Martinez: Psychische Gesundheit ist ein Thema, das uns alle betrifft

29. Sept. 2021
  • Roberto Martinez ist Nationaltrainer des Weltranglistenersten Belgien

  • Ihm ist sehr bewusst, dass mentale Probleme auch Elitefussballer treffen können

  • Der Spanier spricht über die Schaffung eines unterstützenden Umfelds und fordert Betroffene auf, die Hand auszustrecken

Roberto Martinez trainiert Spieler, die auf den ersten Blick alles zu haben scheinen. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt mit Fussball, spielen für die beste Nationalmannschaft der Welt und genießen Ruhm, Reichtum und Bewunderung durch die Teilnahme an den größten Wettbewerben im Fussball. Doch die frühere Annahme, dass diese Eigenschaften die Menschen gegen psychische Krisen schützen, ja sogar immun machen, ist längst widerlegt. Wenn Teresa,Enke Depressionen als eine Krankheit beschreibt, die "jeden treffen kann", dann spricht sie aus der erschütternden Erfahrung des Kampfes und schließlich des Selbstmordes ihres Mannes und Nationaltorhüters Robert Enke.

Martinez, der sich an der FIFA-Kampagne #ReachOut für psychische Gesundheit beteiligt, spielte in einer Zeit, in der es 'nicht als richtig angesehen wurde, seine Meinung zu sagen und Schwächen zu zeigen'. "Damals herrschte das Gefühl, dass wir alle Superhelden sein sollten."

Glücklicherweise ändert sich diese Auffassung langsam, und Martinez vertritt die Ansicht, dass das Bewusstsein und die Empathie für psychische Erkrankungen im Fussball und in allen anderen Bereichen ständig zunehmen. Er sagt zu diesem Thema: "Es ist ein guter Moment, um zu verstehen, dass hinter dem Fussballer, hinter dem Geschäftsmann, hinter dem Arbeiter ein menschliches Wesen steht. Und dieser Mensch hat die gleichen Probleme wie jeder andere Mensch auch. Wer auch immer du bist, es wird schwieriger, wenn du verheimlichst, dass etwas nicht in Ordnung ist. Es ist fast ein Schneeballeffekt, und das Problem wird dadurch nur noch größer. Das wirkt sich nicht nur auf die eigene Leistung aus, die man wahrscheinlich als Erstes sieht, sondern vor allem auf das Glück von sich selbst und den Menschen, die man liebt. Ich glaube, dass psychische Gesundheit ein Thema ist, mit dem wir alle konfrontiert sind. Wir alle müssen uns dessen bewusst sein und mutig genug sein, es anzusprechen und Hilfe zu suchen, damit wir in der Lage sind, unter Druck zu arbeiten und trotzdem Spaß an unserer Arbeit zu haben."

IMAGO / Belga

Belgium s Kevin De Bruyne and Belgium s head coach Roberto Martinez pictured at the start of a training session of Belgian national soccer team the Red Devils in Sochi, Russia, Saturday 16 June 2018. The team is preparing for their first game at the FIFA World Cup WM Weltmeisterschaft Fussball 2018 next Monday.

Martinez weiß auch, dass sein Job in dieser Hinsicht ein heikles Gleichgewicht erfordert. Er arbeitet dafür, sein Team zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ im kommenden Jahr zu führen, wo Belgien schon jetzt zu den Mitfavoriten auf die Trophäe gerechnet wird, die für Spieler wie Kevin de Bruyne, Eden Hazard und Romelu Lukaku der größte Erfolg ihrer Karriere wäre. Bei derart hohen Anforderungen und Erwartungen und so intensiver Beobachtung durch die Medien und die Öffentlichkeit ist es ein zentrales Anliegen, die emotionale und psychologische Belastung seiner Spieler in den Griff zu bekommen. "Es ist ein schmaler Grat, wenn man in der Lage ist, unter großem Druck gute Leistungen zu erbringen und diese Herausforderung zu genießen, weil wir das unser ganzes Leben lang getan haben. Aber man muss sich auch bewusst sein, dass es Menschen gibt, bei denen sich aus diesem Druck eine Einstellung entwickelt, die nicht natürlich und nicht gesund ist", sagte er. "Das bedeutet, dass sie nicht ihr Bestes geben können, aber, was noch wichtiger ist, dass sie innerlich wirklich leiden. Als Sportinstitutionen sind wir dafür verantwortlich, ein Umfeld zu schaffen, in dem jeder Spieler, jeder Mitarbeiter, jeder, der mit dem Sport zu tun hat, sich frei und unterstützt fühlen kann, um zu sagen, wenn es ihm nicht gut geht. Genauso wie wir einen Arzt aufsuchen würden, wenn wir uns ein Bein gebrochen haben, sollten wir Hilfe suchen, wenn wir uns mental nicht wohl fühlen. Man kann nicht genießen, was man tut, wenn man mental nicht in der richtigen Verfassung ist. Man braucht dann professionelle Hilfe. Und als Institutionen wollen wir einen sicheren Ort schaffen, an dem jeder über seine Erfahrungen sprechen kann und mit dem, was er tut, glücklich wird."

Auch Martinez weiß nur zu gut, dass nicht nur Spieler, die unter Druck stehen, im gleißenden Rampenlicht stehen können. Schließlich übernahm er selbst das Team des FC Everton, kurz nachdem sich der walisische Trainer Gary Speed, ein Kollege und eine Vereinslegende, das Leben genommen hatte. Damals sprach er auch über die Erschütterung, die er empfand. Dieses und andere Beispiele erinnern ihn immer wieder daran, dass Trainer sich zwar um ihre Spieler kümmern müssen, aber auch um sich selbst. "Der Trainer ist eher ein Einzelkämpfer, und manchmal ist es durchaus eine einsame Position", räumte er ein. "Umso wichtiger ist es, dass man Menschen hat, mit denen man reden, sich öffnen und mitteilen kann, wie man sich fühlt. Eines ist jedenfalls ganz klar: Man muss in der Lage sein, abzuschalten, und die beste Art, in jedem Beruf abzuschalten, ist, Zeit mit den Menschen zu verbringen, die man liebt. Und dies gilt für jeden Lebensbereich und für jeden Beruf. Es ist wichtig, ein Gleichgewicht zwischen Beruf und Familie zu finden und mit dem, was man tut, zufrieden zu sein."

Befrienders Worldwide Befrienders Worldwide bietet weltweit Hilfe und Unterstützung für Menschen, die sich in einer emotionalen Notlage befinden oder Selbstmordgedanken verspüren. Besuchen Sie https://www.befrienders.org/ und https://www.befrienders.org/other-helpline-organisations, um Hilfsangebote in Ihrem Land zu finden. Bitte beachten Sie, dass sich die FIFA bemüht, die Richtigkeit der Informationen zu gewährleisten, aber nicht für den Inhalt externer Websites verantwortlich ist. Wenn Sie sich in unmittelbarer Gefahr befinden, wenden Sie sich bitte an Ihre örtlichen Notdienste.

Eden Hazard of Belgium and Roberto Martinez, Head Coach of Belgium interact during the UEFA Euro 2020 Championship Group B match between Belgium and Russia on June 12, 2021 in Saint Petersburg, Russia. (Photo by Joosep Martinson - UEFA/UEFA via Getty Images)