Miguel Nebel – Kapitän der ersten Sternstunde Uruguays

Jeder, der schon einmal die Kapitänsbinde der uruguayischen Nationalmannschaft getragen hat, hat etwas von einem Miguel Nebel. Das gilt insbesondere für diejenigen, die bei großen Sternstunden zu Helden avanciert sind, wie José Nasazzi, der 1930 die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ gewann, und Obdulio Varela, die Symbolfigur des Maracanazo im Jahre 1950.

Dies liegt einerseits darin begründet, dass Nebel im ersten Länderspiel der Geschichte der uruguayischen Nationalmannschaft als Kapitän fungierte, nämlich beim Duell gegen Argentinien am 20. Juli 1902, das mit einem bitteren 0:6 endete.

Andererseits aber auch darin, dass er diese Rolle bei der ersten Sternstunde Uruguays erneut übernahm: beim ersten Sieg, der entgegen aller Voraussagen bei der Revanche gegen die Argentinier in Buenos Aires zustande kam. Nicht umsonst gilt der 13. September 1903 bei einigen als Ursprung des berühmten uruguayischen Kampfgeistes, der Garra Charrúa.

Dieser Erfolg zu einer Zeit, in der das Team noch nicht einmal die aktuellen himmelblauen Trikots trug, markierte einen Wendepunkt für den uruguayischen Fussball, aber auch für das Leben von Nebel.

VorherObwohl es keine zuverlässigen Angaben zu seinem Geburtsort oder -datum gibt, zweifelt niemand an seiner Nationalität: Miguelón war durch und durch Uruguayer. Während seiner Studentenzeit überzeugte er als Mittelfeldspieler des FC Albion, dem ersten Fussballverein des Landes, der zu Beginn nur Criollos aufnahm.

Nebel traf dort noch mit dem Vereinsgründer Henry Candid Lichtenberger zusammen, der trotz seines ausländisch anmutenden Namens ebenfalls Uruguayer war. Lichtenberger war ein Schüler des Engländers William Leslie Poole, dem "Vater" des uruguayischen Fussballs, und um diesen in den Klub aufzunehmen, änderte er später die Statuten Albions.

Das Ziel war es, gegen den großen Rivalen CURCC (Central Uruguay Railway Cricket Club) anzutreten, das "Team der Engländer von der Eisenbahngesellschaft", das in dieser Geschichte eine Schlüsselrolle spielt. Spätere Entscheidungen und wenig Spielpraxis führten dazu, dass Nebel und andere Spieler Albion Ende 1898 den Rücken kehrten.

Genau wie andere Studenten wünschte er sich die Schaffung eines Fussballklubs, der fern von englischen Einflüssen war. Infolgedessen wurde am 14. Mai 1899 der Club Nacional de Fútbol aus der Taufe gehoben und mit ihm ein weiteres Schlüsselelement der Sternstunde von 1903.

Nebel war fortschrittlich und ein Visionär, und so kam ihm bald eine bedeutendere Rolle zu. Im Jahre 1900 fusionierte der Klub Defensa mit Nacional, Nebel wurde zum Vizepräsidenten ernannt und spielte eine Schlüsselrolle bei der Erlangung des Geländes des Gran Parque Central, wo sich noch heute die Spielstätte des Vereins befindet.

Im selben Jahr verweigerten die Klubs mit ausländischem Ursprung Nacional zunächst die Aufnahme in die neu gegründete und auf Betreiben Lichtenbergers ins Leben gerufene The Uruguay Association Football League, weil man den Klub noch nicht für konkurrenzfähig hielt. Die Aufnahme erfolgte dann 1901.

"Nebel war einer der ersten beiden Delegierten des Klubs in der Liga und gehörte zu denjenigen, die sich vehement dafür einsetzten, dass bei den Zusammenkünften Spanisch gesprochen wurde, die offizielle Landessprache Uruguays. Dagegen hatten die Engländer natürlich etwas einzuwenden", erklärt Juan José Melos vom Ausschuss für Geschichte und Statistik des Club Nacional.

Im Jahre 1902 fungierte er als Kapitän und Trainer des Teams, dass damals unbesiegt seinen ersten Titel gewann. Er kümmerte sich jedoch auch um andere Details. Beispielsweise schlug er vor, die roten Hemden mit blauem Kragen durch weiße Trikots zu ersetzen, die anderen beiden Farben jedoch in die Gestaltung aufzunehmen. Zu diesem Zweck wurde eine Brusttasche mit dem Wappen der Tricolore hinzugefügt. Daher rührt auch der Spitzname Bolsilludos (abgeleitet vom spanischen Begriff "Bolsillo" für Tasche) der genau wie die Vereinsfarben bis zum heutigen Tag Bestand hat.

Das Spiel und seine Folgen Eine Tour durch Argentinien war der Auslöser dafür, dass Las Leagues schließlich die historische Partie von 1902 ansetzten. Uruguay wurde von Spielern der Klubs Nacional und Albion repräsentiert, während CURCC dem Ganzen eine Absage erteilte. Nebel fungierte als Kapitän des Teams, in das große Erwartungen gesetzt wurden, das dann jedoch mit 0:6 unterging. "Das war kein Kantersieg, es war eine Lektion", beschrieb es ein Chronist.

Die Revanche sollte im September 1903 folgen. Drei Wochen zuvor bestimmte die Liga acht Akteure von Nacional und drei von CURCC für die Startelf – allesamt Protagonisten des Turniers. Die Verantwortlichen von CURCC befanden dies als ungerecht und verweigerten die Teilnahme der Spieler des Klubs.

"Wenige Tage vor dem unvergesslichen Triumph sagte ich zu meinen Kameraden aus der ersten Fussballliga, wenn sie sich dafür einsetzten, dass Nacional allein gegen die argentinische Auswahl antreten könne, würde ich mich als Mannschaftskapitän dafür verbürgen, dass wir die Partie gewinnen", schrieb Nebel 1949 in New York im Rückblick auf diese Sternstunde des uruguayischen Fussballs.

Doch nicht alle hatten so viel Vertrauen in das Team wie er. Und so traf die Delegation Uruguays, die sich ausschließlich aus Spielern von Nacional zusammensetzte, am 12. September eher pessimistisch gestimmt in Buenos Aires ein. "Wir wussten, dass wir nicht gewinnen konnten, und haben die Reise lediglich angetreten, weil wir eine Verpflichtung eingegangen waren", so der Funktionär Eusebio Céspedes.

Doch dann setzte sich die uruguayische Auswahl, die in blauen Trikots mit einem weißen Diagonalstreifen und dem Wappen Uruguays antrat, vor den verblüfften Augen der 8.000 Zuschauer mit 3:2 durch. Die Treffer erzielten Carlos Céspedes (zwei) sowie sein Bruder Bolívar, beides Söhne Eusebios. "Die Mitglieder des uruguayischen Teams haben sich heldenhaft verhalten", hieß es im Glückwunschtelegramm des argentinischen Verbands.

Dies war das letzte Spiel Nebels für Uruguay. Miguelón blieb Nacional weiter verbunden, auch nach dem Bürgerkrieg, in dem er die Regierungsseite unterstützte, weshalb er 1904 nicht am Finale der uruguayischen Meisterschaft gegen CURCC teilnehmen konnte. 1908 kehrte er dann zu Albion zurück und versuchte den Klub vergeblich wieder in die Erfolgsspur zu bringen.

Nebel war ein kultivierter und umtriebiger Mensch und emigrierte bereits in jungen Jahren nach New York und später nach Barcelona, wo er schließlich im Alter von über 100 Jahren verstarb. Den Kontakt zu Nacional ließ er Zeit seines Lebens nicht abreißen und seine Geschichte wird immer mit jener Sternstunde von 1903 verknüpft bleiben: der ersten Sternstunde Uruguays.