt, um den jungen Stürmer zum Derby gegen São Paulo zu bringen. Als der dankbare Weverton an Bord ging, wurde er den Verantwortlichen des Vereins vorgestellt.

Alexandre Mattos, der damalige Fussballdirektor von Palmeiras, scherzte, dass er Weverton mit zurück in den Allianz Parque nehmen würde. Weverton erwiderte todernst, dass er es nicht bereuen würde, wenn er es täte. Die beiden blieben in Kontakt und 14 Monate später wechselte Weverton zu O Verdão. Seitdem hat er mit dem Team die Staatsmeisterschaft von São Paulo, die brasilianische Meisterschaft, den brasilianischen Pokal und die Copa Libertadores gewonnen und wurde für fast 13 Millionen Fans zur Ikone.

Ein weiterer Flug in einem Privatjet im Jahr 2016, der eigentlich nicht einmal eingeplant war, machte ihn zum Helden für über 200 Millionen. Wenige Tage vor Beginn des Olympischen Fussballturniers der Männer fiel Fernando Prass aus, und Weverton flog als sein Ersatzmann nach Rio de Janeiro. Der aus Rio Branco stammende Torhüter stand zwischen den Pfosten, behielt in fünf Spielen in Folge eine weiße Weste und brachte die Seleção ins Finale. Im Elfmeterschießen parierte er dann den letzten Elfmeter Deutschlands und verschaffte damit Neymar die Gelegenheit, Brasiliens 64-jähriges Warten auf das erste olympische Fussball-Gold zu beenden.

Weverton sprach mit der FIFA über seinen Traum von der Teilnahme an der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Katar 2022™ und das Finale der Copa Libertadores am Samstag gegen Flamengo.

RIO DE JANEIRO, BRAZIL - AUGUST 20:  Weverton of Brazil holds his gold medal after the Olympic Men's Final Football match between Brazil and Germany at Maracana Stadium on August 20, 2016 in Rio de Janeiro, Brazil.  (Photo by Stuart Franklin - FIFA/FIFA via Getty Images)

FIFA: Können Sie uns etwas über die Palmeiras-Fans und Ihr Verhältnis zu ihnen erzählen?

Weverton: Die Palmeiras-Fans sind wirklich leidenschaftliche, fanatische Anhänger ihres Vereins. Sie sind die Seele des Klubs. Ein Klub ohne Fans ist ein Klub ohne Leben. Für uns Spieler ist es ein Glücksgefühl, die Fans euphorisch und jubelnd zu sehen. Wir haben eine schwierige Zeit ohne Fans bei unseren Spielen durchgemacht, und jetzt ist es toll, sie wieder bei uns zu haben. Gott sei Dank habe ich eine unglaublich tolle Beziehung zu unseren Fans. Als ich hier ankam, fehlte mir etwas Selbstvertrauen, weil der Verein schon zwei Idole hatte: Jailson und [Fernando] Prass. Die Fans sahen damals wohl keine Notwendigkeit für einen weiteren Torhüter. Aber ich habe wirklich hart gearbeitet, um meinen Platz gekämpft und versucht zu verstehen, wie es bei dem Klub und den Fans läuft. Ich denke, die Beziehung, die ich heute zu den Fans habe, ist das Ergebnis dessen, was ich auf dem Spielfeld geleistet habe und was wir als Mannschaft gewonnen haben. Die Liebe, die sie mir entgegenbringen, ist wirklich erfreulich, weil ich weiß, wie hart ich gearbeitet habe und wie engagiert ich war. Die Palmeiras-Fans schenken mir viel Freude und Motivation.

Mit welchem Gefühl geht Palmeiras in das Finale der Copa Libertadores? Palmeiras genießt in ganz Südamerika und auf der ganzen Welt großes Ansehen. Wegen der Geschichte, wegen all der großen Spieler, die dieses Trikot getragen und geglänzt haben, wegen all der großen Titel, die der Klub gewonnen hat. Wir haben ein weiteres schönes Kapitel in der Vereinsgeschichte geschrieben. Wir haben den Brasileiro, die Staatsmeisterschaft von São Paulo und die Copa do Brasil gewonnen und stehen zum zweiten Mal in Folge im Finale der Copa Libertadores. Der brasilianische und südamerikanische Fussball ist extrem wettbewerbsintensiv. Was wir erreicht haben, beweist, dass wir eine sehr gute Mannschaft mit einer starken Mentalität haben. Jetzt wollen wir unsere Geschichte weiterschreiben und noch weitere Titel gewinnen. Wir gehen sehr zuversichtlich in das Finale.

Und was sagen Sie zu Flamengo? Wir kennen das Team gut und wir kennen alle ihre Spieler gut. Ich kenne einige von ihnen persönlich aus der Seleção. Es ist eine großartige Mannschaft voller großartiger Spieler. Viele ihrer Spieler waren in Europa und sind nun nach Brasilien zurückgekehrt, wo sie immer noch auf einem sehr hohen Niveau spielen. Wir wissen, dass wir es mit einer sehr guten Mannschaft zu tun haben, aber Flamengo ist auch eine sehr gute Mannschaft. Es ist ein Kampf zwischen zwei Giganten des brasilianischen und südamerikanischen Fussballs. Ich glaube nicht, dass man etwas anderes vorhersagen kann, als dass es ein tolles Spiel wird. Für mich gibt es keinen Favoriten.

Wenn sie einen Spieler aus dem Team von Flamengo besonders hervorheben müssten, wer wäre das? Diese Frage ist bei einem Team wie Flamengo nur schwer zu beantworten. Sie haben auf jeden Fall eine ganze Reihe sehr guter Spieler: Bruno Henrique, Arrascaeta, Everton Ribeiro, Gabigol, und auch einige der neuen Spieler. Aber wegen seiner Torgefährlichkeit würde ich mich wohl für Gabigol entscheiden.

Bei der FIFA Klub-Weltmeisterschaft im Februar verlor Palmeiras das Halbfinale gegen Tigres und das Spiel um Platz drei gegen Al Ahly. Mit welchen Gefühlen sind Sie damals aus Katar zurückgekehrt? Das war nicht das Turnier, das wir uns gewünscht oder erwartet hatten. Aber wir hatten keine Zeit, uns auf diese Klub-WM vorzubereiten oder uns an die Zeitverschiebung und das Klima des Landes anzupassen. Mannschaften haben oft 15, 20 Tage Zeit, sich zu akklimatisieren. Wir hatten eine absolut verrückte Serie von Spielen - eines alle zwei oder drei Tage. Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir am Samstag das Finale der Copa Libertadores gespielt, sind am Dienstag im Brasileiro angetreten, dann nach Katar geflogen und hatten am Sonntag unser erstes Spiel bei der Klub-Weltmeisterschaft. Es ist extrem schwierig, ans andere Ende der Welt zu reisen und sich in dieser kurzen Zeit an alles anzupassen. Aber wir haben eine Menge daraus gelernt. Manchmal sind es die Niederlagen, aus denen man am meisten lernt. Wir kamen jedenfalls mit dem festen Willen zurück, wieder an der Klub-Weltmeisterschaft teilnehmen, und jetzt haben wir vielleicht bald die Gelegenheit dazu. Ich kann Ihnen versprechen, dass es dieses Mal ganz anders sein wird als beim ersten Mal.

Palmeiras Champion Conmebol Libertadores 2020. January 30, 2021, Rio de Janeiro, Brazil: Palmeiras beats Santos 1-0 to win the Conmebol Libertadores 2020 final at Maracana Stadium in Rio de Janeiro. The 2 teams are from Brazil. Few fans are allowed to watch the game at the stadium to contain the spread of Coronavirus. Palmeiras is now two times libertadores champion. PUBLICATIONxNOTxINxUSA Copyright: xLecoxVianax

Und was sagen Sie zu Chelsea? Chelsea hat eine fantastische Mannschaft aufgebaut. Man gewinnt die UEFA Champions League nicht ohne Grund. Im Finale hat sich Chelsea gegen das ebenfalls hervorragende Team von Manchester City durchgesetzt. Chelsea hat großartige Spieler. Mein Freund Thiago Silva spielt nach wie vor auf höchstem Niveau. Lukaku ist brandgefährlich und beeindruckend, ein großartiger Stürmer. Mendy ist einer der besten Torhüter der Welt. Chelsea ist großartig besetzt und in Topform. Aber wir haben ohnehin noch ein paar Schritte zu gehen, um das Finale der FIFA Klub-Weltmeisterschaft zu erreichen. Wir wissen, dass ein Finaleinzug alles andere als selbstverständlich ist. Das haben wir selbst im vergangenen Jahr erlebt und viele andere großartige Teams bereits vor uns. Das Niveau der Teams bei der FIFA Klub-Weltmeisterschaft hat sich enorm verbessert und es wird schon im Halbfinale sehr schwer werden.

Ist es Ihr Ziel, an der WM teilzunehmen oder Brasiliens Torhüter Nummer 1 in Katar zu sein? Mein Ziel ist es, zur Weltmeisterschaft zu fahren, das Gefühl zu haben, bei einer Weltmeisterschaft zu sein, die Atmosphäre zu erleben. Ich weiß nicht, wie es sein würde, aber ich stelle es mir spektakulär, unglaublich und einzigartig vor. Noch besser wäre es zu wissen, dass ich mein Land vertrete – das würde mich mit großem Stolz erfüllen. Ob ich spiele oder nicht, hängt von Trainer Tite ab, und ich habe immer den größten Respekt vor seinen Entscheidungen. Ich werde versuchen, mich in die Mannschaft zu spielen, aber mein Hauptziel ist es, zunächst einmal zu den 23 Nominierten zu gehören. Um ehrlich zu sein, als ich jünger war, war es mein Traum, nur einmal für die Seleção zu spielen und für den Rest meines Lebens zu wissen, dass ich das Nationaltrikot getragen habe. Dann aber habe ich bei den Olympischen Spielen eine Goldmedaille gewonnen und es war unbeschreiblich. Und jetzt will ich unbedingt bei einer Weltmeisterschaft dabei sein. Das ist das Größte für jeden Spieler. Ich habe alle Weltmeisterschaften gesehen, und als Spieler bei einer dabei zu sein, wäre unglaublich, ein großer Traum.

Was sind Ihre schönsten Erinnerungen an die Weltmeisterschaft? Meine schönste Erinnerung ist das, was Taffarel 1994 gemacht hat. Das ist unvergesslich. Ich war ein kleines Kind, ich war im Haus meines Onkels, meine ganze Familie war da und hat das Elfmeterschießen [im Finale gegen Italien] gesehen. Ich erinnere mich, dass Galvao Bueno das Spiel kommentierte: 'Vai que é tua, Taffarel! Acabou! Acabou! Acabou! (Den hast du, Taffarel! Es ist vorbei. Es ist aus. Aus! Aus!) Alle sprangen auf, jubelten, hüpften und schrien auf den Straßen. Brasilien war Weltmeister! Das ist mir noch sehr lebhaft im Gedächtnis. Und dann war da noch Marcos, eines meiner größten Idole, der hervorragend spielte und Brasilien 2002 zum Weltmeistertitel verhalf. Taffarel war das Idol meiner Kindheit und Marcos war meine größte Inspiration, als ich anfing, [professionell] zu spielen. Ich hätte mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass ich einmal das Trikot von Palmeiras tragen würde, in dem Marcos so viele Siege errungen hat. Das ist eine große Ehre für mich, und ich bin sehr stolz darauf.

Welche Torhüter halten Sie aktuell für die drei besten der Welt? Ich sage das mit großem Respekt vor allen anderen, denn es gibt eine Menge großartiger Torhüter auf der Welt, aber für mich hat Brasilien die beiden besten: Alisson und Ederson. Sie spielen auf einem unglaublichen Niveau. Als dritten würde ich Jan Oblak nennen. Er ist ein großartiger Torhüter und zeigt dies Saison für Saison.