Ma: Das erste Tor bei einer Frauen-WM zu schießen, war etwas ganz Besonderes

16. Nov. 2021
  • Ma Li erzielte das erste Tor in der Geschichte der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™

  • Sie traf bei der WM 1991 gegen den späteren Finalisten Norwegen

  • Ma blickt zurück auf dieses historische Turnier, ihre Rivalität mit Michelle Akers und mehr

Das Tor von Rose Lavelle beim 2:0-Sieg gegen die Niederlande im Finale der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Frankreich 2019™ war der 917. Treffer in der Turniergeschichte seit der ersten Auflage 1991 in der VR China. Unter all diesen Toren, die in insgesamt 284 Spielen bei acht Austragungen erzielt wurden, bleibt eines allerdings einzigartig - das Tor der ehemaligen Verteidigerin Ma Li aus der VR China im Eröffnungsspiel zwischen den Gastgeberinnen und Norwegen bei der FIFA Frauen-WM 1991.

Es war der 16. November 1991 und das Tianhe-Stadion in Guangzhou war der Austragungsort. Die Gastgeberinnen standen den Norwegerinnen in einer historischen Begegnung gegenüber - dem Eröffnungsspiel der ersten FIFA Frauen-Weltmeisterschaft überhaupt.

Auf heimischem Boden und angefeuert von den heimischen Fans waren die Chinesinnen von Beginn an das beherrschende Team. Und es dauerte nur 22 Minuten, bis sie das erste Tor des Turniers erzielten. Ma Li setzte sich zwischen mehreren Verteidigerinnen durch und köpfte den Ball ins Tor. Der Führungstreffer versetzte das Heimpublikum in Begeisterung und leitete einen denkwürdigen 4:0-Sieg der Chinesinnen ein. Inzwischen ist mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen, doch die Torschützin erinnert sich noch lebhaft an diese Partie. "Natürlich bin ich sehr stolz darauf, dass ich das erste Tor bei einer Frauen-Weltmeisterschaft erzielt habe", sagte Ma gegenüber FIFA.com. "Aber als ich das Tor erzielte, war ich mir dessen gar nicht bewusst. Wir waren im Eröffnungsspiel sehr angespannt, und ich war völlig auf mein Spiel konzentriert. Es war ein Freistoß von der rechten Seite. Der Freistoß von Wu Weiying kam sehr schnell herein Ich musste nur noch springen und einköpfen - fast mühelos. Doch auch nach dem Führungstreffer war ich immer noch angespannt. Ich hatte keine Zeit zum ausgiebigen Jubeln. Ich konnte nicht einmal den Applaus der Fans hören. Ich habe nur an eines gedacht: Die Gegner würden hart zurückschlagen, weil sie unbedingt den Ausgleich erzielen wollten. Ich musste also auch weiterhin mein Bestes geben, um unsere Abwehrreihe zusammenzuhalten." Während ihrer gesamten Spielerkarriere galt Ma als besonders kopfballstark und es ist verständlich, dass sie den Kopfballtoren bei FIFA Frauen-Weltmeisterschaften besondere Aufmerksamkeit schenkt. "Mein Lieblingstor war der Siegtreffer von Alex Morgan gegen England [beim 2:1-Halbfinalsieg] bei der WM 2019 in Frankreich", sagte sie. "Das war ein absolut spektakulärer Kopfball."

Eine ehemalige Basketballerin

Heute könnte man meinen, dass bei diesem historischen Treffer auch ein bisschen Glück im Spiel war. Für Ma war es jedoch eine Folge intensiven Trainings und starker technischer Fähigkeiten. "Für uns war das Tor der Lohn für viel harte Arbeit", erklärt sie. "Unser Trainer Shang Ruihua gab den drei größten Spielerinnen im Team - Niu Lijie, Zhou Yang und mir - eine zusätzliche Aufgabe. Nach dem Training hieß es für uns oft, noch etwas zu bleiben und Sprung- und Kopfballtraining zu machen. Meine Aufgabe war es meist, die Torhüterin aus der Nähe unter Druck zu setzen, während die beiden anderen Abpraller und andere Bälle nutzen sollten. Wir deckten mit dieser Taktik und Aufgabenteilung bei Standardsituationen den gesamten Strafraum ab." Was Ma allerdings nicht erwähnt, ist ihre außergewöhnliche Sprungstärke, die sie sich als ehemalige Basketballerin angeeignet hatte. Sie hatte mit ihrem Team an der Mittelschule fast alle lokalen Basketballwettbewerbe gewonnen, bevor sie zum Fussball überredet wurde. Und obwohl sie erst spät mit dem Fussball begann, machte sie schnell Fortschritte und fühlte sich in ihrer Rolle als Verteidigerin wohl.

"Ich war groß (1,71 Meter) und konnte gut springen, also dachten meine Trainer, dass die Verteidigung zu mir passt. Es dauerte nicht lange, bis ich mich an das neue Spiel gewöhnt hatte. Wenn ich sprang, um einen Ball ins Netz zu köpfen, fühlte ich mich ganz ähnlich, als würde ich springen und auf den Korb werfen", fügte sie mit einem Lächeln hinzu.

Ma Li (Left 3 at the back row) and teammates pose for a team photo ahead of the 1991 FIFA Women's World Cup China PR

Rivalität mit Michelle Akers

Beflügelt vom Auftaktsieg erreichte das Team der VR China in den weiteren Gruppenspielen ein 2:2-Unentschieden gegen Dänemark und einen 4:1-Sieg gegen Neuseeland und kam damit weiter. Eine unerwartete 0:1-Niederlage gegen Schweden im Viertelfinale bedeutete jedoch das jähe Aus für die Gastgeberinnen. Der Schmerz darüber ist bei Ma noch immer deutlich zu spüren. "Wir waren als einer der Favoriten ins Turnier gestartet, und es hat uns das Herz gebrochen, dass die Weltmeisterschaft für uns auf diese Weise zu Ende ging. Wir waren sehr traurig und haben viel geweint. Die Erinnerung daran ist selbst heute noch schmerzhaft. Der Schmerz über diese Niederlage ist noch größer als der über eine gescheiterte Liebe. Trotzdem ist die erste Frauen-Weltmeisterschaft eine schöne Erinnerung, die ich auf keinen Fall missen möchte. Ich vermisse meine Teamkameradinnen und den Trainerstab. Es war eine unvergessliche Zeit, die wir gemeinsam in der Vorbereitung auf das Turnier verbracht haben." Nach dem Ausscheiden mussten Ma und ihre Teamkameradinnen von der Tribüne aus zusehen, wie Norwegen, das sie im Auftaktspiel besiegt hatten, weiterkam und im Finale auf die USA traf. Ma ist der Meinung, dass das chinesische Team es damals durchaus hätte bis ins Finale schaffen können. Auch der Endspielsieg und damit der Titelgewinn wären möglich gewesen. "Wir meinten, dass die Amerikanerinnen wohl das einzige Team waren, das uns bei diesem Turnier ebenbürtig war", sagte Ma. "Und wir hatten keine Angst vor ihnen. Wir hatten im Vorfeld eine Reihe von Freundschaftsspielen gegen die USA bestritten und gezeigt, dass wir mit ihnen mithalten konnten." Ma entwickelte eine sportliche Rivalität mit Michelle Akers, der Spielführerin und Starstürmerin der USA, die beim 2:1-Sieg im Finale gegen Norwegen zwei Treffer erzielte und damit den begehrten Titel holte. "In den Freundschaftsspielen war es meine Aufgabe, Akers zu stören", so Ma über die FIFA-Spielerin des Jahrhunderts. "Sie war eine starke, harte Gegnerin. Nach jedem Aufeinandertreffen hatte ich blaue Flecken und ich denke, bei ihr wird es genauso gewesen sein. Ich glaube, sie hatte durchaus ein bisschen Angst vor mir (lacht). Wer weiß also, was passiert wäre, wenn unsere beiden Teams im Finale aufeinander getroffen wären." Heute ist Ma eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die in Brasilien lebt, und engagiert sich in ihrer Wahlheimat als Trainerin im Grassroots-Bereich. "Unser Ziel ist es, kostenloses Training für einheimische Jugendliche anzubieten und Jugendtrainer auszubilden", sagt sie. "Und in Zukunft werden wir den Fussball-Austausch zwischen China und Brasilien fördern.'

Der Fussball ist wirklich ein fester Bestandteil meines Lebens geworden. Obwohl ich mich schon vor langer Zeit vom aktiven Fussball zurückgezogen habe, träume ich immer noch davon, zu spielen. Ich hoffe, dass ich zur nächsten Frauen-Weltmeisterschaft [2023 in Australien und Neuseeland] reisen kann, um das chinesische Team zu unterstützen. Ich werde meine Tochter dorthin mitnehmen und wir werden unsere Mannschaft anfeuern, so wie wir 1991 von den Fans angefeuert wurden."

Ma Li before a training session