Sánchez lebt im Hier und Jetzt

15. Dez. 2015

"Ich habe lieber nicht darüber nachgedacht. Hätte ich das getan, dann wäre ich nie wieder Fussballspielen gegangen, aber dazu hat es mir zu viel Spaß gemacht."

Als kleiner Junge versuchte Carlos Sánchez abends vor dem Schlafengehen nicht daran zu denken, dass man ihn zuvor mit einem Revolver bedroht hatte, während er auf der Straße Fussball spielte. An vielen Abenden konnten er und seine vier Brüder kaum einschlafen, weil sie nichts anderes als ein Glas Pulvermilch im Bauch hatten. Als er acht Jahre alt war, hatte sein Vater die Mutter und die ganze Familie verlassen. In der Wohnung seines Onkels lebten alle in ausgesprochen beengten Verhältnissen, genau wie die anderen Familien in dem Gebäudekomplex in einem Außenbezirk von Montevideo. Das Leben dort war alles andere als einfach. Wenn er und seine Freunde in benachbarte Stadtviertel gingen, um Fussball zu spielen, wurden sie oftmals mit einer Einschüchterung in Empfang genommen, die Steinwürfe oder gar die Bedrohung mit einer Pistole beinhalten konnte.

"In diesen Situationen versuchte ich, nur daran zu denken, dass ich mit meinen Freunden Fussball spielte und damit meiner absoluten Lieblingsbeschäftigung nachging. Ich habe überall gespielt. Wenn ich an diese Zeiten zurückdenke, ist es besonders schön, heute hier sein zu können", erklärt der Uruguayer im Gespräch mit FIFA.com. Das "hier" bezieht sich auf die FIFA Klub-Weltmeisterschaft Japan 2015, an der er mit seinem Klub CA River Plate teilnimmt. Seit anderthalb Jahren gehört er zu den Leistungsträgern des argentinischen Spitzenklubs, der in Kürze gegen Sanfrecce Hiroshima in den Wettbewerb starten wird. "Ein einzigartiges Turnier, das ich sehr genieße, weil ich nicht weiß, ob ich es noch ein weiteres Mal erleben werde", meint der Mittelfeldspieler.

Besonders bemerkenswert ist, dass er nun im Trikot von River Plate mit dem klassischen roten Diagonalstreifen auf der Weltbühne steht. Damals, Ende der 90er Jahre, war Sánchez auf den Bolzplätzen der uruguayischen Hauptstadt, wo die Herzen der Fussballfans in der Regel für Peñarol und Nacional schlugen, nämlich schon immer am liebsten im Trikot von River Plate aufgelaufen. Seine Tore pflegte er im Stil von Marcelo Salas zu bejubeln, dem damaligen Star des Vereins, mit einem Knie auf dem Boden und dem Zeigefinger gen Himmel. "Ich fand das toll. Wenn wir spielten, habe ich mir immer River ausgesucht, und zwar vor allem wegen des Torjubels. Ich fand diesen Torjubel super und habe immer den von Marcelo Salas kopiert."

Er war ein so glühender Fan, dass er sogar zum Probetraining des in Montevideo ansässigen Klubs Liverpool in einem T-Shirt von River erschien. Von 300 Jungen wurden nur zwei genommen. Für Sánchez war das der Beginn einer Karriere, die fast im Alter von 18 Jahren wieder geendet hätte, als er nach einem Kreuzbandriss 24 Monate lang nicht spielen konnte. Aber es ging dann doch weiter für ihn, und heute, 13 Jahre später, ist er auf dem absoluten Höhepunkt angekommen. "Das ist wirklich verrückt. In einem T-Shirt zu einem Probetraining zu erscheinen, genommen zu werden und am Ende hier zu stehen…das ist Schicksal."

Sein aktuelles Niveau ist allerdings sicher nicht dem Zufall zuzuschreiben, sondern das Produkt harter Arbeit und des Kampfgeistes, den er sich als Kind schon angeeignet hat. Sánchez wechselte 2011 zu River, als der Klub sich an einem absoluten Tiefpunkt befand und eine Saison in der zweiten Liga spielte. Der Verein schaffte den Wiederaufstieg, doch wenige Monate nachdem Ramón Díaz das Ruder übernommen hatte, wurde der in einem Formtief festhängende Spieler an den FC Puebla in Mexiko ausgeliehen. Mitte 2014 kehrte er zurück, und Marcelo Gallardo, der kurz zuvor den Posten des Trainers übernommen hatte, erklärte ihm, dass er mit ihm plane. Dennoch fand der Mittelfeldspieler noch immer nicht zu seiner Form und musste beim Auftaktspiel auf der Bank Platz nehmen. "Ich weiß nicht, ob dir aufgefallen ist, dass ich gestern einen Stürmer auf deiner Position eingesetzt habe", meinte der Trainer am nächsten Tag, wie er selbst in dem Buch Gallardo Monumental berichtet.

"Das hat meinen Stolz verletzt. Es tat weh, in diesem Spiel nicht auf dem Platz gestanden zu haben. Das Gespräch, das ich anschließend mit ihm geführt habe, hat mir sehr geholfen. Er hat mir nicht etwa gesagt, dass ich mich am Riemen reißen müsste, denn das war nicht nötig, aber er hat mir viele Dinge verständlich gemacht, die ich wissen musste. Und ich habe dann versucht, von Tag zu Tag besser zu werden, damit er mich einsetzt." Das muss ihm gut gelungen sein, denn von da an war Sánchez im rechten Mittelfeld gesetzt. Er ergriff die Initiative, startete überraschende Vorstöße in den gegnerischen Strafraum, stieß in freie Räume vor und engagierte sich auch in der Defensive. Tore erzielte er auch noch, und zwar ganz wichtige, darunter die beiden, die River den Sieg in der Recopa Sudamericana brachten, sowie diverse Treffer in der Copa Libertadores. Im Achtelfinale des Turniers verwandelte er beispielsweise den Elfmeter, mit dem man die Boca Juniors aus dem Turnier kegelte, im Viertelfinale erzielte er in Brasilien den ersten Treffer bei der Aufholjagd gegen Cruzeiro Belo Horizonte, und im Finale zeichnete er für das zweite Tor gegen Tigres verantwortlich.

"Ich bin reifer geworden, und das hilft mir vielleicht, mein Potenzial auf dem Platz besser auszuschöpfen", meint er in dem Versuch, seine späte Leistungsexplosion zu erklären, die ihm im Alter von 31 Jahren zu einem Platz in der uruguayischen Nationalmannschaft verholfen hat, obwohl er nie in den Junioren-Nationalmannschaften zum Einsatz gekommen war. Im A-Nationalteam gab er seinen Einstand vor gerade einmal 13 Monaten.

Er wird seine Karriere in der Celeste fortsetzen, die Klub-WM markiert jedoch seinen Abschied von River. Im Januar wechselt Sánchez zum mexikanischen Spitzenklub CF Monterrey, so dass sich in Japan für ihn die letzte Gelegenheit bietet, einen Titel im rot-weißen Trikot zu gewinnen. "Wir genießen das Turnier sehr, weil wir hier die Möglichkeit haben, ein hervorragendes Jahr zu einem krönenden Abschluss zu bringen und Geschichte zu schreiben." Wie das Turnier für ihn und sein Team auch enden mag, eines ist für ihn sicher: "Es fällt mir sehr schwer, den Klub zu verlassen. Ich denke lieber gar nicht darüber nach." Das ist dieselbe Strategie, die Sánchez schon als Kind anwandte, wenn man ihn mit einer Waffe bedrohte.