Paquetá: "Ich habe viel von Iniesta und Xavi gelernt"

16. Nov. 2021
  • Lucas Paquetá erzielte das Tor, mit dem Brasilien das WM-Ticket löste

  • Paquetá beleuchtet seine Entwicklung zum Leistungsträger seines Nationalteams

  • Der 24-Jährige über Neymar und die WM

Man muss lange suchen, um einen so entspannten Ort zu finden wie die Insel Paquetá – ein zauberhaftes Paradies, das schon zahlreiche Schriftsteller, Dichter, Maler und Filmemacher inspiriert hat. Wenn die Straßen aus festgestampfter Erde bestehen, dann gibt es auch keine Autos oder Motorräder – selbst der Taxidienst wird mit Fahrrädern oder Pferdekutschen durchgeführt. Sonst gibt es auf der Insel nur wenige Gebäude und die Praia da Moreninha, einen verführerischen Strand mit himmlischer Aussicht.

Mirão hätte sich in die Sonne legen und seinen wohl verdienten Ruhestand genießen sollen. Stattdessen stand der Mittsiebziger zu nachtschlafender Zeit auf, um seine beiden Enkelkinder zu begleiten und ein Boot zu erwischen, das die Guanabara-Bucht in Richtung Rio de Janeiro überquert. Die Überfahrt dauerte 40 bis 90 Minuten. Weiter ging es mit mehreren Bussen, um Matheus in einem Stadtteil Rio de Janeiros zum Fussballtraining zu bringen und Lucas in einem anderen. Danach ging es um Mitternacht mit dem letzten Boot zurück auf die Insel. Sie kamen erst nach 1.00 Uhr morgens zu Hause an, und am nächsten Tagen lief alles genauso ab. Für Mirão gab es keinen Zweifel daran, dass sich diese Anstrengung lohnte, denn eines Tages würden die beiden Jungs Fussballprofis sein. Das erzählte er den 3.500 Einwohnern der Insel Paquetá immer wieder stolz. Leider erlebte er es nicht mehr, denn Mirão verstarb kurz bevor den beiden tatsächlich der Sprung in den Profifussball gelang. Der ältere der beiden Jungen kann auf Engagements in Brasilien und Italien zurückblicken, der jüngere begeistert die Fans von Olympique Lyon und der Seleção. Lucas Paquetá hat sich zu Ehren von Mirão einen Stern mit einem M auf sein Bein tätowieren lassen. Er will unbedingt einen Beitrag dazu leisten, dass das Trikot seines Nationalteams bald ein sechster Stern ziert. Am Donnerstag erzielte er nun das Tor, mit dem Brasilien sich für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Katar 2022™ qualifizierte. Mit der FIFA spricht er über seine Kindheit, seine Vorbilder Xavi und Andrés Iniesta, seine Entwicklung zu dem offensiven Mittelfeldspieler, den Tite so dringend brauchte, und darüber wie es ist, an der Seite von Neymar zu spielen.

Wie war es, auf der Insel Paquetá aufzuwachsen? Die Leute haben immer gesagt, ich war irgendwie ein bisschen wie Tarzan! Keine Schuhe, kein T-Shirt. Es war immer sonnig, das Wetter war wirklich schön. Paquetá war ein Ort, an dem andere Urlaub machten, und ich war dort zu Hause. Es war wirklich toll, dort mit meinen Freunden aufzuwachsen. Es war etwas ganz Besonderes für mich. Die Insel ist nicht nur in meinem Namen, ich trage sie auch immer im Herzen. Wie sind Sie zu den Trainingseinheiten bei Flamengo gekommen? Wir waren praktisch den ganzen Tag unterwegs. Ich trainierte abends im Gávea-Stadion, mein Bruder nachmittags im Ninho. Mein Großvater war der Einzige, der uns bringen konnte. Wir mussten also um 9 Uhr morgens von zu Hause aufbrechen und das Boot nehmen. Wir sahen meinem Bruder beim Training zu. Dann sind die beiden mitgekommen und haben mir beim Training zugeschaut. Um Mitternacht sind wir dann mit dem letzten Boot zurück nach Hause gefahren. Es war wirklich anstrengend, aber gleichzeitig hat es auch wirklich Spaß gemacht, diesem Traum nachzujagen. Mein Großvater war ein Fels in der Brandung. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, uns als Profis spielen zu sehen. Leider hat er das nicht mehr gesehen, weil er vorher verstorben ist, aber wir waren schon an der Schwelle zum Profifussball, als er von uns gegangen ist. Ich glaube, er wäre jetzt stolz.

Sie sind inzwischen 1,80 m groß, aber mit 15 waren sie gerade einmal 1,53 m. Kam bei Ihnen die Sorge auf, dass sie wegen zu geringer Körpergröße als Fussballer scheitern könnten? Es war wirklich schwer für mich. Ich habe sehr darunter gelitten. Selbst bei den Spielen fühlte ich mich aufgrund der Körpergröße unterlegen. Das hat mich am meisten verletzt, nicht das, was andere darüber sagten. Ich habe auf dem Heimweg oft geweint. Aber ich hatte die Unterstützung meines Großvaters, meiner Mama, meines Papas. Das war für mich entscheidend, um weiter an meine Träume glauben zu können. In meinem Herzen wusste ich immer, dass ich es schaffen würde, weil ich immer mit so viel Einsatz dabei war und sicher war, dass ich nicht aufgeben würde. Das war also wirklich eine schwere Zeit, aber zum Glück habe ich sie überstanden und es hat alles geklappt. Sie standen auf Tites vorläufiger Kaderliste für die WM 2018 in Russland. War es schwer, so nah an der WM-Teilnahme dran zu sein und dann doch zu Hause bleiben zu müssen? Nein. Um ehrlich zu sein, war es ein Privileg für mich, unter den 30 Spielern zu sein. Das war ein Triumph, weil ich noch sehr jung war. Mir war bei Flamengo gerade erst der Durchbruch gelungen. Was war es für ein Gefühl, das Tor zu erzielen, mit dem Brasilien das WM-Ticket gelöst hat? Es ist immer sehr bewegend, im Trikot der Seleção ein Tor zu schießen. Dieses Tor war eine besonders emotionale Angelegenheit, wegen all meiner Erlebnisse mit der Seleção. Ich hoffe, dass ich in diesem Trikot weiterhin Bestleistungen bringen kann.

Wie sehr haben sie sich eine WM-Teilnahme erträumt? Das ist mein größter Traum. Schon als Kind habe ich die WM immer verfolgt, das Team immer angefeuert. Ich glaube, jeder Spieler träumt davon, bei einer WM zu spielen. Ich bin da keine Ausnahme. Ich hoffe, dass ich mir diesen Traum erfüllen kann. Eine Zeit lang beklagten sich die Kritiker darüber, dass Brasilien keinen Mittelfeldspieler hatte, der Chancen herausspielen und Tore erzielen konnte. Dann kam Paquetá. Können Sie uns etwas über ihre spielerische Entwicklung sagen? Ich habe hart dafür gearbeitet, dass ich so weit kommen konnte. Überall, wo ich gespielt habe, habe ich etwas dazugelernt. An jedem Ort habe ich etwas gelernt, und das hat mir sehr geholfen, mich weiterzuentwickeln. Ich finde, ich bin jetzt ein kompletterer Spieler. Dank all meiner Teamkameraden in der Seleção und bei Lyon habe ich ein besseres Spielverständnis entwickelt. Ich bin besser vorbereitet. In der Ära des FC Barcelona habe ich mir Iniesta und Xavi sehr oft angeschaut. Ich habe sehr viel von ihnen gelernt. Das Team war unglaublich intelligent. Ich habe immer versucht, das Spiel so anzugehen wie sie. Natürlich habe ich es nicht geschafft [lacht]. Aber ich habe versucht, so nah wie möglich an sie heranzukommen. Ich glaube, dadurch bin ich jetzt gelassener, wenn ich auf dem Platz Entscheidungen treffen muss. Wie ist es, an der Seite von Neymar zu spielen? Neymar ist ein Idol. Ich habe seine Spielweise und seinen Charakter immer bewundert. [Mit ihm zu spielen] ist einzigartig. Darüber werde ich später einmal meinen Kindern berichten. Es ist eine Freude und eine Ehre, an seiner Seite zu spielen und die Seleção zu unterstützen. Ich hoffe, dass unsere Partnerschaft noch lange Bestand hat und dass wir den brasilianischen Fans viel Freude bereiten können.

Welches Nationalteam außer Brasilien ist derzeit das beste der Welt? Frankreich hat eine hervorragende Mannschaft. Sie sind im Vorfeld dieser WM wirklich stark. Sie haben sehr gute Spieler, was natürlich auch für andere Nationalteams gilt, aber Frankreich wäre meiner Meinung nach ein Härtetest für Brasilien. Falls wir auf die Franzosen treffen, wird es ein super Spiel werden. Letzte Frage: Wen halten Sie aktuell für den besten Spieler der Welt? [Robert] Lewandowski.