Colombianitos hilft gefährdeten Jugendlichen über den Fussball

Als die Kinder der 22 staatlichen Schulen aus Bogotá mit ergebenem Blick das Spielfeld betraten, dachten sie, dass sie ein herkömmliches Turnier austragen würden. Doch es sollte ganz anders kommen. Die Organisatoren hatten eine Überraschung parat: Sie mischten die Kinder aus den unterschiedlichen Schulen, bildeten neue Mannschaften und dann wurde gespielt. Und gelernt, vor allem gelernt.

Das Turnier war eine von zahlreichen Aktivitäten, die die Stiftung Fundación Colombianitos im Rahmen ihres Programms "Tore für ein besseres Leben" organisiert. Der Fussball dient hier als pädagogisches Instrument zur Förderung der sozialen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in Kolumbien.

Zugute kommt das Projekt vor allem jungen Menschen aus sozialen Brennpunktgebieten, in denen Gewaltexzesse, Alkohol- und Drogensucht zum Lebensalltag gehören.

"Der Fussball ist ein sehr wirkungsvolles Instrument", so Marcela Chaves, operative Leiterin von Colombianitos.

"Die Gefährdungssituationen, denen sie ausgesetzt sind, erzeugen eine große Anspannung. Sie tragen Verantwortung, die sie noch nicht tragen sollten. Beim Fussball können sie eine echte Leidenschaft ausleben und sehen, dass sie selbst einen Beitrag zur Verbesserung ihrer Situation leisten können."

Im Rahmen des Turniers in Bogotá haben sie zum Beispiel über das Festlegen von Regeln, die Zusammenstellung der Teams und die Verteilung auf die unterschiedlichen Positionen gelernt, einander offen zu begegnen und zu verhandeln, und zwar in einem harmonischen Umfeld ohne Kämpfe und Streitigkeiten.

"Wir haben begonnen, uns im Bildungsumfeld zu engagieren, weil es dringenden Bedarf an der Verbesserung des Miteinanders an den Schulen gibt", erklärt Chaves. "Über den Fussball regen die Lehrer zum Nachdenken an. Sie bekämpfen heftige und gewalttätige Reaktionen und fördern das friedliche Miteinander."

Führungspersönlichkeiten ausbilden mithilfe der FIFA Foundation

Die Stiftung ist in 17 Gemeinden Kolumbiens vertreten, und zwar in sozialen Brennpunkten im städtischen und im ländlichen Raum. Über 25.000 Kinder und Jugendliche haben im Jahr 2018 von den Aktionen profitiert. Eine davon ist das Projekt "Junge Change Agents", das von der FIFA Foundation unterstützt wird.

Aus jedem Ort, in dem die Organisation vertreten ist, werden 7 bis 15 Kinder ausgewählt. Sie müssen über gute Führungseigenschaften verfügen, die dann über "Football3", die Methode der FIFA, gestärkt werden.

"Die Spiele haben gewissermaßen drei Halbzeiten", so Chaves. "Zunächst einmal wird besprochen, woran wir arbeiten werden. Dann kommt das Spiel selbst. Und im Anschluss an das Spiel folgt eine weitere Diskussionsphase, in der der pädagogische Aspekt zum Tragen kommt. Dort lernen die Kinder, Veränderungen anzustoßen."

Die neuen Führungspersönlichkeiten, die bei der Schaffung eigener Lebensprojekte unterstützt werden und Universitätsstipendien erhalten, haben auch Verpflichtungen.

"Vor allem sollen sie Vorbilder für andere junge Menschen sein", betont Chaves. "Sie sollen den Sport als Instrument nutzen, um die Sozialkompetenz in ihrem Lebensumfeld zu fördern."

In den Schulen bringen die Lehrer diese Führungspersönlichkeiten in Kontakt mit anderen Kindern, die einen positiven Einfluss auf ihre Mitschüler haben. Sie alle kommen mit den problematischsten Kindern zu einem gemeinsamen Training zusammen. Eine externe Bewertung hat ergeben, dass diejenigen, die am Programm teilgenommen haben von allen bewerteten Kindern die größten Fortschritte gemacht haben.

Vom Guerillakampf zur Bildung durch Fussball

Juan Carlos Castro gehört zu denjenigen, die über das Progamm zu Führungspersönlichkeiten ausgebildet wurden. Er gehörte früher den Milizen der Autodefensas Unidas de Colombia an, einer Gruppe, die eine zentrale Rolle in dem bewaffneten Konflikt gespielt hat, der Kolumbien über ein halbes Jahrhundert lang erschütterte.

Zunächst nahm er im Rahmen der 80 Sozialstunden, die er nach Niederlegung der Waffen ableisten musste, an Workshops teil. Er fühlte sich den Kindern verbunden, mit denen er dort in Kontakt kam, und beschloss ihnen dabei zu helfen, dem Einfluss von Banden und Drogen zu entkommen.

"Er hilft uns sehr mit Diskussionsveranstaltungen an den Schulen, in denen er von seinen Erfahrungen berichtet", so Chaves. "Puerto Tejada ist eine Gemeinde mit einem sehr hohen Gewaltpotenzial in der Nähe von Cali. Pro Woche sterben dort ein bis zwei Jugendliche. Seine Hilfe ist in diesem Umfeld ganz entscheidend."

Die in Puerto Tejada erscheinende Tageszeitung La Última berichtete über eine seiner Diskussionsveranstaltungen: "Als Berufssoldat und Angehöriger der Milizen habe ich mir Gefechte mit der Guerilla geliefert. Wir waren Todfeinde. Doch jetzt habe ich über die Fussball-, Friedens- und Versöhnungsprogramme Menschen kennengelernt, die früher Guerillakämpfer waren, und wir haben uns angefreundet. Das macht deutlich, dass der Fussball die Menschen miteinander versöhnt."