FIFA-Kampagne #ReachOut - Teresa Enke: "Es kann jeden treffen"

2. Aug. 2021
  • Startschuss zur FIFA-Kampagne #ReachOut

  • Interview mit Teresa Enke, Ehefrau von Robert Enke, der sich 2009 das Leben nahm

  • "Corona ist besonders gefährlich für die psychische Gesundheit"

Es war einer der schlimmsten Tragödien in der Geschichte des deutschen Fussballs: Am 10. November 2009 wurde Torhüter Robert Enke von einem Zug überrollt. Erst später wurde bekannt, dass der 32-jährige Nationaltorhüter (acht Länderspiele) seit 2003 mehrfach wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung gewesen war. In seinem Abschiedsbrief bat Enke, der unter anderem für Borussia Mönchengladbach, Benfica Lissabon, den FC Barcelona und Fenerbahçe Istanbul auflief, Angehörige und Ärzte um Verzeihung.

CARDIFF, UNITED KINGDOM - APRIL 01: Germany goal keeper Robert Enke in action during the FIFA 2010 World Cup Qualifier match between Wales and Germany at the Millennium Stadium on April 1, 2009 in Cardiff, Wales. (Photo by Bryn Lennon/Getty Images)

"Wir sind fassungslos und voller Trauer. Robert Enke war ein wunderbarer Mensch, der auch harte Schicksalsschläge verdauen musste", sagte der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger. Oliver Bierhoff, Manager der Nationalmannschaft, ergänzte: "Wir sind alle geschockt, uns fehlen die Worte." "Ich bin unendlich traurig. Wenn man eine solche Nachricht bekommt, werden alle anderen Probleme ganz klein", rang auch Deutschlands Fussball-Legende Franz Beckenbauer damals um die passenden Worte. Seit dieser Zeit hat sich in dem Bewusstsein der Menschen bezüglich dieser Krankheit viel getan erzählt seine Frau Teresa, die 2010 die Robert-Enke-Stiftung gründete, im Interview. „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass sich seit dem Selbstmord meines Mannes im Jahr 2009 eine Menge getan habe. Die Akzeptanz dieser Krankheit ist da. Psychologen, aber auch Psychiater, sind im Team angekommen, und im Nachwuchsleistungssport wird psychologisches Training angeboten.“ "Das finde ich toll, und ich glaube, wenn Robbie auf der Wolke runterschaut, ist er richtig stolz. Auf das, was jetzt entstanden ist. Nicht nur durch die Robert-Enke-Stiftung, sondern ganz allgemein. Die Menschen setzen sich mit diesem Thema auseinander und die Menschen haben endlich erkannt, dass psychische Gesundheit enorm wichtig ist. Und ja, es kann jeden treffen."

Mit der heute (2. August) gestarteten #ReachOut-Kampagne will die FIFA auf Symptome psychischer Erkrankungen aufmerksam machen, Betroffene ermutigen, bei Bedarf Hilfe zu suchen, und alle dazu animieren, sich tagtäglich um ihr seelisches Wohlbefinden zu kümmern. Mit der Unterstützung ehemaliger und aktueller Fussballer schärft die FIFA das dringend nötige Bewusstsein für mentale Gesundheit. "Mit dieser Kampagne können wir die Öffentlichkeit für psychische Probleme sensibilisieren und Betroffene ermutigen, das für sie vielleicht lebensrettende Gespräch zu suchen. Getreu der FIFA-Vision 2020–2023 bekennen wir uns dazu, uns mit dem Fussball für die Gesellschaft zu engagieren. Ich danke allen Spielern und Frau Enke für ihren Beitrag zu dieser wichtigen Initiative", so FIFA-Präsident Gianni Infantino zum Start der Kampagne am 2. August 2021.

Gerade während der COVID-19-Pandemie fällt es vielen Menschen schwerer, einen gesunden Lebensstil beizubehalten, wie z. B. sich regelmäßig zu bewegen, sich gesund zu ernähren, genügend Schlaf zu bekommen und Kontakt zu Freunden und Familie zu halten. "Corona ist besonders gefährlich für die psychische Gesundheit, weil man natürlich so allein ist", warnt Enke. "Corona hat eine ganz besondere Bedeutung für die Gesellschaft. Ich sage immer, das einzig Positive an Corona ist, dass die Menschen jetzt sensibler für psychische Krankheiten sind. Aber das ist wirklich das einzig Positive. Die Menschen waren mit einem noch nie dagewesenen Problem konfrontiert, dieser Isolation und Fremdbestimmung, so dass man nicht selbst entscheiden konnte - gehe ich nach 23 Uhr aus oder nicht?" "Wenn man feststellt, dass man womöglich krank ist, ist der wichtigste Moment, sich selbst zu öffnen. Wenn man feststellt, dass ein guter Freund oder Freundin psychische Probleme hat, würde ich ihm raten, sich Hilfe zu holen. Depression ist, wenn sie noch nicht so weit fortgeschritten ist, heilbar." "Die Rolle eines guten Freundes oder Partners ist es, an der Seite der Person zu stehen, Verständnis zu haben, manchmal einfach nur neben ihr zu sitzen und zuzuhören."

"Depression ist eine Krankheit und keine Schwäche. Wenn diese Akzeptanz da ist, dann hat der andere, der es hat, keine Probleme, sich zu öffnen. Denn wenn ich Krebs habe oder eine Knieoperation, dann habe ich keine Angst, es jemandem zu sagen, weil das Verständnis sofort da ist, weil man Zugang dazu hat, aber bei Depressionen ist das anders." "Ich glaube, dass Sportler mit Druck umgehen können und müssen. Erst wenn der Druck zu groß wird, oder wenn diese Krankheit ausbricht, muss man sich Hilfe suchen. Sicherlich hat jeder Druck bei der Arbeit, aber wenn man merkt, dass man durch den Druck nicht mehr so leistungsfähig ist wie früher, dann ist es wichtig, dass Menschen da sind, die einen entlasten und einem zur Seite stehen."

Befrienders Worldwide bietet Hilfe und Unterstützung für Menschen in Not oder mit Selbstmordgedanken in der ganzen Welt. Besuchen Sie https://www.befrienders.org/ und https://www.befrienders.org/other-helpline-organisations, um Unterstützung in Ihrem Land zu finden. 

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