Als wäre es Jorginhos erstes Mal...

Kaum war er im Stadio del Mare in Ravenna zur ersten Trainingseinheit eingetroffen, stellte sich Jorginho neben ein Plakat mit dem Logo der FIFA Beach-Soccer-Weltmeisterschaft 2011 und bat einen seiner Teamkollegen der brasilianischen Nationalmannschaft, ein Foto von ihm zu machen. Diese Geste sowie auch die Begeisterung, mit der der Spieler sie ausübte, wären im Grunde nicht besonders bemerkenswert, wäre da nicht ein bestimmtes Detail. Wir sprechen von jemandem, der 36 Jahre alt ist, 1994 mit dem Beach Soccer anfing - als Mitspieler von Größen wie Zico, Júnior, Edinho und Cláudio Adão - und zudem drei Mal zum besten Spieler der Welt gewählt wurde.

Die Mitspieler um ihn herum scherzen und brechen in Gelächter aus. Sie sagen, er sähe aus wie ein Nachwuchstalent, das zum ersten Mal ein großes Turnier bestreitet. Aber Jorginho lässt sich davon nicht beirren. Für ihn ist das Gefühl tatsächlich so. "Die Jungs ziehen mich auf, doch ich fühle mich wirklich wie ein 19-jähriger Bursche, der davon überwältigt ist, hier dabei sein zu dürfen", erzählt der Mann mit der Rückennummer sechs der Seleção beim angeregten Gespräch mit FIFA.com. "Es ist die reine Wahrheit - ich bin wie elektrisiert", fährt er fort und verwendet dabei das erste von unzähligen Malen diesen Ausdruck, um seine Gefühlslage zu beschreiben.

Der Fernseher blieb ausEs kommt nicht von ungefähr, dass dieser Umstand bei den Mannschaftskameraden für viel Heiterkeit und Verwunderung sorgt. Es ist in der Tat äußerst widersprüchlich: Jorginho zählt zu den größten Namen in der Geschichte des Beach Soccer in Brasilien - dem Land, das seinerseits das bei weitestem erfolgreichste in der Sportart ist. Und trotzdem konnte der dritterfolgreichste Torschütze in der Geschichte der Seleção noch nie eine FIFA Beach-Soccer-Weltmeisterschaft gewinnen.

Jorginho holte acht Mal den WM-Titel bei vorangegangenen Auflagen der Beach-Soccer-WM, und wurde dabei drei Mal - 1999, 2000 und 2004 - zum besten Spieler des Turniers gewählt. Er bestritt auch die erste Auflage der FIFA Beach-Soccer-Weltmeisterschaft im Jahr 2005 - ausgerechnet die einzige, bei der Brasilien nicht den Titel erringen konnte.

2006 nahm er noch am südamerikanischen Qualifikationsturnier teil, bei dem er ein weiteres Mal als bester Spieler ausgezeichnet wurde, überwarf sich anschließend allerdings mit Verantwortlichen des Verbandes. Im Laufe der darauffolgenden Jahre sah er sich die vier WM-Triumphe Brasiliens von zu Hause aus an. Oder besser gesagt, er sah sie sich nicht an.

"Ich bin ganz ehrlich: Ich konnte bei den Spielen nicht zusehen. Ich habe aber nie gegen unser Team gehalten. Schließlich sind die meisten Spieler, die seitdem für Brasilien gespielt haben, persönliche Freunde von mir", erzählt er in ernstem Ton. "Aber das Einzige, woran ich denken konnte war: 'Mann, dort könnte ich gerade sein.' Ich konnte das nicht abschütteln."

"Papa, wann spielst Du denn?"Der große Wendepunkt für Jorginho kam beim ersten Mundialito für Klubmannschaften im April dieses Jahres in São Paulo, das er mit Vasco da Gama gewann. "Ich habe nicht nur den Titel geholt, sondern habe auch für die Mannschaft gespielt. Ich wurde immer abgestempelt als Spieler mit individuellem Talent, der nicht sehr viel lief, aber als Knipser die Spiele entschied", sagt er und macht dabei eine ernsthaft zweifelnde Miene, bevor er die Frage dann selbst beantwortet, ob er tatsächlich dieser Spielertyp gewesen sei.

"Ach... ich glaube nicht. Ich hatte immer den Torhunger und den Ehrgeiz, aber… Wer weiß? Auf dem Feld ist man sich nicht wirklich bewusst, welcher Eindruck außerhalb des Platzes entsteht. Ich weiß nur, dass alles, was geschehen ist, im Endeffekt gut war. Es hat mich dazu gebracht, gewisse Dinge zu überdenken. Heute interessiert mich der individuelle Erfolg überhaupt nicht mehr. Der einzige Titel, den ich will, ist der eine, der mir fehlt - die FIFA Weltmeisterschaft."

Durch die frustrierenden Erfahrungen ist der Mann mit der Rückennummer sechs der Seleção in jedem Fall gereift. "Ich bin 36 Jahre alt, doch ich bin in der besten körperlichen Verfassung meines Lebens. Ich ernähre mich bewusster, bereite mich gewissenhafter vor und führe ein geregeltes Privatleben. Alles dank meiner Frau Juliana", erzählt Jorginho und deutet gleich danach auf die Tätowierung auf seinem Unterarm, auf dem zu lesen steht: "Giovanna, mein Leben".

"Das kommt noch dazu. Meine Tochter kam 2004 auf die Welt, als wir die Weltmeisterschaft gewonnen haben. Und bis heute sagen ihr alle Leute 'Dein Papa hat in der Nationalmannschaft gespielt. Er war sehr gut.' Und sie sagt dann jedes Mal zu mir 'Das ist toll, aber Papa, wann spielst Du denn?' Jetzt ist sie sieben Jahre alt und kann die Dinge bereits verstehen. Und jetzt wird sie mich spielen sehen. Wieder bei der WM dabei zu sein, noch dazu mit Giovanna als Zuschauerin - ich hätte mir nicht mehr erhoffen können. Irgendwie hat sich am Ende alles zum Besten gewendet."