Van Marwijk: VAE mit Titelambitionen beim Arabien-Pokal

  • Nationaltrainer Bert van Marwijk äußert sich vor dem FIFA-Arabien-Pokal Katar 2021™

  • Der erfahrene Coach zog mit den Niederlanden ins Finale der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2010™ ein

  • Van Marwijk zur aktuellen Situation der VAE im Vorfeld des Turniers in Katar

Bert van Marwijk weiß alles über die Wunder des Turnierfussballs. Schließlich war der Niederländer bereits auf der größten Fussballbühne vertreten – und beim größten aller Spiele. Noch heute beschreibt er den Einzug ins Finale der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2010™ mit seinem Heimatland als sein "bestes Erlebnis im Fussball".

In Südafrika gab es viele Highlights für den Trainer, der im Interview mit FIFA.com lachend erklärt, das könne ein längeres Gespräch werden. Herausragend war aber sicherlich die erfolgreiche Aufholjagd im Viertelfinale gegen Brasilien. "Dieses Spiel werde ich nie vergessen, denn von der ersten Sekunde an schienen die Brasilianer doppelt so groß und doppelt so schnell zu sein wie wir. Ich weiß noch, wie ich zu meinem Assistenten Frank de Boer gesagt habe: 'Ich bin froh, wenn wir mit einem 0:1 in die Halbzeitpause gehen.'"

Dieser Wunsch erfüllte sich, und nach der Pause schien ein anderes Team auf dem Platz zu stehen, das unter der Führung von Wesley Sneijder eine furiose Aufholjagd startete. Die Erinnerungen und Lektionen sind für den Trainer noch heute sehr präsent. "Als Trainer sage ich meinen Spielern immer wieder, dass sie ganz sie selbst sein sollen. Aber das ist leichter gesagt als getan, besonders bei großen Turnieren. In der ersten Halbzeit haben wir gesehen, wie schwer das sein kann."

Bert van Marwijk.

Dennoch genießt Van Marwijk die Herausforderung, das Beste aus seinen Spielern herauszuholen, und lässt seine Erfahrungen von 2010 sowie zwei Jahrzehnten Trainertätigkeit auf höchstem Niveau in die Vorbereitung für den FIFA-Arabien-Pokal einfließen. Dort betreut er das Team der Vereinigten Arabischen Emirate, die sich nach dem jüngsten 1:0-Sieg gegen Libanon wieder Hoffnungen auf die WM-Teilnahme machen dürfen und morgen in den Arabien-Pokal starten. Laut dem 69-Jährigen nimmt das Team die Trophäe ins Visier.

FIFA.com: Sie und Ihr Team hatten in letzter Zeit mit vier wichtigen WM-Qualifikationsspielen im Oktober und November alle Hände voll zu tun. Ist der FIFA-Arabien-Pokal vor diesem Hintergrund eine willkommene Herausforderung? Bert van Marwijk: Ich glaube, er ist gut für uns, weil wir noch immer mitten im Teamaufbau sind. Auch für die teilnehmenden Spieler ist das Turnier gut, weil es in dem Land und in den Stadien stattfindet, in denen nächstes Jahr die WM ausgetragen wird. Dadurch wird es für sie zu einem sehr guten Test. Ich habe bereits letztes Jahr Turniererfahrung in Katar gesammelt [beim Golfpokal], und ich weiß, dass die Wetterbedingungen gut sein werden und der Standard der Stadien und Spielfelder sehr hoch ist. Das ist wichtig. Wir haben gerade ein Qualifikationsspiel auf einem Platz ausgetragen, auf dem es schwierig war, guten Fussball zu spielen. Dadurch ändert sich das ganze Spiel.

Auch wenn das Terrain in Libanon schwierig war, haben Sie sich einen ganz entscheidenden 1:0-Sieg gesichert. Wie wichtig war dieser Sieg, nicht nur mit Blick auf die WM-Chancen, sondern auch für die Moral vor dem Arabien-Pokal? Es war in dieser Hinsicht ein ganz besonderes Spiel. Wenn wir verloren hätten, wären unsere Chancen nur noch sehr gering gewesen. Deswegen waren alle besonders nervös – uns allen war bewusst, wie wichtig dieses Spiel war. Der Sieg hat alles verändert und allen Beteiligten Auftrieb gegeben. Zu Beginn dieser Qualifikationsphase hatten wir sehr viel Pech. In den ersten Spielen sprachen die Statistiken immer für uns, aber wir haben viele Chancen vergeben. Für mich fühlt es sich an, als hätten wir vier Punkte verloren, die eigentlich uns gebührt hätten. Deshalb war das Spiel in Libanon so wichtig. Alle haben Auftrieb bekommen, als wir das gewünschte Ergebnis erreicht haben. Die Spieler sehen, dass wir wieder eine echte Chance haben.

Spielplan der VAE beim FIFA-Arabien-Pokal

  • 30.11: VAE – Syrien

  • 03.12: Mauretanien – VAE

  • 06.12: Tunesien – VAE

Sie haben die verpassten Chancen erwähnt, die Ihr Team manchmal Punkte gekostet haben. Ist die Chancenverwertung ein Aspekt, auf den Sie sich mit ihren Spielern konzentriert haben? Meiner Meinung nach ist es nicht einfach, an diesen Dingen zu arbeiten und Verbesserungen zu erzielen. Beim Thema Tore geht es meistens um Stürmer. Ich habe mit sehr vielen Topstürmern gearbeitet und kann sagen, dass es immer Zeiten gibt, in denen ihnen einfach keine Tore gelingen. Ich habe gelernt, dass die beste Lösung darin liegt, überhaupt nicht darüber zu sprechen. Stürmer werden von ihrem Trainer nicht gern auf vergebene Chancen angesprochen! Am besten lässt man sie in Ruhe, lässt sie ihren Job im Team machen und mit der Zeit stellen sich die Tore dann wieder ein. Ich sage immer: Jedes Team braucht Instrumente, seien es nun sehr schnelle Spieler, sehr große Spieler, sehr kreative Spieler oder große Torjäger. Ich finde zwar, dass wir ein gutes Team haben, gleichzeitig wissen wir aber auch, dass wir ein Problem haben, wenn wir einige unserer wichtigsten Instrumente verlieren, und dass das Niveau des Teams dann sinkt. Das ist ganz natürlich, weil die VAE ein Land sind, in dem nur 7000 Menschen Fussball spielen. Es ist eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen.

Bert van Marwijk.

Sie arbeiten jetzt bereits seit einigen Jahren in der AFC-Region. Zuerst haben Sie Saudiarabien trainiert, dann kam Australien und jetzt sind Sie für die VAE zuständig. Wie würden Sie diese Erfahrung bewerten? Es ist bisher eine gute Erfahrung. Das Wetter kann sehr heiß sein! [Lacht] Aber die Erfahrung in der Arbeit mit den Spielern ist überall auf der Welt gleich. Ich kann nicht viele Unterschiede zu Europa feststellen. Dinge wie die Kultur und die Temperatur unterscheiden sich vielleicht, aber die Momente in der Kabine und am Spielfeldrand sind überall gleich. Und das sind die Momente, die ich am meisten genieße.

Mit welcher Motivation gehen Sie in erster Linie in den Arabien-Pokal? Geht es Ihnen eher darum, das Team weiterzuentwickeln, als um die Trophäe? Nein. Wenn du teilnimmst, willst du auch gewinnen. Das wird nicht leicht werden, denn es sind starke Teams dabei, die in der Weltrangliste höher angesiedelt sind als wir. Es ist also eine große Herausforderung. Aber ich werde mein stärkstes Team aufbieten. Auch wenn es eine große Lernerfahrung und eine gute Vorbereitung für die letzten vier [WM]-Qualifikationsspiele wird, treten wir wie immer mit dem Ziel an, jedes Spiel zu gewinnen.