Ein Wiedersehen alter Bekannter

13. Dez. 2011

Als einer noch rechter Verteidiger und der andere offensiver Mittelfeldspieler war, verbrachten Nelsinho Baptista und Muricy Ramalho viele Stunden miteinander. In den 70er Jahren teilten sie sich über einen Zeitraum von sechs Jahren bei den Trainingslagern des FC São Paulo ein Zimmer. Während dieser Zeit haben sich die beiden sicher über etliche Themen der Fussballwelt unterhalten und über ihre Zukunft spekuliert. Sicherlich hat jedoch keiner von ihnen vorausgesehen, dass unter den vielen Begegnungen, die sie bis jetzt schon hatten, auch eine so besondere wie die Partie am Mittwoch im Toyota Stadium sein würde.

Die ehemaligen Mannschaftskameraden sind inzwischen zu Erfolgstrainern des brasilianischen Fussballs avanciert, und in dieser Funktion standen sie sich auch bereits einige Male gegenüber. Allerdings stand bisher noch nie der Einzug ins Finale der FIFA Klub-Weltmeisterschaft auf dem Spiel. Eine weitere Besonderheit ist, dass einer von beiden derzeit einen brasilianischen Klub trainiert (den FC Santos) und der andere, Nelsinho, den japanischen Verein Kashiwa Reysol.

"Gerade eben habe ich gesagt: Das Leben spielt uns manchmal merkwürdige Streiche, die man erst glaubt, wenn die Dinge wirklich geschehen", so Nelsinho Baptista im Gespräch mit FIFA.com, kurz nachdem sein Team im Viertelfinale der FIFA Klub-WM 2011 Monterrey im Elfmeterschießen besiegt hatte. "Ich kann mich noch ganz genau erinnern: Ich war 20 und Muricy 18, und wir teilten uns im Trainingslager ein Zimmer. Man kann doch kaum glauben, dass dieselben Personen sich jetzt, 40 Jahre später, in dieser für beide so wichtigen Situation gegenüberstehen werden. Ich bin sehr glücklich, weil hier eine Siegesatmosphäre herrscht. Hier sind nur Mannschaften, die etwas gewonnen haben."

Ruhe im Osten

Der Weg Nelsinhos zu diesem unerwarteten Schicksalsspiel endete erst vor zehn Tagen, als er mit Kashiwa Reysol zum ersten Mal den Titel in der J.League holte und sein Image als Erfolgstrainer in Japan untermauerte. Zumindest wurde ihm selbst bewusst, welche Anerkennung er in dem Land genießt, in dem er zuvor bereits zwei andere Teams trainiert hatte: Verdy Kawasaki, mit dem er 1994 und 1995 jeweils japanischer Meister wurde, sowie Nagoya Grampus im Jahr 2005.

"Bei meinem dritten Intermezzo im japanischen Fussball wurde mir bewusst, welchen Respekt ich hier genieße. Ehrlich gesagt war mir das bei den anderen Malen gar nicht klar gewesen. Deshalb mache ich jetzt auch einen viel gelasseneren Eindruck", meint er lächelnd und bezieht sich damit auf einen Kommentar zu seiner Abgeklärtheit gleich zu Beginn des Interviews. Das ist auch kein Wunder: Schließlich war Stabilität bisher nicht gerade ein Markenzeichen in der Karriere des Trainers, der bereits für 18 brasilianische Klubs tätig war, für einige davon mehrmals. "Hier kann ich wirklich in Ruhe arbeiten. Anders als in Brasilien weiß man in Japan, dass ein Vertrag mit der Absicht abgeschlossen wird, ihn auch zu erfüllen. Und die Tatsache, dass wir seit meiner Ankunft alles gewinnen, hilft natürlich auch", scherzt der 61-jährige Trainer, der mit Reysol in seiner ersten Saison den Titel der zweiten Liga gewann, mit dem Team in die Eliteklasse aufstieg und dort direkt wieder Meister wurde.

Endgültig stellte sich bei ihm die besagte Gemütsruhe ein, als Ryohei Hayashi am Sonntag den letzten Elfmeter gegen Monterrey verwandelte und den Japanern damit zum Einzug ins Halbfinale verhalf, in dem nun der FC Santos wartet. Sein Team, das nach dem Titelgewinn in der J.League und zwei weiteren Siegen bei der Klub-WM in einem Zeitraum von weniger als zwei Wochen in den höchsten Tönen gelobt wird, geht mit viel Selbstvertrauen und ohne Druck in die Partie. "Für die Spieler war es eine fantastische Erfahrung, gegen Teams mit anderen Spielphilosophien anzutreten, gegen die sie zuvor noch nie gespielt hatten. Das motiviert uns und gibt uns Selbstvertrauen."

"Allerdings können wir auch nicht verhehlen, dass Santos favorisiert ist, denn das Team verfügt über sehr hochklassige Einzelspieler. Das war auch bei Monterrey der Fall, aber ich glaube ehrlich gesagt, dass sie unser Team in einigen Aussagen etwas unterschätzt haben. Damit habe ich meine Mannschaft motiviert", erklärt Nelsinho, der von Santos nichts Ähnliches erwartet. "Muricy kennt sich nicht nur hervorragend im Fussball aus, er fordert auch immer, den Gegner ernst zu nehmen. Sicher hat er unsere Mannschaft eingehend analysiert und wird mit seinem Team für die Herausforderung gewappnet sein." Schließlich gibt es Dinge, die sich auch nach 40 Jahren nicht ändern. "Ich kenne Muricy und seine Persönlichkeit sehr gut und glaube auf jeden Fall, dass es dieses Mal anders werden wird."