Donovan: Coaching stärkt mein Mitgefühl

4. Apr. 2021
  • Exklusiv-Interview mit Landon Donovan, Trainer von San Diego Loyal

  • Donovan bereitet sich auf seine zweite Saison als Trainer im Profibereich vor

  • Er spricht über seine Philosophien, gelernte Lektionen und vieles mehr

Landon Donovan blickt auf eine überaus erfolgreiche Karriere als US-Nationalspieler zurück. Er war als Schlüsselspieler an den meisten Erfolgen der Stars and Stripes in den vergangenen Jahren beteiligt.

Mittlerweile hat er ein neues Kapitel aufgeschlagen und ist jetzt als Trainer tätig. Seine genaue Stellenbeschreibung lautet Executive Vice President of Soccer Operations und Manager von San Diego Loyal. Die Trainerstelle bei einem Klub in seiner Heimatstadt konnte er einfach nicht ablehnen. Und so ist er nun für das Team von San Diego Loyal in der United Soccer League (USL)-Meisterschaft zuständig, eine Liga unterhalb der Major League Soccer (MLS).

Donovan hat einen Trainerstab aus Männern und Frauen zusammengestellt und dafür zu Recht viel Lob erhalten. Zu seinen wichtigsten Vertrauten gehört Carrie Taylor, die sagt, "er ist für mich wie ein Bruder." Taylor war die erste Trainerin im gesamten Männer-Profifussball in den USA.

FIFA.com traf sich mit dem 39-Jährigen, der zurzeit mitten in den Vorbereitungen für seine zweite Saison im Amt steckt, und sprach mit ihm über seinen bisherigen Weg als Trainer, seine Philosophien und die Unterschiede zwischen dem Spieler Landon Donovan und dem Trainer Landon Donovan.

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FIFA.com: Wie blicken Sie auf Ihre erste volle Saison im Amt zurück?

Landon Donovan: Ich denke, es ist im Leben ganz allgemein so, wenn man etwas zum ersten Mal macht, dann denkt man, man hätte eine gute Vorstellung und viele Antworten, doch wenn man zurückblickt, dann war das Meiste doch eher ein Ausprobieren, und nicht selten hat man auch mal danebengelegen. Man wird sozusagen ins kalte Wasser geworfen und tut sein Bestes. Ich bin sicher noch weit davon entfernt, ein fertiger Trainer zu sein, aber ich habe jetzt sehr viel klarere Vorstellungen, wie bestimmte Dinge anzugehen sind. Es warten noch sehr viele Lernerfahrungen auf meinem weiteren Weg, doch ich habe das Gefühl, dass ich im vergangenen Jahr bereits eine ganze Menge gelernt habe.

Können Sie eines der Gebiete nennen, auf denen Sie besondere Fortschritte erzielt haben?

Da gibt es sehr viele. Man lernt, wann man besser spricht und wann man besser nicht spricht. Man lernt, wann die richtige Zeit für einen Spielerwechsel ist und wann man besser eine Umstellung auf dem Feld vornimmt. Man lernt, mit unterschiedlichen Spielern unterschiedlich zu sprechen. Man lernt viele Persönlichkeiten kennen. Wir hatten im vergangenen Jahr hier einen Spieler mit einer sehr speziellen Persönlichkeit, der auf eine ganz bestimmte Art und Weise geführt werden musste. Dieser Spieler ist jetzt zwar nicht mehr hier, doch es könnte ja in diesem Jahr jemanden geben, der ganz ähnliche Charakterzüge hat, sodass man viel von dem Gelernten umsetzen kann. Ich habe viel aus Fehlern gelernt, die ich gemacht habe, und aus den unterschiedlichen Erfahrungen und Erlebnissen.

Können Sie den bisherigen Erfolg überhaupt messen und einordnen, angesichts all der Auswirkungen der Pandemie auf Ihr erstes Jahr?

Man kann Erfolg auf unterschiedliche Weisen messen. Ich messe Erfolg jedenfalls nicht nur an Siegen und Niederlagen. Wobei ich natürlich weiß, dass diese Faktoren sehr wichtig sind. Niemand kann es sich leisten, jedes Spiel zu verlieren. Ich messe Erfolg jedoch in erster Linie daran, wie gut wir unsere Werte umsetzen. Wenn uns das gelingt, kommen die Resultate von allein. Wir haben Spieler, die stark genug für Erfolge sind. Wenn wir jeden Tag so gut wie möglich nach unseren Werten gestalten, dann werden wir auch auf dem Spielfeld erfolgreich sein. War die vergangene Saison nach diesem Maßstab erfolgreich? Absolut ja. Wir haben unsere Werte hochgehalten. Wir haben den Klub in San Diego vorangebracht, wir haben San Diego als Stadt vorangebracht und wir haben all das auf eine sehr respektvolle Weise vollbracht. Ich denke, dass die Menschen das zu schätzen wissen. Und zum Jahresende haben wir auch auf dem Feld sehr ansprechende Leistungen gezeigt. Die fussballerischen Aspekte werden wir schon hinbekommen, und solange wir unsere Werte weiter leben, halte ich das für erfolgreich.

Was haben Sie als Coach über sich selbst gelernt und wie hat das Coaching Sie verändert?

Es hat mein Mitgefühl gestärkt, denn ich würde sagen, dass mein stärkstes Attribut als Person mein Mitgefühl ist. Wenn man die Lebensgeschichte von 25 jungen Männern erfährt, entwickelt man mehr Mitgefühl. Man wächst und lernt die Menschen kennen und behandelt sie, als wären sie die eigenen Söhne. Das hat mir sehr geholfen, mich als Mensch weiterzuentwickeln. Ich habe über mich selbst gelernt, dass ich, um erfolgreich zu sein, wirklich bewusst tun muss, was ich jeden Tag tue. Als ich im vergangenen Jahr anfing, passierte erwartungsgemäß vieles spontan, und ich reagierte auf Vorkommnisse, weil mir die Erfahrung fehlte. Jetzt antizipiere ich Dinge, bevor sie passieren. Wenn ich jeden Tag auftauche, bin ich mir sehr bewusst, wie ich mich verhalte, was ich sage, was ich tue, und zwar auf eine sehr authentische Weise. Die wichtigste Eigenschaft einer Führungspersönlichkeit ist es, authentisch zu sein. Wenn man nicht authentisch ist, durchschauen die Leute das sofort.

Wann ist bei Ihnen der Wunsch gereift, Trainer zu werden?

Während meiner aktiven Zeit als Spieler hatte ich eigentlich nicht den Wunsch, Trainer zu werden. Ich hatte während meiner ganzen Karriere immer wieder mit aufgeblähten männlichen Egos zu tun und wollte mich damit nicht mehr auseinandersetzen. Aber gegen Ende meiner Karriere stellte ich fest, dass für mich die größte Freude beim Spiel darin bestand, anderen Spielern um mich herum zu helfen und zu sehen, wie sie noch erfolgreicher als ich wurden. Als sich diese Gelegenheit ergab, wollte ich sehr bewusst mit der Tatsache umgehen, dass ich keine Erfahrung als Trainer hatte. Es wäre möglich gewesen, dass ich völlig ungeeignet war, dass ich es hassen würde und es nicht machen wollte, also war dies eine Gelegenheit in meiner Heimatstadt einen Testballon zu starten. Ich habe sehr schnell festgestellt, dass ich es wirklich liebe. Es bleibt abzuwarten, ob ich am Ende wirklich ein guter Trainer werde oder nicht, aber ich liebe es wirklich und ich liebe es, das Leben der jungen Männer jeden Tag auf eine positive Art und Weise zu beeinflussen. Das bringt mir viel. Und ich nehme die Aufgabe sehr ernst. Das Ganze ist eine wirklich wichtige Verantwortung, viel mehr als bei einem MLS-Klub oder Jungs, die viel Geld verdienen, weil es buchstäblich die Lebensgrundlage dieser Jungs ist. Wenn einige dieser Jungs es als Fussballer nicht schaffen, gibt es für sie nicht viel Anderes zu tun. Es ist ja nicht so, dass sie ein paar Millionen Dollar gespart haben und in Rente gehen können. Ich nehme die Aufgabe sehr ernst, ihnen zu helfen, bessere Menschen und bessere Fussballer zu werden, damit sie dieses Spiel weiter spielen können und wenn sie fertig sind, eine wirklich gute Grundlage haben, um das zu tun, was als nächstes in ihrem Leben ansteht.

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Was sind die Kernpunkte Ihrer Coaching-Philosophie und wie haben Sie diese kultiviert, während Sie als Coach gewachsen sind?

In zweierlei Hinsicht. Zum einen durch das, was ich gesehen habe, was wirklich gut funktioniert. Ich hatte einige großartige Mentoren. Wie Bruce Arena die Spieler in der Umkleide führt, ist meiner Meinung nach absolut spitze. Er lässt eine Organisation nahtlos und zügig funktionieren. Daraus kann man eine Menge mitnehmen. Einige meiner Trainer als ich jünger war, beispielsweise Frank Yallop und John Ellinger, waren wirklich gut im Umgang mit mir und haben mich genauso behandelt, wie ich in bestimmten Situationen behandelt werden musste. Und dann hatte ich die Gelegenheit, zwei Mal für drei Monate nach England zu gehen und von David Moyes zu lernen, der ohne Frage der taktisch beste Trainer war, den ich je hatte. Er hat während eines Spiels Umstellungen vorgenommen, die das Spiel wirklich beeinflusst haben. Das ist also die eine Art, all das Gute zu lernen und zu übernehmen. Die andere Seite besteht darin, all das Schlechte zu meiden. Man beobachtet Trainer, die Dinge tun, bei denen man sich fragt: "Warum zum Teufel machst du das?" oder "Das hat keinen Sinn" oder "Das ist unklar". Das hat mir auch sehr geholfen, denn manchmal habe ich diese Fehler gemacht, aber ich habe sie ziemlich schnell erkannt und mir gesagt: "Hey, sei nicht wie der Trainer, den du damals hattest - so willst du nicht sein." Auch das hat mir also sehr geholfen.

Finden Sie es schwierig, eine Balance in Ihrem Leben herzustellen? Sehen Sie stets und ständig andere Spiele, oder können Sie auch mal Abstand vom Fussball nehmen, wenn Sie das brauchen?

Beides trifft zu. Ich sehe mehr Spiele und beobachte mehr Spieler als je zuvor. Aber ich kann am Abend das Telefon und den Computer ausschalten und zu Hause die Zeit mit meiner Familie genießen. Der wichtigste Schlüssel zum Erfolg ist die Fähigkeit, zu delegieren und gute Leute um sich zu haben, die wirklich gut sind bei dem, was sie tun. Wir haben ein wirklich hochkarätiges Team, besonders für dieses Niveau, und ich verlasse mich darauf, dass sie das tun, was sie gut können. Ich sehe eine Menge Trainer, die versuchen, alles selbst zu machen. Sie wollen das Team führen, jede Trainingseinheit selbst leiten, alle Videos anschauen und schneiden. Manche Leute können das, aber das ist nicht meine Art, zu arbeiten. Ich verlasse mich gerne auf die Leute, die ich habe, und gebe ihnen Autonomie mit klaren Grenzen und lasse sie das tun, was sie gut können. Es gibt Dinge, bei denen ich selbst gar nicht gut bin. Ich bin noch jung und neu auf diesem Gebiet. Ich habe noch keine 100 Spiele hinter mir. Warum sollte ich so tun, als wüsste ich es besser als jemand, der Hunderte von Spielen gecoacht hat oder Tausende Filmstunden geschaut oder geschnitten hat. Es ist wichtig zu wissen, was man nicht gut kann, was man nicht weiß, und Leute um sich zu haben, die das besser können.

CARSON, CA - NOVEMBER 06: Head coach Bruce Arena (L) and Landon Donovan #10 of the Los Angeles Galaxy hold up the Western Conference trophy after playing Real Salt Lake in the MLS Western Conference Championship at The Home Depot Center on November 6, 2011 in Carson, California. The Galaxy won 3-1 to advance to the MLS Cup. (Photo by Stephen Dunn/Getty Images)

Empfinden Sie jetzt eine größere Wertschätzung für die Trainer, die Sie während Ihrer aktiven Karriere hatten?

Absolut, ja! Alles sieht aus der Ferne so leicht aus, nicht wahr? Alles scheint so einfach, wenn man nicht selbst beteiligt ist. Ist man aber selbst beteiligt, dann merkt man schnell, wie komplex vieles ist. Ein kleines Beispiel: Wenn wir den Jungs morgens die Videos zeigen, haben wir stundenlang Material gesichtet, Szenen geschnitten und besprochen, wie und was wir zeigen wollen. Das ist für jeden, der schon einmal trainiert hat, nichts Neues. Wir bringen das Material in eine fünf-, sieben-, zehnminütige, verdauliche Form für die Spieler. Als Spieler habe ich mich bei so manchem Video, das ein Trainer zusammengestellt hat, gefragt: "Warum haben wir uns das angesehen? Das war uninteressant, das habe ich nicht gebraucht." Dabei hatte es sie viele Stunden gekostet, dass Material zusammenzustellen. Wenn wir uns ein Video ansehen oder irgendetwas rund um das Spiel oder auf dem Feld tun, dann tun wir das mit einer klaren Absicht. Ein Beispiel: Bei den meisten Teams, die ich kenne, hat man am Sonntag nach einem Samstagsspiel frei, und am Montag joggen die Jungs einfach um das Feld und machen Dehnübungen. Genau das machen wir nicht. Wenn wir aufs Spielfeld gehen, ist alles, was wir tun, beabsichtigt, so dass man die gleiche körperliche Reaktion erreichen kann, indem man etwas tut, das tatsächlich zu unserem Spielmodell passt. Ich könnte etwas mit unserer Form machen, mit einem Passspiel, das sie auf die gleiche Weise in Bewegung bringt, damit sie nicht nur um das Feld herumjoggen und Zeit verschwenden.

Was macht Ihnen als Trainer die größte Freude?

Gute Frage! Meine tägliche Interaktion mit den Spielern und die Möglichkeit zu beobachten, wie sie sich entwickeln und steigern. Das kann auf und abseits des Spielfelds sein. Wenn ich sehe, dass jemand etwas wirklich mitfühlend oder respektvoll macht oder wirklich verlässlich ist und das seinen Mitspielern zeigt und es auf eine achtsame Art und Weise tut - solche Dinge geben mir wirklich ein gutes Gefühl. Auf dem Feld gibt es eine Menge Dinge, an denen wir die ganze Zeit arbeiten, und wenn das in einem Spiel zum Tragen kommt, bereitet mir das große Freude.

Überkommt Sie auf dem Trainingsplatz manchmal der Wunsch, wieder selbst zu spielen?

Nein, überhaupt nicht. Ich hatte mir selbst vorgestellt, dass es so sein würde, doch es ist nicht so. Der wichtigste Grund liegt wohl darin, dass ich sehe, wie leistungsfähig die Spieler körperlich sind und dass ich weiß, wie lange es dauert, zu diesem Punkt zu gelangen. Und ich will ganz sicher nie wieder eine so intensive sechswöchige Saisonvorbereitung absolvieren (lacht). Das hört sich für mich überhaupt nicht verlockend an. Ich weiß, dass ich körperlich dazu nicht mehr in der Lage bin und daher reizt es mich überhaupt nicht.

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